BERLIN-FLÜGE Sehr haarig
Der erste Lufthansa-Flug nach Berlin seit Ende des Zweiten Weltkriegs bedurfte sorgfältiger Vorbereitung. Als die Maschine an einem Wintertag des Jahres 1985 startete, waren die Farben der Fluggesellschaft abgedeckt, im Cockpit saß eine amerikanische Crew: Nur so durfte die Boeing 707, ein Geschenk an das Museum für Verkehr und Technik, den Korridor nach Berlin passieren.
Der erste Flug war gleichzeitig der letzte: Von und nach Berlin dürfen bislang nur die Gesellschaften der Alliierten starten.
Doch wahrscheinlich noch in diesem Jahr wird die Lufthansa wieder Berlin anfliegen. Und wieder werden die Farben der Maschinen neutral, wird ihre Besatzung ausländischer Nationalität sein: Eine gemeinsame, noch zu gründende Tochter mit der Air France hat Lande- und Startrechte für den Berliner Flughafen Tegel erhalten.
Die neue Gesellschaft ist nur eine von dreien, die künftig für mehr Wettbewerb am Himmel über Berlin sorgen sollen. Die alliierten Luftfahrtattaches, die allein bestimmen, wer auf dem Luftwege nach Berlin kommt, haben die Korridore weit geöffnet.
Neben der Pan Am können bald zwei weitere US-Gesellschaften, Trans World Airlines (TWA), die bisher schon von Berlin nach Brüssel fliegen, und American Airlines, Berlin-Reisende in die Bundesrepublik befördern. Pan Am selbst sowie British Airways und die Air France mit ihrer neuen Tochter dürfen zusätzliche Ziele ansteuern. Das Angebot an Sitzplätzen auf den sechs Hauptrouten wird sich nahezu verdoppeln.
Die Entscheidung der Attaches beendet eine Situation, mit der nur die zufrieden waren, die sichere Gewinne einstrichen. Pan Am und British Airways hatten die Strecken untereinander aufgeteilt, Wettbewerb fand nicht statt. Die Air France begnügte sich mit der Route Berlin-Düsseldorf-Paris.
Das Monopol zügelte den Ehrgeiz, den Kunden mit gutem Service zu verwöhnen. Immer mal wieder mußten Passagiere Verspätungen in Kauf nehmen, weil nichtausgelastete Maschinen kurzerhand gestrichen wurden.
Der Berliner Senat drängt deshalb seit langem auf mehr Wettbewerb. Die Amerikaner hatten keine Einwände, ganz im Gegenteil: Die Liberalisierung des Luftverkehrs ist in den USA längst Realität. Die US-Airlines suchen Wachstum im internationalen Geschäft, vor allem im pazifischen Raum, aber auch in Europa.
Präsident Ronald Reagan verkündete im vergangenen Jahr vor dem Brandenburger
Tor sogar die Vision vom Luftkreuz Berlin. Davon träumen auch örtliche Politiker nur zu gern. Doch zum Kreuz fehlt Berlin die zentrale Lage.
Auch der europäische Binnenmarkt wird Tegel kaum zur Drehscheibe machen. Ein Standbein in Berlin hilft den Amerikanern nämlich auch nicht weiter: Wenn sie von dort aus ein Ziel außerhalb der Bundesrepublik ansteuern wollen, brauchen sie immer noch die Genehmigung der jeweiligen Regierung.
Dennoch bewarben sich insgesamt fünf US-Gesellschaften um neue Lande- und Startrechte in Tegel, zwei bekamen den Zuschlag. Sie setzen auf einen weiter wachsenden Markt. Im vergangenen Jahr nahmen die Berlin-Flüge um über 14 Prozent zu. Das neue Angebot soll weitere Nachfrage schaffen.
Das wird für die Kunden vor allem wohl einen besseren Service bringen. Kampfpreise dagegen kann es nicht geben: Einen ruinösen Wettbewerb werden die Luftfahrtattaches verhindern.
Ohnehin taten sich die beiden europäischen Attaches schwer, die Luftkorridore für neue Konkurrenten frei zu machen. Eine Übermacht der US-Anbieter konnten sie nicht wollen, mehr Wettbewerb aber nicht verhindern.
So kam vor allem die geplante Tochter der Air France zu neuen Flügen, insgesamt 210 pro Woche. Sie kann nach Frankfurt, Köln/Bonn, München und Stuttgart fliegen.
Die Neuregelung der Alliierten kehrt die Verhältnisse im Berlin-Verkehr radikal um. Frankfurt, bislang allein der Pan Am vorbehalten, darf nun von allen Anbietern angesteuert werden.
Doch die gut vier Millionen zusätzlichen Sitzplätze stehen vorerst nur auf dem Papier. Wie viele der neuen Flüge tatsächlich stattfinden werden, vermag noch niemand zu sagen.
Alle Anbieter reißen sich um attraktive Start- und Landezeiten. Zwischen 7 und 9, zwischen 16 und 18 Uhr aber sind die meisten deutschen Flughäfen heute schon dicht.
»Wir haben ganz erhebliche Probleme in München und Frankfurt«, räumt Claus Ulrich ein, Flugplankoordinator für alle deutschen Flughäfen. München-Riem ist sogar den ganzen Tag über ausgebucht, nichts geht mehr (siehe Seite 87).
Möglich deshalb, daß künftig kein einziger der neuen Anbieter von München aus nach Berlin starten wird. Denkbar auch, daß den Neuen in München, aber auch in Frankfurt, nur unattraktive Zeiten angeboten werden, die sie nicht wahrnehmen wollen.
Flugplankoordinator Ulrich hat längst erkannt, daß ihm da eine »sehr haarige Geschichte« bevorsteht: Er hat kaum etwas zu verteilen und darf dabei niemanden benachteiligen.