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AKTIONÄRE Sehr behutsam

Zielstrebig kaufen sich Investoren aus Nahost, insbesondere aus Kuweit, Beteiligungen an deutschen Großunternehmen zusammen. *
• aus DER SPIEGEL 27/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wolfgang Otto, Wertpapierchef der Commerzbank, gab seinen Kollegen in anderen Banken eine Empfehlung: Sie sollten doch statt der Aktien seines Hauses lieber Papiere der Dresdner Bank kaufen - die Gerüchte um die Commerzbank müßten aufhören.

Die Banker um Walter Seipp sind nervös geworden. Der Commerzbank-Chef rätselt noch immer, wer seit Wochen die Anteile der Bank zusammenkauft, um sich dann in Frankfurt als neuer Großaktionär zu präsentieren.

Es könnten, wieder einmal, die Kuweitis sein. Börseninsider wollen wissen, daß die Investoren des ölgesegneten Scheichtums schon fast ein Fünftel des Commerzbank-Kapitals besitzen.

Die Kuweitis haben in den vergangenen Jahren ein zunehmendes Interesse an der deutschen Industrie gezeigt. Mit ihrer 30-Prozent-Beteiligung an der Korf Stahl AG hatten sie zwar Pech - das Unternehmen steckt inzwischen im Anschlußkonkurs. Sonst aber erwiesen sich die Kuweitis als kluge Anleger.

Sie gehen meist sehr unauffällig vor. Auch Hoechst-Chef Rolf Sammet wußte zunächst nicht, wer bei seinem Chemiekonzern als neuer Aktionär einsteigen wollte. Inzwischen, so teilte Sammet auf der letzten Hauptversammlung mit, hat der Ölstaat Kuweit fast ein Viertel der Hoechst-Aktien gekauft.

Sammet wußte nun sogar noch mehr: Die »klugen und kooperationsfreudigen« Kuweitis seien auch am Volkswagen-Konzern beteiligt. In der Tat scheint es, als seien die heimlichen Investoren nun nach dem Bund und dem Land Niedersachsen (je zwanzig Prozent) mit etwa zehn Prozent der dritte Großaktionär im Wolfsburger Konzern.

Und diese Beteiligungen lohnten. Für 24,9 Prozent des Hoechster Aktienkapitals zahlten die Kuweitis nur 1,4 Milliarden Mark. Das VW-Paket kostete den Golf-Staat gut 300 Millionen. Schon

heute sind die beiden Beteiligungen fast eine halbe Milliarde Mark mehr wert.

So günstig konnten sich die Araber nur deshalb einkaufen, weil die deutsche Aktienbörse bis zum Herbst 1982 jahrelang ein Schattendasein führte. Bereits Ende der siebziger Jahre hatten britische Berater der Kuweitis herausgefunden, daß die Anteile deutscher Spitzenunternehmen, gemessen an ihrem Substanzwert und den Exporterfolgen, zu weitaus niedrigeren Börsenkursen gehandelt wurden als vergleichbare Firmen in den USA und Japan.

Die Aufkäufer hatten es schließlich auch deshalb besonders leicht, weil sich in den vergangenen vier Jahren immer mehr enttäuschte Privatkunden von den Investment-Anteilen trennten, die ihnen die Bankberater zuvor angepriesen hatten. Für mehr als 2,8 Milliarden Mark gaben Aktienfonds-Sparer ihre Anteile an Banken und Sparkassen zurück. Das zwang die Manager der Investment-Fonds zu Dauer- oder Notverkäufen an der Börse und drückte auf die Kurse.

Auch bei den deutschen Geldkonzernen war für die ausländischen Interessenten viel zu holen. Außer der Deutschen Bank hatten sich fast alle anderen Kreditinstitute in der Hochzinsphase derartig mit Festkrediten und festverzinslichen Wertpapieren verspekuliert, daß die Bankmanager ihre Riesenverluste nur noch durch den Verkauf wertvoller Aktienpakete wettmachen konnten.

Als erste griffen die Ölminister und der Notenbankchef des seit 1756 von der Fürsten-Sippe Sabbah beherrschten Opec-Staates Kuweit zu. Mit Hilfe der Nahost-Experten der britischen Investment-Bank Morgan Grenfell und der Schweizer Wertpapierfirma Lombard, Odier & Cie kauften sie die ersten Aktienpakete zusammen.

Nachdem Dresdner-Bank-Vorstandsmitglied Wolfgang Röller Ende 1974 den Kuweitis ein 14prozentiges Daimler-Paket aus dem Besitz der Familie Quandt für 1,1 Milliarden Mark verkauft hatte, machten die Kuweitis zunächst die Nummer zwei des deutschen Bankgewerbes zu ihrer Hausbank. Die Dresdner Bank verschaffte den Kuweitis unter anderem die Beteiligung bei Korf und zwei Aktienpakete der Frankfurter Metallgesellschaft für rund 320 Millionen Mark.

