Altersvorsorge: Was das Rentenpaket für Sie bedeutet - DER SPIEGEL
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Hermann-Josef Tenhagen

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Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Die Rentenreform der Bundesregierung ist seit dieser Woche da: Kürzungen soll es nicht geben, ein sogenanntes Generationenkapital ist geplant. Doch allein darauf sollte man sich nicht verlassen. Ein Überblick.
Ein älteres Paar auf einer Bank: Wenn’s geht, legen Sie 15 Prozent von Ihrem Netto zusätzlich für später zurück
Ein älteres Paar auf einer Bank: Wenn’s geht, legen Sie 15 Prozent von Ihrem Netto zusätzlich für später zurück

Ein älteres Paar auf einer Bank: Wenn’s geht, legen Sie 15 Prozent von Ihrem Netto zusätzlich für später zurück

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Hauke-Christian Dittrich / dpa

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) haben diese Woche das Rentenpaket II vorgestellt. Das Paket heißt nicht nur »zwei« – es hat tatsächlich auch zwei Teile. Zum einen die Garantie für die Babyboomer, dass ihre Rente bis Ende der Dreißigerjahre auf dem gleichen Niveau bleiben soll wie heute . Babyboomer, das sind – grob gesagt – all die von uns, die in den Fünfzigern und Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts im Rahmen des Wirtschaftsaufschwungs geboren wurden.

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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von »Finanztip«. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Apropos Wirtschaftsaufschwung – damit wären wir beim zweiten Teil des Rentenpakets: Es gibt Finanzminister Lindner die Möglichkeit, das Experiment »Kapitaldeckung in der Altersvorsorge« jetzt mit Staatsgeld zu beginnen. Das Experiment an sich ist sogar vielversprechend. Aber von den Möglichkeiten der Entlastung, die es für Beitragszahlende und Rentnerinnen und Rentner künftig bietet, eben nicht mehr als ein Experiment. Ein Experiment, für das Lindner in den kommenden Jahren 200 Milliarden Euro einsetzen will.

Was haben die beiden Minister diese Woche konkret vorgestellt?

Erst mal zur Garantieklausel für die gesetzliche Rente: Sie soll über 2025 hinaus mindestens bis Ende des kommenden Jahrzehnts auf dem Niveau von 48 Prozent bleiben. Das bedeutet, die gesetzliche Rente schafft auch in 15 Jahren genauso viel Sicherheit, lässt aber genauso viele Lücken wie heute .

Die Botschaft: Niemand muss befürchten, dass es in Zukunft keine gescheite Rente mehr gibt. Niemand sollte sich aber auch vorstellen, dass mit der gesetzlichen Rente der Lebensstandard gesichert werden kann .

Praktisch bedeutet das, nach 45 Jahren Einzahlung in die Rentenkasse mit einem Durchschnittseinkommen bekommt die Rentnerin 48 Prozent vom Einkommen des durchschnittlichen Arbeitnehmers. Das wären aktuell 1600 Euro im Monat. Davon muss die Rentnerin dann noch Beiträge in Kranken- und Pflegekasse bezahlen; und ein paar Euro Steuern auch.

Wer weniger lang oder einfach geringere Summen eingezahlt hat, bekommt weniger heraus. Wer mehr eingezahlt hat, entsprechend mehr .

Demografisches Problem

Jetzt werden Sie sagen, wie soll das denn funktionieren? Das wird doch irre teuer, weil die Rentnerinnen und Rentner immer mehr werden und die Erwerbstätigen nach Jahrzehnten Wachstum vielleicht sogar weniger. So sagen es auch die Wirtschaftsweisen.

Neben dem Experiment Generationenrente will die Regierung diesem Trend mit ziemlich viel Politik, mit höheren Beiträgen und mehr Geld aus der Steuerkasse entgegenwirken.

Dieses politische Gegensteuern, das heißt aus Sicht der beiden Minister erstens, dass möglichst viele Leute möglichst lange arbeiten. Gleichzeitig soll aber keine weitere Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters stattfinden, betont Hubertus Heil. Darauf haben sich Finanzminister und Arbeitsminister geeinigt. Das bedeutet, Arbeitgeber, Gewerkschaften und der Staat müssen Modelle finden, die es für möglichst viele Arbeitnehmer attraktiv machen, über das 67. Lebensjahr hinaus zu arbeiten – ohne gesetzlichen Druck. Man müsse aber zugleich »dafür sorgen, dass Menschen tatsächlich auch länger arbeiten können«, ergänzte der Arbeitsminister. Aktuell gingen die Leute im Schnitt mit 64 in Rente.

