Sehr große Sorge - DER SPIEGEL
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RUMÄNIEN Sehr große Sorge

Nach dem Schulden-Desaster Polens ist jetzt Rumänien in Zahlungsnot. Westliche Geldgeber bangen um Milliarden.
• aus DER SPIEGEL 52/1981
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Wenn in den letzten Monaten die Finanzmanager westlicher Firmen die Zahlungsmoral ihrer Auslandskundschaft prüften, dann fiel ihnen zunehmend ein Schuldner unangenehm auf: Das sozialistische Staatshandelsland Rumänien bezahlt seine Rechnungen nur noch schleppend, manchmal erst nach mehrmaligen Mahnungen.

Ebenso schlechte Erfahrungen machen westliche Bankiers mit ihrem rumänischen Schuldner. Zinsen und Rückzahlungsraten für gewährte Kredite werden nicht angewiesen, statt dessen vertröstet die Kundschaft vom Balkan häufig auf einen späteren Zahlungstermin.

Die schlechte Zahlungsmoral der Rumänen läßt die Geldmänner im Westen Böses ahnen. »Ganz ähnlich«, weiß ein bundesdeutscher Bankier, »hat es bei den Polen begonnen.« Warschau hatte zunächst nur zeitweilige Zahlungsschwierigkeiten zugegeben, ehe das ganze Finanzdebakel Polens - West-Kredite in Höhe von rund 27 Milliarden Dollar stehen mittlerweile auf dem Spiel - offenbar wurde. Zwar geht es im Fall Rumänien längst nicht um so hohe Beträge. Dennoch sind westliche Geldmanager »in sehr großer Sorge«, bekennt ein Frankfurter Bankier.

Die Devisenkasse Rumäniens hat sich so sehr entleert, daß die Bukarester Finanzfunktionäre westliche Gläubigerbanken gebeten haben, Zins- und Darlehensrückzahlungen in Höhe von 2,47 Milliarden Dollar, die bis Ende dieses Jahres fällig wären, erst einmal für sechs Monate zu stunden.

Ähnliche Schwierigkeiten haben die Rumänen beim Begleichen ihrer Lieferanten-Rechnungen. Sie verlangen zumeist Zahlungsaufschub um mindestens 180 Tage. Banker berichten, daß die Rumänen gelegentlich von ihnen ausgestellte Wechsel nicht eingelöst und Devisentermingeschäfte, die sie zur Bezahlung von Rechnungen vorgesehen hatten, nicht erfüllt haben.

Wie zuvor schon bei den Polen, die nur durch die größte Umschuldungsaktion der Nachkriegszeit vor der Bankrotterklärung bewahrt wurden, sind auch bei den Rumänen die Geldgeber vor allem daran interessiert, das Land nicht für »zahlungsunfähig« erklären zu müssen.

Nach den strengen Bankregeln wäre Rumänien dann auf Jahre hinaus international nicht mehr kreditfähig, die ausgeliehenen Gelder müßten abgeschrieben werden. Das hinterließe in den Bilanzen der ohnehin schlecht verdienenden Banken häßliche Spuren.

Westliche Geldinstitute haben den Rumänen mindestens fünf Milliarden Dollar geborgt. Die westdeutschen Geldhändler zeigten sich dabei gegenüber Rumänien weit vorsichtiger als gegenüber Polen: Sie liehen etwa eine halbe Milliarde Dollar an die rumänischen Staatsfunktionäre aus.

Insgesamt schuldet Bukarest dem Westen 10 bis 13 Milliarden Dollar. Experten schätzen, daß der Schuldenberg angesichts des hohen Devisenbedarfs im nächsten Jahr leicht auf über 16 Milliarden Dollar anwachsen könnte - wobei niemand weiß, wie Rumänien seinen Rückzahlungsverpflichtungen nachkommen will.

Die Geldgeber im Westen setzen darauf, daß der Internationale Währungsfonds (IWF) in Washington ein Finanz-Desaster nach polnischem Muster verhindern wird. Anders als die Polen nämlich, die erst kürzlich beim IWF einen Beitritts-Antrag einreichten, gehört Rumänien dem Währungsklub, der seinen in Devisennot geratenen Mitgliedern mit Darlehen aus der Klemme hilft, schon seit 1972 an. Erst im Sommer genehmigte der IWF seinem osteuropäischen Mitglied einen über drei Jahre gestaffelten Kredit von 1,5 Milliarden Dollar.

