Second-Hand-Versicherungen "Der Tod ist das schlechtere Geschäft"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Oldehaver, wenn der Zweitmarkt so attraktiv ist, wie Sie ihn schildern: Warum ist in Deutschland bisher niemand auf die Idee gekommen, einen solchen Fonds aufzulegen?
Ulrich Oldehaver: Es ist immer schwer, eine plausible Antwort auf diese Art Fragen zu geben. Obwohl die Logik des Systems eigentlich einleuchtend ist, hat sich hier zu Lande in dieser Form noch niemand dem Thema genähert. Es wäre aber absurd zu sagen: Wir sollten die Finger davon lassen, weil es noch niemand probiert hat.
SPIEGEL ONLINE: Der Zeitpunkt für Ihr Experiment könnte auf manchen mäßig glücklich wirken, denn die Liebe des Deutschen zur Lebensversicherung war schon mal inniger. Viele fürchten die schrumpfende Überschussbeteiligung oder gar den Finanzkollaps ihres Versicherers.
Oldehaver: Das Timing ist sicherlich nicht perfekt. Wir hätten uns schon gewünscht, dass alle Zeitungen schreiben, wie toll und profitabel Lebensversicherungen sind. Dann wäre der logische Schluss, dass gebrauchte Lebensversicherungen umso attraktiver sind - schließlich kaufen wir die Policen zum günstigeren Preis. Wir glauben aber, dass die negativen Nachrichten nicht wirklich relevant sind. Vertriebspartner und Kunden werden erkennen, dass Lebensversicherungen ihre Berechtigung haben und kapitalmarktkonforme Renditen bieten.
SPIEGEL ONLINE: In den USA genießen Anbieter, die gebrauchte Policen erwerben, einen sehr zweifelhaften Ruf. Je früher der Versicherte stirbt, desto schneller gibt es die Todesfall-Leistung und desto höher ist die Rendite. So etwas ist in Deutschland nicht zu machen, oder?
Oldehaver: Ja, denn das ist ethisch hoch problematisch. In Amerika werden aber reine Risikolebensversicherungen erworben, keine kapitalbildenden. Für uns dagegen ist der Tod des Versicherungsnehmers klar das schlechtere Geschäft. Denn der ursprünglich Versicherte behält auch nach dem Verkauf seinen Todesfallschutz, wenn auch abzüglich der eingezahlten Beiträge und einer Verzinsung.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem nutzen Sie die Notlage von Menschen aus, die etwa auf Grund von Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Scheidung ihre Prämien nicht mehr zahlen können.
Oldehaver: Es gibt Verträge, die aus diesen Gründen veräußert werden. Andere Kunden wollen den Verkaufserlös einfach neu und rentabler anlegen. Wir nutzen Zwangslagen auch nicht aus, sondern ermöglichen dem Verkäufer eine erhebliche Besserstellung. Derzeit werden im Jahr Lebensversicherungen im Volumen von acht Milliarden Euro storniert. In einzelnen Fällen liegt das, was wir zahlen, 15 Prozent über der Auszahlung der Versicherung bei Stornierung.
SPIEGEL ONLINE: Üblicherweise ist der Aufschlag weniger groß?
Oldehaver: Im Durchschnitt bieten wir vier Prozent mehr.
SPIEGEL ONLINE: Wie definieren Sie Ihre Zielgruppe? Bei einer Mindestanlage von 10.000 Euro und einer Laufzeit bis Ende 2017 scheidet wohl der allergrößte Teil der Bevölkerung aus.
Oldehaver: Auch bisher bedienen wir fast ausschließlich so genannte High-Net-Worth-Individuals. Unser durchschnittlicher Investor legt bei uns mindestens 30.000 Euro an. Wir gehen davon aus, dass der Anleger den Betrag längerfristig erübrigen kann.
SPIEGEL ONLINE: Wer Fondanteile kauft, zahlt nicht nur fünf Prozent Preisaufschlag, sondern auch eine Fülle von Nebenkosten für Verwaltung, Management, Treuhandvergütung, Zinszahlungen und Kredit-Tilgung. Könnte das nicht viele abschrecken?
Oldehaver: Jeder, der sich das Produkt ansieht, stellt fest: Es müssen eine Menge Dienstleistungen erbracht werden, um das Fondskonstrukt zu ermöglichen. Wir müssen ein Rating der Versicherer betreiben, die Policen prüfen und einen Preis für den Ankauf aushandeln.
