Seifensieder - DER SPIEGEL
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Seifensieder

• aus DER SPIEGEL 50/1948
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Die Nase ins Geschäft gesteckt

Wenn ich in Amerika wäre, würde ich meine Nase versichern lassen«, sagt Wilhelm Lindner. Seit 25 Jahren muß der 59jährige Bayer aufpassen, daß er keinen Schnupfen kriegt. Solange schon »erriecht« sich der ehemalige Apotheker bei »Mouson« in Frankfurt sein Gehalt. In der ersten Dezemberwoche braute er der Mouson-Belegschaft ein Sonderparfüm zusammen. Mouson feierte 150jähriges Jubiläum.

Auf der »Duftorgel«, einem Gestell mit 500 Flaschen und Fläschchen der verschiedenen Grund-Duftstoffe komponiert Lindner den Mouson-Kundinnen die betörensten Duftmelodien zusammen. Sein großer Kummer ist, daß es in der Parfümerie keinen new look gibt.

Heute noch arbeitet die deutsche Parfüm-Industrie nach dem französischen Vorbild der blumig-süßlichen Gerüche von vor 1939. Auch in Frankreich ist der Duft der Parfüms beständiger als die Linie der Mode (s. Spiegel Nr. 36/48).

Wilhelm Lindner schnuppert dauernd nach neuen Odeurs. Mit seinem guten Riecher hat er Mousons Repertoire an Düften um eine ganze Reihe verkaufskräftiger Schlager bereichert. Die Einfälle dazu kamen ihm mitunter auch nach Feierabend. Einmal sogar im Kino.

Es gab »Der Kongreß tanzt«. Lindner war begeistert. »Dieses leicht beschwingte Biedermeier-Leben werde ich in Duft fassen«, erklärte er am nächsten Morgen seinen Kollegen.

Der »Wiener Walzer«, komponiert von Wilhelm Lindner, wurde Mousons großer Parfümschlager. Als »Valse de Vienne« rollte er in der »gelben Postkutsche« kistenweise ins Ausland. Herr Lindner legt es gern auf den Weihnachtstisch seiner Frau.

»Frauen wissen meistens nicht, was für ein Parfüm sie nehmen sollen«, meint Lindner. »Sie kaufen oft darauflos, ohne zu wissen, daß eine Blondine leichte und duftige Parfüms nehmen muß und eine Brünette süßliche und schwere, wie Fougére und Chipre«.

Mousons großes Vorkriegsgeschäft war der Export von Parfüms und Seifen. Heute hemmt der dicke JEIA-Knüppel die Räder der weltberühmt gewordenen gelben Postkutsche. Zwar verlassen jeden Tag schon wieder rund ½ Million Artikel das halbzerbombte Werk in Frankfurt. Aber noch fehlt es den Abnehmerstaaten an Luxus-Dollars. Und bei Mouson fehlen die Rohstoffe.

Die Vorräte an Neroli- und Rosenöl sind aufgebraucht. Und das, was auf den Südseeinseln, dem Malaiischen Java und an den heißen Küsten Ceylons die Kokospalmen liefern, läuft nur dünn durch den JEIA-Importschlauch.

Trotzdem produziert das Frankfurter Werk schon wieder 72 Artikel. Die Mouson-Männer richten sich an ihrer Tradition wieder auf. Sie weisen dabei gern auf ihren seligen Ahnherrn August Friedrich Mouson hin.

Der kam 1791 eines Abends mit der Gelnhäuser Postkutsche in Frankfurt an, um in der freien Reichsstadt sein Glück zu versuchen. »Seifensiedergeselle« stand in seinem Wanderbuch. Die Seifenkocherin Madame Held nahm den Berliner mit dem Hugenotten-Namen auf.

Der muntere Seifensieder dankte es ihr sieben Jahre später. 1798 übernahm er ihre Seifensiederei auf eigene Rechnung und auf seinen Namen. Von dort aus ließ August Friedrich Mouson seine Postkutsche abfahren in das ergiebige Seifen- und Duftwassergeschäft.

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