Nach den IWF-Statuten wäre das Land verpflichtet, vollständige Statistiken über seine Volkswirtschaft vorzulegen. Noch immer aber müssen sich Wirtschaftsexperten im Westen mit höchst unzureichenden Zahlenwerken begnügen. Erst 1980, acht Jahre nach seinem IWF-Beitritt, zeigte der osteuropäische Staat dem IWF erstmals einige volkswirtschaftliche Rechnungen vor.

Kein Wunder, wenn westliche Geldgeber fürchten, das ganze Ausmaß der rumänischen Krise werde nur in Raten aufgedeckt. Fest steht: Für Rumänien rächt sich jetzt eine verfehlte Wirtschaftsstrategie, wie sie neben Polen auch schon anderen Ländern, wie etwa der Türkei, zum Verhängnis wurde.

Wie Polens 1980 entmachteter Edward Gierek hatte Rumäniens Partei- und Regierungschef Nicolae Ceausescu seit Anfang der siebziger Jahre versucht, ein ehrgeiziges Entwicklungsprogramm durchzuziehen - überwiegend mit westlichen Geldern und mit westlicher Technologie.

Ceausescu verhob sich gründlich. Der Parteichef mußte Organisationsmängel und schlechte Arbeitsdisziplin auf den Baustellen eingestehen, alles die mißlichen Folgen einer schwerfälligen Planungsbürokratie.

Anfang 1980 waren laut einer Analyse der Ökonomin Petra Pissulla vom HWWA-Institut für Wirtschaftsforschung Hamburg 11 000 Investitionsprojekte gleichzeitig in Arbeit. Weil die Bauvorhaben mangelhaft koordiniert, Materialien häufig verspätet, wenn überhaupt, geliefert wurden, dehnten sich die Bauzeiten endlos, die Kosten schossen nach oben.

Bei einigen Hütten- und Chemieprojekten sind nach den Recherchen von Petra Pissulla »die Ausführungszeiten zwei- bis dreimal länger als bei vergleichbaren Projekten in der Bundesrepublik oder Japan«.

Als teure Fehlplanung erwies sich für die Rumänen vor allem der mit West-Krediten finanzierte Bau riesiger petrochemischer Anlagen, die das im eigenen Land geförderte Rohöl verarbeiten sollten. Um die Verarbeitungskapazitäten auch nur einigermaßen nutzen zu können, mußten die Rumänen letztes Jahr S.108 fast 16 Millionen Tonnen Rohöl im Wert von mindestens sieben Milliarden Mark einführen - und zu einem Gutteil mit West-Devisen bezahlen. Die hohen Einstandskosten für die Rohware konnten die osteuropäischen Staatshändler, die einen großen Teil ihrer chemischen Zwischenprodukte im Westen absetzen, nicht in den Verkaufspreisen weitergeben.

»Die Rumänen«, weiß Helmut Guthardt, Vorstandschef der DG-Bank (Deutsche Genossenschaftsbank) in Frankfurt, »haben in den letzten beiden Jahren mit sehr viel höheren Deviseneinnahmen gerechnet. Doch statt dessen sind die Währungsreserven des Landes stark geschrumpft.«

Hektisch versuchten Ceausescus Finanz-Experten, mit kurzfristigen Krediten die Löcher zu stopfen. Als den Polen dann zusehends das Geld ausging, bekamen das auch die Staatsbankiers in Bukarest zu spüren. »Die notwendigen Anschlußfinanzierungen für die kurzfristigen und teuren Euro-Kredite«, berichtet Guthardt, »wurden immer schwieriger.«

Ceausescu wies darauf die Produktions- und Außenhandelsunternehmen an, nur noch soviel zu importieren, wie sie durch eigene Exporte selbst finanzieren können. Nun bestehen die rumänischen Importeure fast ohne Ausnahme auf sogenannten Kompensationsgeschäften: Ware gegen Ware. Häufig verlangen die Rumänen sogar, daß ihnen mehr abgenommen wird, als sie selbst kaufen.

Die Rumänien-Exporte der Bundesdeutschen gingen denn auch in den ersten neun Monaten um über vier Prozent zurück, der Überschuß im Handel mit Bukarest schrumpfte von fast 60 Millionen Mark auf 23 Millionen. Und das meiste davon stammt noch aus alten Orders.

»Das Geschäft«, klagt ein Düsseldorfer Manager, »ist zu mühsam geworden.«

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