GEWERKSCHAFTEN Schwört jeden Eid
Fast eine Stunde lang wehrte sich Arnold Krause, Hamburger Sekretär der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), gegen die lärmenden und randalierenden Kollegen. Dann leistete ihm die Staatsmacht Beistand: »Mit Kampfhelm. Schaftstiefeln und Pistolen«, so der Informationsdienst des Verbandes ausgeschlossener Gewerkschafter (VaG), stürmte eine halbe Hundertschaft Polizei den Saal und beendete die Mitgliederversammlung der HBV-Fachgruppe Buchhandel und Verlage »mit ganz neuen Argumenten«.
Das überraschende Finale des Hamburger Gewerkschafter-Treffens markiert den vorläufig letzten Höhepunkt einer Auseinandersetzung, von der kaum eine Gewerkschaft verschont blieb. Bundesweit plagen sich Deutschlands hauptamtliche Arbeiterführer mit ihren hauseigenen Extremisten ab.
Der »Kampf um die Gewerkschaften« (Kommunistischer Bund Westdeutschland) wird von beiden Seiten mit verbalem Sperrfeuer geführt. Die »Chaoten« (Gewerkschaftsjargon) beschimpfen die Funktionäre als »Arbeiterverräter«, »Kapitalistenknechte«, »Oberböcke« und »Betrüger«. Stets werfen sie ihnen vor, mit den Unternehmern insgeheim gemeinsame Sache zu machen. So polemisierte der »Rote Beiersdorfer« vor der letzten Chemie-Tarifrunde: »Die IG-Chemie-Führer ... haben sich doch mit den Chemieherren von Bayer, BASF und Hoechst und der Kapitalisten-Regierung in Bonn abgesprochen.«
Nicht minder massiv feuern die verunsicherten Gewerkschaftsführer zurück. Die Linksradikalen seien »pubertäre Fanatiker«, »blutige Abenteurer«, »politische Träumer« und, als rhetorischer Höhepunkt, »Mao-Verehrer«.
Die Nervosität der Funktionäre ist verständlich: Die Radikalen stellen zwar nur eine winzige Minderheit. Doch häufig gelang es ihnen. »die Gewerkschaftsarbeit zu blockieren«. (Flugblatt der IG Druck). Eduard Kolitsch, Bevollmächtigter der IG Chemie West-Berlin, gibt offen zu: »In Betriebsversammlungen haben die oft eine gewisse Resonanz.«
»Das Strickmuster ihrer Agitation«, weiß inzwischen Manfred Menzel. Pressesprecher der IG Chemie, »ist immer dasselbe": Zunächst versuchten die Superlinken, sich in Betriebsräten oder Vertrauensleutekörpern festzusetzen.
*ln Gelsenkirchen.
Dann würden lange Diskussionen um ideologische Probleme angezettelt, um so den Gewerkschaftern die Verlogenheit der offiziellen Vorstandspolitik zu demonstrieren. Dann schließlich streuten sie interne Informationen und attackierten das Funktionärs-Establishment mit persönlichen Verdächtigungen.
Vor allem in Berlin und Hamburg gelang den Extremisten die Unterwanderung mehrerer Betriebe. Im Hamburger Werk der Hoechst AG etwa mußte die Gewerkschaftsführung ihren Vertrauensleutekörper, die gewerkschaftliche Basis, auflösen, weil nichts mehr lief. »Die kamen dort«, klagt IG-Chemie-Sekretär Philipp von Kodolitsch, »nie mehr über den Tagesordnungspunkt eins hinaus.« Auch bei dem Hamburger Kosmetik- und Arzneimittel-Unternehmen Beiersdorf AG, bei der Ölfirma Texaco und der Norddeutschen Affinerie kommen die Funktionäre nur noch mühsam gegen die Radikalen an.
Die Enttarnung der Extremisten als Angehörige einer nach DGB-Kriterien »gegnerischen Organisation«, deren Unterstützung mit einer Mitgliedschaft in der Gewerkschaft laut DGB-Beschluß »unvereinbar« ist, bereitet den Funktionären immer größere Schwierigkeiten. Bekannten sich die Radikalen noch vor Jahren offen zur »Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGOV)«, so ziehen sie jetzt die Unauffälligkeit vor: »Unterschreibt jeden Revers. Schwört jeden Eid. Bescheißt sie, wie sie euch bescheißen« (Kommunistischer Bund Westdeutschland).
In den Berliner Schering-Werken etwa konnte Chemie-Funktionär Eduard Kolitsch zwar ein Dutzend Agitatoren überführen und aus der Gewerkschaft ausschließen. Doch, so vermutet der Gewerkschafts-Aufklärer« blieben nach seiner Säuberungswelle noch immer über 30 Tiefrote unerkannt.
Einmal ertappt, müssen die Extremisten in der Gewerkschaft mit harten Sanktionen rechnen: Sie werden -- oft ohne Verfahren -- aus der Arbeiterorganisation ausgeschlossen.
Inzwischen nämlich haben sich fast alle DGB-Gewerkschaften durch Satzungsänderungen gründlich gegen Radikale abgeschottet. Allein die Unterstützung von Sektierer-Aktivitäten kann zum Ausschluß führen. Und etliche Funktionäre, wie etwa die Kollegen von der GEW, möchten sogar noch weitere Vollmachten: Sie wollen in Zukunft auch keine Mitglieder der moskautreuen DKP mehr in ihrer Gewerkschaft dulden.
Kritische Gewerkschafter fürchten bei derlei Abgrenzungseifer denn auch, daß manchen Funktionären der Kampf gegen die Radikalen gerade recht kommt, um die fällige Diskussion über Ziele und Strategien der Gewerkschaften bürokratisch abzuwürgen. Gelegentlich mag es auch darum gehen, berechtigte, aber unangenehme Kritik an der Vorstandslinie zu ersticken.
So lenkte die IG Metall von eigenen Fehlern ab, als sie die rabiate Phase des Türken-Streiks bei den Kölner Ford-Werken allein den Linksextremisten anlastete. Der Arbeitskampf entzündete sich nicht zuletzt an der schüchternen und weitgehend erfolglosen Arbeit des mit etablierten IG-Metallern durchsetzten Betriebsrates, der jahrelang Interessen der türkischen Arbeiter vernachlässigte -- und bei den diesjährigen Betriebsratswahlen abgewählt wurde.
Allzu forsch und selbstsicher verfuhren auch die bestallten Gewerkschaftsführer, als sie elf Mitgliedern der Deutschen Postgewerkschaft beim Fernmeldeamt Hamburg die Mitgliedsbücher ahnahmen. Der örtliche Gewerkschaftsvorstand begründete den Rausschmiß unter anderem damit, daß »zu oft Sitzungen durchgeführt wurden«.
Von heftiger Extremistenfurcht wurde auch ein Kieler ÖTV-Funktionär geschüttelt. Als acht junge Männer um Aufnahme in die Gewerkschaft baten, erhielten sie acht gleichlautende Briefe von der ÖTV zurück: »Nach unseren Informationen sind Sie einer Organisation zuzurechnen, die unter den Extremisten-Beschluß des DGB fällt. Wir müssen daher Ihre Aufnahme ablehnen.« Die acht Bewerber waren Vikare bei der Kieler Kirchenleitung.