Sehr gespalten - DER SPIEGEL
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LÖHNE Sehr gespalten

Auf Kosten der Arbeitgeber möchten IG-Metaller ihrer Gefolgschaft eine Frührente verschaffen. Der Plan ist in der Gewerkschaft umstritten.
• aus DER SPIEGEL 49/1981
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Schier endlos zog sich am Jahresbeginn der Kampf um die Zehntelprozente hin - mit nächtelangen Wortgefechten zwischen Arbeitgeber- und Gewerkschaftsfunktionären, mit republikweiten Warnstreiks. Am Ende blieben für die Beschäftigten der Metallindustrie gerade fünf Prozent Lohnsteigerung hängen.

Zu wenig, wie nun feststeht, um den Arbeitnehmern auch nur den Einkommensstandard zu sichern. Denn die Preise stiegen dieses Jahr noch um fast ein Prozent schneller als die Löhne.

Die Chancen, den Verlust in den nächsten Tarifverhandlungen wieder reinzuholen, sind minimal. Bei vielleicht zwei Millionen Arbeitslosen im Winter und einer Rekord-Pleitenwelle müssen die Funktionäre ihre Gefolgschaft wieder auf magere Abschlüsse einstimmen.

Um nicht ganz leer auszugehen, möchten einige Gewerkschaftsführer nicht nur für Lohnprozente kämpfen, sondern auch für kürzere Arbeitszeiten. Dies, so die Überlegung, würde einmal den Beschäftigten das Leben angenehmer machen; zum anderen gäbe es neue Jobs für die Arbeitslosen.

Besonders flink war diesmal die größte Einzelgewerkschaft, die IG Metall. Ihr Tarifexperte Hans Janßen möchte seiner Klientel mit einem früheren Lebensabend die Arbeitszeit verkürzen; schon vom 60. Lebensjahr an sollen die Werktätigen die Chance zum Abgang in den Ruhestand haben.

Bezahlen sollen nach Janßens Vorstellungen dafür die Arbeitgeber: Da die gesetzliche Rentenversicherung üblicherweise mit dem 63. Lebensjahr einsetzt, müßten für die drei Jahre davor die Unternehmen geradestehen.

Vor allem die IG-Metaller im Ruhrrevier sind von der Idee angetan. In den Stahlzentren zwischen Dortmund und Duisburg liegt die Arbeitslosenquote gegenwärtig bei neun Prozent. Sinkt die Pensionsgrenze von bislang 63 auf 60 Jahre, gäbe es in den Metall-Betrieben rein rechnerisch nach IG-Metall-Kalkulationen 25 000 neue Arbeitsplätze. Für Karl Ernst von der Gelsenkirchner IG Metall ist es da schlicht eine »Frage der Solidarität mit den Arbeitslosen«, daß er für Janßens Tarifrente eintritt.

Es war zu erwarten, daß die Metall-Industriellen den Janßen-Vorschlag sofort ablehnen würden. Fünf Milliarden Mark, so verkünden sie, würde das Pensionswerk die Unternehmen kosten, und das sei nicht zu bezahlen.

Womöglich müssen sich die Metall-Arbeitgeber gar nicht erst mit der Rente herumschlagen: Ein IG-Metaller ist angetreten, die Idee schon im gewerkschaftsinternen Clinch zu töten.

Ungeniert polemisiert der baden-württembergische IG-Metall-Chef Franz Steinkühler gegen die Modelle aus der Frankfurter Vorstandszentrale. Für Steinkühler ist die Tarifrente allenfalls »Schlagsahne auf der Torte«, mit dem der »mager ausfallende Lohnabschluß kaschiert werden soll«.

Die Kollegen aus Baden-Württemberg haben ganz andere Interessen als die Metaller aus dem Kohlenpott. Bei nur 3,8 Prozent Arbeitslosigkeit bangen sie weniger um ihre Jobs: Den Schwaben geht es allein ums Bare.

Steinkühlers Metaller haben herausgefunden, daß im Tarifbezirk Nordwürttemberg/Nordbaden nur 3444 Senioren vorzeitig in Rente gehen könnten. Für die Schwaben würde sich die Tarifrente erst so richtig lohnen, wenn die Altersgrenze erheblich niedriger als bei 60 Jahren läge. Würden etwa schon die 57jährigen einbezogen, dann müßten bundesweit fast 70 000 Metaller neu eingestellt werden.

Gleich ob mit 57 oder mit 60 Jahren - die Tarifrente wäre für die IG Metall ein gänzlich neuer Anlauf zur Verkürzung der Arbeitszeit.

Neu auch, weil die IG Metall bislang eher die 35-Stunden-Woche propagiert hat. Über die Wochenarbeitszeit können die Metaller aber erst Ende 1983 - wenn der geltende, 1979 geschlossene Tarifvertrag ausläuft - wieder verhandeln.

Es ist abzusehen, daß sie mit der Tarifrente noch schneller scheitern als damals mit der Forderung nach der 35-Stunden-Woche. Wenn die Metaller ihre Renten-Pläne im Frühjahr tatsächlich durchsetzen wollten, müßten sie dafür zu streiken bereit sein. Doch »so sehr gespalten in so eine Tarifauseinandersetzung zu gehen« hält auch Tarifrenten-Befürworter Janßen für nutzlos. IG-Metall-Chef Eugen Loderer: »Wir wollen uns keiner Träumerei hingeben.«

Die Spitzenfunktionäre haben sich ohnehin auf eine wenig ertragreiche Lohnrunde eingestellt. Selbst Steinkühler dämpfte vorletzte Woche bei einer Konferenz der IG-Metall-Vertrauensleute in Frankfurt die Erwartungen. Alle Kraft müsse man zusammennehmen, so Steinkühler, um überhaupt »der Reallohnsicherung einigermaßen nahe zu kommen«.

Da sieht die Rechnung dann ganz einfach aus: Im nächsten Jahr dürfte die Inflationsrate auf 4,5 bis 5,5 Prozent sinken. Ihr Ziel, die Löhne »einigermaßen« zu sichern, würde die IG Metall folglich mit einem Abschluß zwischen vier und fünf Prozent erreichen.

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