SPIEGEL ONLINE: Kunden in Ihrer Liga sind sicherlich an Steuer-Ersparnissen interessiert. Im Prospekt räumen Sie aber ein, dass die steuerliche Behandlung des Fonds noch unklar ist.
Oldehaver: Unsicher ist nur, ob sich die steuerliche Einschätzung noch verbessert. Im Prospekt beschreiben wir das "Worst Case Szenario", und das ist immer noch gut. Wir gehen davon, dass Ankaufen, Halten, Verwalten und Verkaufen als gewerbliche Tätigkeit definiert werden. In diesem Fall fällt Gewerbesteuer an, die späteren Veräußerungen sind entsprechend steuerpflichtig. Dafür können wir alle Aufwendungen absetzen, die mit Ankauf und Finanzierung im Zusammenhang stehen.
SPIEGEL ONLINE: Sie wollen nur Policen aufkaufen, die bei finanzstarken Gesellschaften laufen und die eine garantierte Mindestverzinsung von vier Prozent bieten. Wie viele Versicherer bleiben da noch übrig?
Oldehaver: Es kommen circa 20 Gesellschaften in Frage, deren Namen auch dem Durchschnittsbürger bekannt sind.
SPIEGEL ONLINE: Warum sollten die Versicherer mit Ihnen kooperieren? Die Münchner Firma Cash.Life, die schon seit Jahren gebrauchte Policen aufkauft, soll auf starken Widerstand gestoßen sein.
Oldehaver: Die Versicherungsgesellschaft ist zu bestimmten Auskünften verpflichtet. Wenn Sie versuchen, Ihren rechtmäßigen Anspruch einzufordern, machen Sie sich aber nicht überall beliebt. Trotzdem haben die Versicherer durchaus ein Interesse daran, die laufenden Verträge und damit die Beitragszahlungen zu erhalten. Hohe Storno-Quoten gelten in der Branche als Indiz für zweifelhafte Seriosität.
SPIEGEL ONLINE: Anders als in Großbritannien, dem Mutterland des Policen-Handels, müssen die Versicherer in Deutschland zustimmen, wenn eine Police den Besitzer wechselt. Da könnte die Gesellschaft ein Veto einlegen.
Oldehaver: Wie soll der Versicherer es denn begründen, wenn er den Wechsel ablehnt? Die Kunden würden Alarm schlagen, und das würde zu wenig guter Publicity führen. Wenn ich Neukunde wäre, würde ich mir überlegen, ob ich bei so einer Gesellschaft noch eine Police abschließe.
SPIEGEL ONLINE: Sie wollen 75 Prozent des Fondskapitals über einen Kredit finanzieren. Dadurch bekommt Ihr Anlage-Modell eine spekulative Note.
Oldehaver: Die Finanzierung steht auf einer sicheren Basis, da Fremdkapital nur bis zur Grenze von neunzig Prozent der realisierbaren Rückkaufswerte aufgenommen wird. So ist das Fremdkapital jederzeit aus den Versicherungspolicen rückzahlbar. Die Kreditfinanzierung ist der Weg zur angestrebten, überdurchschnittlichen Rendite - auch wenn die Versicherer nicht, wie in der Vergangenheit, siebeneinhalb Prozent bringen.
SPIEGEL ONLINE: Im ungünstigen Fall kann Ihr Kredit-Hebel aber auch bewirken, dass die Rendite fällt.
Oldehaver: Wenn die Versicherer nur den Garantiezins zahlen, erhält unser Anleger ein Prozent. Wir prognostizieren aber eine Nachsteuerrendite von acht Prozent. Und wenn die Versicherungen das bisherige Ergebnis bieten, bekommt der Anleger nach unseren Berechnungen zwölf Prozent netto, da kommt der Leverage-Effekt ins Spiel.
SPIEGEL ONLINE: Mit welchem Zins für das Bankdarlehen rechnen Sie?
Oldehaver: Mit 6,4 Prozent.
SPIEGEL ONLINE: Und wenn der Kreditzinsen wieder anziehen, würde Ihre Rendite-Rechnung für kommende Fonds dieser Art nicht mehr aufgehen?
Oldehaver: Wenn man auf die Bundesanleihe wieder 7,5 Prozent bekommt und wir für den Fremdmittelzins acht ausgeben müssen, funktioniert das Modell so nicht. Für einen neu aufgelegten Fonds würde die Rendite dann zurückgehen. Und zwar bis zur Grenze, wo man sich als Investor fragen muss, ob man statt dessen eine deutsche Staatsanleihe kauft.
Das Interview führte Matthias Streitz