Seilschaft der Klosterbrüder - DER SPIEGEL
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GEWERKSCHAFTEN Seilschaft der Klosterbrüder

Die Kür des Traditionalisten Jürgen Peters zum künftigen IG-Metall-Vorsitzenden ist der wohl folgenschwerste Flop des derzeitigen Amtsinhabers Klaus Zwickel.
• aus DER SPIEGEL 16/2003
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Klaus Zwickel war sich seiner Sache sicher. Ganz sicher. Per Telefon hatte der Chef der IG Metall am vorvergangenen Wochenende seine Getreuen noch einmal befragt, ob denn auch alles nach Plan verlaufe. »Na klar«, meldeten die verbündeten Bezirksleiter zurück, die Mehrheit steht: Die Mitglieder des Gewerkschaftsvorstands würden den badenwürttembergischen Funktionärschef Berthold Huber mit deutlichem Vorsprung zum Vorsitzenden wählen. Wie abgesprochen. Hundertprozentig.

So kann man sich täuschen. Als Gewerkschaftsjustiziar Michael Blank am vergangenen Dienstag im Dresdner »art'otel« das Ergebnis der geheimen Abstimmung verkündete, war schnell klar, dass der Boss die Machtverhältnisse im eigenen Laden, wieder einmal, falsch eingeschätzt hatte. Mindestens drei Vorstandsmitglieder hatten anders abgestimmt, als sie es ihrem Vorsitzenden angekündigt hatten.

Sichtlich blass musste der Gewerkschaftschef vor laufenden TV-Kameras die Blamage eingestehen: Nicht sein Favorit Huber wird neuer Vorsitzender der größten Industriegewerkschaft der Welt, sondern »Herr Jürgen Peters«, sein verhasster Stellvertreter. Huber muss sich in den nächsten vier Jahren mit dem Vize-Posten begnügen.

Es war die wohl folgenreichste Schlappe des altgedienten Gewerkschaftschefs, der im Oktober in Rente geht. Mit seinem Versuch, den stillen Reformer Huber im Handstreich zu seinem Nachfolger zu machen, hatte Zwickel der erstarrten Organisation einen Modernisierungsschub verordnen wollen.

Nun bewirkt er das genaue Gegenteil: Gestärkt durch das Dresdner Votum will der bekennende Haudrauf Peters die mächtige Metaller-Gewerkschaft mehr denn je als außerparlamentarische Opposition profilieren. In allen politischen Parteien grassiere inzwischen »der Neoliberalismus«, hat der Funktionär erkannt. Deshalb müsse sich die IG Metall als einzig verbliebene Gegenmacht der »Vermarktlichung aller Lebensbereiche« und dem »Terror der Ökonomie« entgegenstemmen.

Solche Sprüche kommen an in einer Organisation, deren Befindlichkeiten der scheidende Vorsitzende in den vergangenen Jahren wohl immer weniger einschätzen konnte. Für Zwickel bedeutet die Wahlpleite von Dresden den Höhepunkt einer mit Flops reich gesegneten Amtszeit. 30-Stunden-Woche, Bündnis für Arbeit, Rente mit 60, ertragsabhängige Tarifpolitik - Zwickels meist groß angekündigten Gewerkschaftsinitiativen zerplatzten in schöner Regelmäßigkeit wie Seifenblasen. Meist fanden sie nicht einmal in der eigenen Organisation eine Mehrheit.

Zwickel selbst dagegen konnte in seiner Bilanz stets nur einen Makel entdecken: den ungewollten Aufstieg von Widersacher Peters. Vor gut vier Jahren, nach dem Abgang von Ex-Vize Walter Riester in die Politik, hatte Zwickel den blassen Hauptkassierer Bertin Eichler zu seinem Stellvertreter küren wollen. Doch Peters putschte - und ließ sich vom Vorstand gegen Zwickels Willen zum stellvertretenden Vorsitzenden vorschlagen.