Bei ihrem nächsten größeren Einkauf bedienten sich die Petro-Milliardäre aus Kuweit dann, zum Verdruß der Dresdner, der guten Dienste des Konkurrenten Commerzbank. Die Nummer drei unter den großen privaten Geldkonzernen kaufte anfangs so geschickt Hoechst-Aktien ein, daß weder Dresdner Bank noch Hoechst-Chef Sammet etwas ahnten. Erst im Herbst 1981 wurde die Branche stutzig. »Wenn eine Bank so gezielt Material sammelt«, fand Friedrich Wilhelm Christians von der Deutschen Bank, »dann liegt die Vermutung von Nahost-Käufen sehr nahe.«

Unbeirrt orderten die Börsenprofis der Commerzbank oft mehrere Tage hintereinander Hoechst-Papiere in Block-Posten von 50 000 bis 150 000 Aktien. Und die von ihren Schieflagen bedrohten Wettbewerber gaben gern ihre Handelsbestände ab. Auch bei Versicherungen und Investment-Fonds fragten sie erfolgreich nach. Für Hoechst-Pakete von mehr als 300 000 Aktien bot die Commerzbank zuletzt bis zu zwei Mark über Börsenkurs. Die gegen hohe Mittelrückflüsse kämpfenden Investment-Fonds waren schnell dabei und gaben ihre Traditionspapiere her.

An den Bank- und Börsenplätzen London, Luxemburg und Zürich ließen die Kuweitis gleichzeitig unauffällig Hoechst-Aktien sammeln. Insbesondere die Luxemburg-Töchter deutscher Groß- und Landesbanken halfen dabei mit. Die Luxemburger Manager der Bayerischen Landesbank kauften so kräftig Chemie-Papiere ein, daß ihr Chef-Händler von Kollegen »Graf Hoechst von Luxemburg« betitelt wurde.

Gefragt sind nicht nur Chemie-Werte, sondern fast alle erstklassigen deutschen Finanz- und Industrieaktien. Auf den Kauflisten ganz oben stehen Allianz, Daimler-Benz, Deutsche Bank, Linde, BMW und Siemens.

Die neureichen Investoren setzen auf weitere Exporterfolge der Deutschen. »Unsere arabischen Öllieferanten«, erkannte Hans-Otto Thierbach von der Deutschen Bank, »rechnen sich eine gute Chance für die deutsche Industrie aus.« Die Saudis legten mehr als 25 Milliarden Mark aus ihren Ölüberschüssen bei privaten deutschen Banken an. Weitere zwölf Milliarden Mark strömten aus Kuweit, Katar und aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zurück nach Deutschland.

Neuesten Hochrechnungen des Hamburger Nah- und Mittelost-Vereins zufolge hatten die sechs wichtigsten arabischen Opec-Länder Anfang des Jahres Überschüsse von 365 Milliarden Dollar angesammelt. Dabei konzentrierten sich die Überschüsse nur auf wenige Länder, vor allem auf Saudi-Arabien mit 168, auf Kuweit mit 88 und auf die Vereinigten Arabischen Emirate mit 48 Milliarden Dollar.

Rund 70 Prozent des Opec-Vermögens von umgerechnet 920 Milliarden Mark stecken in Dollar-Investitionen. Den Anteil der Mark-Anlagen beziffert Bankier Thierbach, Vorsitzender des Nah- und Mittelost-Vereins, mit acht bis neun Prozent. Das hieße, daß die Araber einschließlich aller Staatsanleihen und Regierungskredite »schon über 70 Milliarden Mark in der Bundesrepublik angelegt haben« (Thierbach).

Gerade noch rechtzeitig vor der jüngsten Börsenhausse erhöhten die Kuweitis ihre Aktienpakete durch ähnliche Sammelorders wie im Falle Hoechst. Ihr Anteil an Daimler-Benz wird inzwischen auf fast 20 Prozent taxiert. Auch bei Bayer, BASF, Mannesmann und Linde soll Kuweit schon mit fast zehn Prozent beteiligt sein.

Wie stark die Investoren aus dem Nahen Osten bei den drei Großbanken engagiert sind, können Bankbosse und Börseninsider nur ahnen. Allein die Kuweitis sollen an ihrer früheren Hausbank, der Dresdner, rund 15 Prozent halten.

Nur der Branchenführer hat sich rechtzeitig gegen Überraschungen abgesichert: Die Deutsche Bank begrenzte 1975 das Höchststimmrecht ihrer Aktionäre auf fünf Prozent.

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