Schwerste Bedenken - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 34 / 91

Schatzbriefe Schwerste Bedenken

Der Plan Hessens, fehlende öffentliche Mittel durch Ausgabe von Schatzbriefen zu beschaffen, hat die Sparkassen alarmiert. Die Banken furchten, der Staat könnte der Privat« wirtschaft das Kapital entziehen.
• aus DER SPIEGEL 25/1972
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nur einen Monat war Professor Wilhelm Hankel, ehemals Karl Schillers Geldexperte, als Präsident der Hessischen Landesbank im Amt, da legte er sich mit dem mächtigsten Mann der Sparkassen, Ludwig Poullain. an. Den Chef der Westdeutschen Landesbank -- sie fungiert als Spitzenorganisation der Sparkassen in Nordrhein-Westfalen -- hat Hankels Ankündigung erzürnt, er werde hessische Schatzanweisungen, kurz »Hessen-Schätzchen« genannt, über die Sparschalter verkaufen. Mit dem Erlös der Aktion will das Land öffentliche Investitionsvorhaben finanzieren.

»Durch die Ausgabe von angemessen verzinsten hessischen Schatzanweisungen«, so warb Ministerpräsident Albert Osswald, sollen die Bürger »mit ihren Ersparnissen unmittelbar an den Einrichtungen zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen« beteiligt werden.

»Für die Verbesserung der Infrastruktur und zur Durchsetzung gesellschaftspolitischer Reformen«, verkündete der Landesvater Anfang Mai, benötige das Land bis 1985 rund 60 Milliarden Mark. Die Steuern reichen dafür nicht aus. Mit dem »Hessen-Schätzchen« sollen nun Spargelder mobilisiert werden.

Osswalds Landesbankier Hankel gab Hilfestellung, präzisierte das neue Wertpapier (Laufzeit drei bis sechs Jahre, keine Rücknahmegarantie, dafür aber beleihbar) und verprellte damit die anderen Landesbanker. Ludwig Poullain: »Diese Nicht-Kooperation haben wir bisher nicht gekannt, das war uns neu.«

Auf der Routine-Konferenz der Girozentral-Leiter am 24. Mai in Münster forderten die Landesbank- Präsidenten ihren Sprecher Poullain auf. flanke] um Konkretisierung seiner Pläne zu bitten. Prompt schrieb er nach Frankfurt und meldete im Namen seiner Kollegen »schwerste Bedenken« an.

Die Sorge der Landesbanken: Würden die Länder nach dem Muster des Bundes Schatzbriefe ausgeben, könnten auch Städte oder gar kleinere Kommunen auf die Idee kommen, ihre schmalen Steuersäckel durch Spargelder aufzufüllen.

Wenn jeder Bürgermeister sein Schwimmbad mit Schätzchen finanziert, sieht Sparkassen-Verbandspräsident Helmut Geiger schwarz: »Dann wird's problematisch im deutschen Vaterland.« Die Städte seien bereits beunruhigt. Köln beispielsweise Wollte ein Sportstadion mit eigenen Schatzbriefen bauen; der Plan wurde zunächst zurückgestellt, als die Poullain-Landesbank Einwände erhob.

Ein vermehrtes Angebot öffentlicher Schatzbriefe fürchten die Banken und Sparkassen allein schon deshalb, weil sie selbst sogenannte Sparbriefe mit vier bis sieben Jahren Laufzeit anbieten, aus deren Erlösen sie mittelfristige Kredite vergeben. Helmuth Camman vom Verband deutscher Banken gab zu bedenken: »Wenn die Länder auch noch damit kommen, dann sind zu viele Schätzchen am Markt.«

Verärgert sind die Geldinstitute seit 1969, als sie den Bundesschatzbrief an ihren Schaltern feilhalten mußten. Die Banken leisteten passiven Widerstand, indem sie die Bonn-Schätzchen ihrer Kundschaft nicht empfahlen. Poullains Begründung auch jetzt: »Die Angebotspalette ist komplett. Wir haben keinerlei Veranlassung, etwas dazwischenzuschieben.« Außerdem: »Die Verwendung der mit Schatzbriefen aufzubringenden Mittel ist problematisch, denn praktisch bedeutet dies eine Umleitung der Gelder von privaten auf öffentliche Investitionen.«

Hankel indes ließ sich nicht bange machen. Er schrieb Poullain, bei den Hessen-Schätzchen handele es sich »um ein längst überfälliges Stück Phantasie am Rentenmarkt« und der überregionale Markt werde entscheiden, wer künftig als Schatzbrief-Emittent (Länder und Gemeinden) in Frage komme. Hankel: »Ich biete jede Wette: Der Kreis der Schätzchen-Emittenten wird sich in den nächsten fünf Jahren auf vier oder fünf, mit Sicherheit aber nicht auf 40 bis 50 erweitern.«

Zweifellos wird die Staatsfinanzierung über mittelfristige Spargelder finanzschwache Länder und Städte reizen, die sich ohnehin in Zukunft stärker verschulden müssen. Selbst wenn sie bei angespanntem Rentenmarkt keine neuen Anleihen auflegen können, der Schatzbriefverkauf über den. Bankschalter eröffnet ihnen stets die Möglichkeit, fehlende Mittel aufzutreiben.

Den Erfolg der stillen Finanzierung hat Bonn vorexerziert. Drei Jahre lang wurden Bundesschatzbriefe wie dubiose Schuldscheine herumgeboten, das Publikum legte nur 1,73 Milliarden Mark in Bundesschätzchen an. In diesem Jahr aber kamen die Sparer auf den Appetit: Im ersten Quartal kauften sie mehr Schatzbriefe als in den drei Jahren zuvor: für 1,76 Milliarden Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 34 / 91