Seither verfolgte der beleidigte Metaller-Boss nur noch ein Ziel: mit allen Mitteln verhindern, dass der ungeliebte Stellvertreter, wie es in der Organisation üblich ist, nach seinem Ausscheiden auch noch zum Vorsitzenden gekürt wird. Die Warnungen vieler Metaller, er werde mit seinem Vorgehen die Organisation spalten und obendrein auch noch seinen Wunschkandidaten Huber beschädigen, schlug Zwickel in den Wind.

In der Öffentlichkeit freilich ließ der Gewerkschaftsboss seine Präferenzen nicht erkennen. Seinem Stellvertreter Peters etwa offenbarte er erst am Tag vor der Abstimmung, dass er nicht ihn, sondern seinen Favoriten Huber als Nachfolger vorschlagen werde.

Doch intern hatte der Vorsitzende seit Monaten vorgearbeitet, vor allem im hauptamtlichen Funktionärskader der Organisation. Erst brachte er fünf der sieben Bezirksleiter hinter sich. Dann schwor er auch die geschäftsführenden Vorstandsmitglieder in der Frankfurter Zentrale mehrheitlich auf seinen Anti-Peters-Kurs ein. Das würde reichen, so kalkulierte der Gewerkschaftschef, um am Ende auch die 31 ehrenamtlichen Vorständler auf Linie zu zwingen, die als Betriebsräte oder Verwaltungsstellenleiter der Funktionärsbasis der Gewerkschaft entstammen.

Peters dagegen setzte auf das nicht weniger einflussreiche Netzwerk der gewerkschaftlichen Bildungsszene. Gemeinsam mit anderen heutigen Top-Funktionären hatte er als langjähriger Lehrer der IG-Metall-Funktionärsschule in Lohr (Gewerkschaftsspott: »das rote Kloster") ganzen Generationen von Metallern die Grundwidersprüche von Kapital und Arbeit beigebracht. Die Seilschaft der altlinken Klosterbrüder, so rechnete Peters, würde am Ende stärker zu Buche schlagen als die Loyalität zum scheidenden Chef.

Er sollte Recht behalten. Zum Beispiel im Fall des Reutlinger Bosch-Betriebsrats Walter Bauer: Der bekannte IG-Metall-Linke hatte ursprünglich angekündigt, der Abstimmung fernbleiben zu wollen, um seinem eigenen Bezirksleiter Huber nicht in den Rücken zu fallen. Am vergangenen Dienstag kam er dann doch - und stimmte für Peters. Auch der Stuttgarter Verwaltungsstellenleiter Jürgen Stamm hatte am Wahltag überraschend verkündet, dass er eine Tandem-Spitze unter Peters' Leitung für eine »vernünftige Lösung« halte.

Der designierte Chef weiß, was seine Anhänger von ihm erwarten. Zu den Versuchen der SPD, die geplanten Einschnitte bei Kranken und Arbeitslosen durch kleinere Korrekturen oder Vertrauensschutzregelungen abzumildern, poltert er: »Scheißdreck« werde nicht dadurch besser, dass man ihn in kleineren Portionen aufteile.

Von einer Neuauflage des Bündnisses für Arbeit, wie es Wirtschaftsminister Clement vorschwebt, hält er wenig. Das Projekt sei »als Politikmodell gescheitert«. Das könne man nun »nicht einfach wiederbeleben«.

Kanzler Gerhard Schröder darf sich auf zusätzlichen Ärger einstellen. Die SPD müsse ihre Politik »grundsätzlich korrigieren«, droht Peters, sonst werde die IG Metall der Partei »im Mai auf den deutschen Marktplätzen Beine machen«.

Aus seiner Bezirksleiter-Zeit in Hannover, wo der heutige Kanzler zeitgleich als Ministerpräsident amtierte, weiß Peters schließlich genau: »Der Schröder reagiert nur auf Druck.« MICHAEL SAUGA

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