Rohstoffabhängigkeit »Ich glaube nicht, dass irgendjemand wirklich weiß, ob Europa ohne China überhaupt Zahnpasta herstellen könnte«
Kammer-Präsident Eskelund: »Überlebensmechanismus« der Unternehmen
Foto: Johannes Neudecker / dpa»Trotz aller Diskussionen sehen wir nicht wirklich, dass Europa weniger abhängig von China wird«, sagte der Präsident der EU-Handelskammer, Jens Eskelund, in Peking: Im vergangenen Jahr hätten in einer Umfrage 26 Prozent der Firmen angegeben, ihre Lieferketten nach China zu verlagern. Das seien doppelt so viele Firmen wie die, die diese von dort wegverlegen oder sich ein zweites Standbein im Ausland aufbauen wollten.
Dieser Trend setze sich eindeutig fort, sagte der Präsident der Interessenvertretung von mehr als 1600 europäischen Mitgliedsfirmen in China. Anlass war die Veröffentlichung eines Berichts zum Thema Exportkontrollen. Dabei sind dem Dänen zufolge viele Firmen wegen der Unsicherheiten nicht unbedingt begeistert, China noch mehr ausgesetzt zu sein.
Es handele sich eher um einen »Überlebensmechanismus«. Viele EU-Firmen hätten mindestens einen chinesischen Konkurrenten. Wer im Markt gewinnen wolle, brauche das bessere Produkt zum niedrigeren Preis, sagte Eskelund. Dies sei nur möglich, wenn man chinesische Lieferketten nutze, erklärte er.
Doch die Abhängigkeiten schafften Probleme, die nun politische Reaktionen erzeugten, sagte Eskelund. Besonders einschneidend waren Pekings Exportkontrollen im vergangenen Jahr auf sieben seltene Erden und die daraus gefertigten Magnete. China ist weltweit führend in der Produktion dieser wichtigen Rohstoffe, die in Motoren, Smartphones und vielen Alltagsgeräten stecken.
Sieben seltene Erden – ein Drittel der Unternehmen betroffen
Im Herbst hatte Peking Exportkontrollen gegen weitere seltene Erden angedroht. Diese wurden jedoch bis November dieses Jahres vertagt, nachdem US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping in Südkorea eine Pause in ihrem laufenden Handelsstreit vereinbart hatten.
Zur Überraschung der Kammer gaben Anfang dieses Jahres in einer Umfrage fast ein Drittel der Mitglieder an, von den Exportkontrollen betroffen zu sein. In Anbetracht der wenigen kontrollierten Stoffe sei die Menge an betroffenen Produkten »unglaublich«, hieß es. »Ich glaube nicht, dass irgendjemand wirklich weiß, ob Europa ohne China überhaupt Zahnpasta herstellen könnte«, sagte Eskelund.
Der aktuelle Bericht der Kammer betont, einige Firmen sorgten sich, dass China über die erforderlichen Details in den Anträgen für Exportlizenzen Abhängigkeiten von Firmen erfassen könne. »Die Abhängigkeit der EU von China ist groß genug, dass das Land – durch sein Exportkontrollsystem – der europäischen Wirtschaft nun beispiellosen Schaden zufügen könnte, sollte es sich dazu entschließen«, warnt die Kammer.