MANAGER Schweres Erbe
Das Rennen war spannend bis zum Schluß. Am Donnerstag voriger Woche um 13.45 Uhr konnte Helmut Schmidt, PR-Direktor von Daimler-Benz, das Ergebnis verkünden: Gerhard Prinz, Mercedes-Vorstand für das Ressort Materialeinkauf, wird am 1. Januar 1980 Nachfolger des pensionsreifen Mercedes-Lenkers Joachim Zahn. Der 20köpfige Aufsichtsrat hatte es, wie Schmidt erleichtert feststellte, »einstimmig« beschlossen.
Noch zwei Tage zuvor hatte auf einer Pressekonferenz des VW-Konzerns ein Wolfsburger Vorstandsmitglied die Gerüchte um die Zahn-Nachfolge wiederbelebt.
Die Sache mit Prinz sei so sicher wohl nicht, wußte der VW-Mann zu berichten. Und als Beleg reichte der Auto-Manager die Meldung eines vertraulichen Informationsdienstes, wonach sich die Herren vom Mercedes-Großaktionär Deutsche Bank alles neu überlegt hätten.
Verblüffen konnte dies niemand, der mit verfolgt hatte, wie schwer sich die Deutsche Bank mit der Zahn-Nachfolge tat. Nicht zuletzt war ja auch einer der Ihren, Bankvorstand Alfred Herrhausen, an dem in der westdeutschen Industrie hochgeschätzten Mercedes-Vorsitz interessiert gewesen.
Mit Gerhard Prinz, 50, nimmt diesen Platz jetzt ein Mann ein, der große Auftritte weder liebt noch je gehabt hat. Doch wo es lang geht, wenn man in der Großindustrie etwas werden will, das wußte der aus Solingen stammende Manager genau.
Als Sproß eines Besteck- und Geschirrfabrikanten -- der Familie Prinz gehört die Carl Prinz AG, Solingen -- lernte Prinz junior schon zu Hause den Unterschied zwischen Soll und Haben. Den rechten Habitus, den manch anderer sich auf dem Karriereweg erst nach bitteren Erfahrungen aneignen konnte, hatte Gerhard Prinz schon im Elternhaus erworben.
Derart begünstigt, startete Prinz nach dem Studium von Jura und Wirtschaftswissenschaften seine Karriere nicht weit vom heimischen Metier entfernt. Er heuerte als Assistent bei dem CDU-Prominenten Hans Dichgans an, der Chef der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie war.
Auch der erste wichtige Prinz-Promoter war der CDU innig verbunden: Kurt Lotz, damals Vorstandschef des Maschinenbaukonzerns BBC, versah Prinz mit ersten Managerehren.
Das Gespann blieb beisammen, als Lotz Vorstandschef der Volkswagenwerke wurde. Nach zwei Jahren im zweiten Glied war es soweit. 1969 beförderte Lotz den gerade 4ojährigen Prinz zum VW-Vorstandsmitglied.
Die erste Karriere-Krise überstand Prinz fast unbeschadet. Als Lotz 1971 sich mit dem Aufsichtsrat auf einen erbitterten Streit um die Bestellung eines Arbeitsdirektors bei VW einließ, ging Prinz rechtzeitig auf Distanz zu seinem Mentor. Lotz verlor und mußte gehen, Prinz konnte bleiben.
Lotz-Nachfolger Rudolf Leiding fand so viel Gefallen an dem Solinger, daß der schon bald als Leidings Kron-Prinz ins Gespräch kam. Allerdings waren da auch noch andere Anwärter: Verkaufschef Carl Hahn und Finanzchef Friedrich Thomée.
Zudem waren die Zeiten sehr unruhig. Bei VW ging es mit Finanzen und Umsätzen steil bergab, der Ton in der Beletage wurde grantiger. Vier Topmanager mußten gehen.
Prinz kalkulierte richtig, als er 1973 entschied, daß der unruhige Niedersachsen-Konzern für ihn nicht mehr das richtige sei. Überraschend reichte er seinen Abschied ein und verdingte sich bei Mercedes-Chef Joachim Zahn.
Leiding bedauerte den Verlust: »Wir hätten ihn gern dabehalten«; Zahn frohlockte: »Ein Mann, auf den jedes Werk stolz wäre.«
Die beiden Juristen waren damals bereits gute Bekannte. Prinz hatte bei VW das Ressort Beteiligungen geleitet und war dadurch häufiger Gast bei Zahn in Stuttgart gewesen. Prinz und Zahn verhandelten beispielsweise über den Verkauf der Audi-Werke von Mercedes an VW.
Die beiden Manager paßten gut zueinander: Der konservative Mercedes-Chef Zahn, der sich bei Mercedes immer und in erster Linie als Sachwalter der Eigentümer-Interessen verstand, und der Fabrikbesitzer-Sohn Prinz, der daheim und bei seinen christdemokratischen Lehrmeistern unternehmerische Gesinnung gelernt hatte.
Einen rechten Renommier-Posten hatte Zahn für seinen neuen Schützling allerdings nicht zur Hand. Prinz mußte sich mit dem wenig glanzvollen Ressort »Materialwirtschaft« bescheiden. Der oft als Prinz-Konkurrent gehandelte Edzard Reuter, Sohn des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters von West-Berlin, ergatterte fast gleichzeitig das zukünftige Chefressort, die Unternehmensplanung. Reuter wechselt jetzt in das Finanzressort; Vorstandschef Prinz kümmert sich hinfort um die Planung.
Doch Zahn half nach. Er schob seinem Protegé Sonderaufgaben zu, die dem zurückhaltend agierenden und parlierenden Kron-Prinzen halfen, Profil zu gewinnen. Insbesondere der Erwerb der amerikanischen Schwerlast-Transporter-Firma Euclid gilt bei Daimler als glanzvolle Prinz-Tat.
In Zukunft wird es um mehr gehen. Branchenkenner sagen dem vom dauernden Erfolg verwöhnten Mercedes-Management harte Zeiten voraus. So meint VW-Chef Toni Schmücker, daß »gesetzliche Benzin-Verbrauchsauflagen wie in den USA über kurz oder lang auch bei uns kommen werden«.
Wenn sie eher früher als später kommen, könnte Mercedes arg ins Gedränge geraten. Denn die Prestige-Limousinen des Hauses zeichnen sich mit Ausnahme der Diesel durch einen Benzinkonsum aus, der weit jenseits der Grenzen künftiger Benzin-Verbrauchs-Gesetze liegen dürfte.
Schwierigkeiten dürfte der neue Daimler-Chef auch schon bald im hart umkämpften Lastwagengeschäft bekommen. Die Lkw schaffen rund die Hälfte des Daimler-Umsatzes, bringen aber schon heute kaum noch Gewinn.
Die schwere Entscheidung für die Produktion eines »kleinen Mercedes« mit gedrosseltem Benzindurst hat Chef Zahn seinem Nachfolger noch abgenommen. Der werksintern W 201 geheißene Spar-Mercedes soll von 1981 an im Bremer Werk vom Band laufen.
Bei der Neuorientierung des Lastwagengeschäfts konnte Oldtimer Zahn dem Nachfolger nicht mehr helfen. Auf dem Lkw-Markt, so Zahn, wird es »zu einer Battle of Europe kommen«. Und in dieser Schlacht darf Gerhard Prinz seine erste Bewährungsprobe bestehen.