Sehr seltsam - DER SPIEGEL
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BANKEN Sehr seltsam

Jugoslawien ist bei deutschen Banken derzeit nicht kreditwürdig - die politische Lage gilt als zu labil.
• aus DER SPIEGEL 28/1980
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hans Friderichs kennt die Probleme der Dritten Welt: Die Armen, meinte der Vorstandssprecher der Dresdner Bank kürzlich in Luxemburg, müssen viel zu hohe Zinsen für Kredite zahlen.

Wie dem Problem beizukommen ist, weiß der Bankier auch: Wer weniger pumpt, zahlt weniger Zinsen. So habe sein Haus, erklärte Friderichs, bei Kreditwünschen armer Länder »in einer Reihe von Fällen nein gesagt«.

Daß ein Land schnell zum Fall werden kann, bekommen seit einigen Wochen die Jugoslawen zu spüren: Finanzkredite, die sie nach Gutdünken verwenden dürfen, sind für sie bei deutschen Banken kaum noch zu haben.

Die vorsichtigen Bankiers verweisen auf die 14 Milliarden Dollar, die Jugoslawien dem Ausland schuldet. Allein im vergangenen Jahr betrug das Zahlungsbilanz-Defizit 3,6 Milliarden Dollar.

Derartige Risiken, meint Kreditexperte Jürgen Kohel von der Hessischen Landesbank, »können nicht ewig von den Banken allein getragen werden«. Bedo Panner in der Auslandsabteilung der DG-Bank bestätigt den Vertrauensschwund: »Das Geschäft mit Jugoslawien ist schwieriger geworden.«

Grujica Mladenovic von der Frankfurter Filiale der Jugobanka findet die Zurückhaltung der Deutschen schon lange »sehr seltsam«. Aber er ahnt wohl, was die deutschen Bankiers nun noch ängstlicher macht: Seit dem Tode des Staatspräsidenten Josip Broz Tito, der jahrzehntelang die Einheit des Vielvölkerstaates garantierte, gilt Jugoslawien als politisch unsicher.

Die bundesdeutschen Banken sind da besonders vorsichtig, weil sie sich ohnehin vor allem als Export-Finanziers für heimische Produkte verstehen. In das Geschäft mit Finanzkrediten für fremde Länder sind sie erst spät -- Anfang der 70er Jahre -- und auch dann sehr zögernd eingestiegen.

Besondere Schwierigkeiten bereitet es deutschen Bankiers offenbar, die faulen von den guten Kunden zu trennen. So hatten sie zunächst von den Amerikanern ein System übernommen, bei dem ganze Länder nach ihrer Kreditwürdigkeit eingestuft wurden, das sogenannte country-risk-rating.

Dabei wurden, wie in der Schule, Zensuren verteilt: Die Länder wurden nach Zahlen über Wachstum, Inflationsrate, Rohstoffvorkommen und Währungsreserven als Schuldner benotet. Die Schwachen, die eine Fünf bekamen, waren nicht kreditwürdig.

Doch die Methode hatte ihre Tücken. Die Daten für die Länder stammten meist aus internationalen Statistiken, und das heißt: Sie waren häufig uralt und oft auch geschönt. Da konnten selbst exakte Noten -- zwei Stellen hinter dem Komma -- böse Pannen nicht verhindern.

Ein »voll befriedigend« beispielsweise für die einst auch von deutschen Banken favorisierten Perser und Brasilianer erwies sich bald als »mangelhaft«. Beide Staaten sind nicht mehr Mark-würdig.

Schon vor dem Persien-Flop hatten die Banken allerdings das System geändert, ausländische Kreditnachfrager zu beurteilen. Die politische Stabilität des Landes wurde zum wichtigsten Maßstab für die Geldvergabe.

Seitdem spielen handfeste Zahlen oft keine Rolle mehr. Fällt das Urteil über die politische Lage negativ aus, erläuterte Eberhard Zinn vom Vorstand der Deutschen Girozentrale -- Deutsche Kommunalbank, »dann wird eine rechnerische Bewertung gar nicht mehr durchgeführt«.

So erging es jetzt auch den Jugoslawen. Denn nach den herkömmlichen Bank-Zensuren steht das Land gar nicht so schlecht da. Das reale Wachstum erreichte mit einem Plus von sieben Prozent 1979 einen internationalen Spitzenwert. Zwar liegt die Inflationsrate Jugoslawiens inzwischen über 20 Prozent, doch solche Werte gibt es in vielen anderen -- noch kreditwürdigen -- Staaten auch.

Selbst hohe Auslands-Schulden eines Landes führen nicht unbedingt zum Geschäftsabbruch. Was zum Beispiel für die Westdeutsche Landesbank im Falle Jugoslawiens »alarmierende Größenordnungen« sind, betrachten andere offensichtlich mit Milde: Die mit 20 Milliarden Dollar noch um sechs Milliarden höher verschuldeten Polen verhandelten in der vergangenen Woche S.64 mit der Dresdner Bank, der Deutschen Bank und der Commerzbank über einen weiteren Kredit in Höhe von 550 Millionen Dollar.

Die Sperre für Finanzkredite an Jugoslawien kam auch deshalb überraschend, weil die Handelsgeschäfte bisher zur Zufriedenheit der Deutschen gediehen. 1979 waren deutsche Firmen mit Ausfuhren im Wert von über 3,2 Milliarden Dollar die größten Lieferanten des Landes.

Kurz vor Jahresschluß erhielt Jugoslawien gar unter Führung der gewerkschaftseigenen Bank für Gemeinwirtschaft noch einen internationalen Großkredit, im Fachjargon »Jumbo« genannt, über 420 Millionen Dollar. Seitdem halten sich die Jugoslawen an amerikanische, britische und japanische Banken -- die sind bei der Kreditvergabe weniger zimperlich.

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