Zweitens sind sich Lindner und Heil einig, dass deutlich mehr Leute aus dem Ausland nach Deutschland zum Leben und Arbeiten kommen müssen. Das ist das Babyboomer-Problem: Die Jahrgänge, die in den kommenden Jahren in Rente gehen, sind ungefähr doppelt so stark wie die Jahrgänge, die aus den Schulen kommen. Sieben Millionen Arbeitnehmer fehlen ohne Migration und längere Arbeitsjahre schon bis 2035. Heute arbeiten 46 Millionen Menschen in Deutschland, 35 Millionen zahlen in die Rentenkasse ein.

Drittens sollen die Rentenbeiträge bis 2035 – anders als in den vergangenen zehn Jahren – noch mal ordentlich steigen. Von 18,6 Prozent im Augenblick, dem niedrigsten Niveau seit den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, auf fast das Niveau, das die Österreicher seit Jahrzehnten pflegen, 22 bis 23 Prozent . Bei 4000 Euro Einkommen im Monat bedeutet das für den Arbeitnehmer 80 Euro mehr Abzüge und für den Arbeitgeber obendrauf auch noch mal 80 Euro Beitrag. Diese Beiträge zahlen diejenigen, die dann noch arbeiten. Also die Leute bis Mitte 40. Babyboomer hingegen werden hier zumeist nur noch kassieren.

Viertens soll auch der staatliche Zuschuss für die vielen Rentenleistungen, die gar nicht vom Beitrag finanziert werden (Mütterrente usw.), steigen. Das wird Jahr für Jahr einen ordentlichen Milliardenbetrag aus der Steuerkasse kosten – im Gesetzentwurf ist von 7,2 Milliarden Euro mehr im Jahr 2035 die Rede.

Das Generationenkapital

Teil zwei des Rentenpakets: die Generationenrente. Der Finanzminister hat es mit einem Kniff geschafft, in diesem Fall die Schuldenbremse zu umgehen und gleichzeitig bis zu 200 Milliarden Euro bis 2035 loszueisen.

Eine Leistung, aber bei den Anforderungen des Rentensystems nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Lindner will einer Stiftung öffentlichen Rechts bis Mitte der Dreißigerjahre rund 200 Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Im Wesentlichen in Form von Krediten, aber auch durch die Übertragung von 15 Milliarden Euro an staatlichem Tafelsilber. »Wir steigen ein in die teilweise Kapitaldeckung der gesetzlichen Rente«, so Lindner. Firmenanteile, die nicht im öffentlichen Interesse stehen, sollten verkauft werden. Konkrete Namen werden nicht genannt.

Damit sollen ab 2036 jährlich zehn Milliarden in die Rentenkasse fließen. Dorthin nämlich soll das Geld aus der Generationenrente. Der einzelne Rentner geht damit zwar nicht selbst an den Kapitalmarkt, die routinierte Bundesrepublik Deutschland tut das aber für ihn.

Zurück zum Experiment. Die insgesamt 200 Milliarden Euro Anlagekapital sollen genug Rendite abwerfen, um damit die Zinsen für die Kredite zu bezahlen und dann noch zehn Milliarden für die Rentenkasse. Ganz einfach wird das nicht. Um das Generationenkapital zu erhalten, jährlich die zehn Milliarden abzuzweigen und einen Reservepuffer zu haben, sind durchschnittlich 7,5 Prozent Rendite pro Jahr notwendig, nachdem die Verwaltungskosten des Fonds schon bezahlt sind, haben meine »Finanztip«-Kollegen ausgerechnet . Eine echte Herausforderung.

Lindner gab sich am Dienstag optimistisch, dass der Staat mit seiner Stiftung hier Erfolge feiern könne. Er sehe positive Beispiele: Im Jahr 2023 habe die staatliche Stiftung Kenfo, der Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung, der die Milliarden für die atomare Endlagerung verwaltet, mehr als elf Prozent Rendite erwirtschaftet. Bei der Kenfo ist der Aktienanteil allerdings zu niedrig, um auf Dauer wirklich hohe Renditen zu erzielen .

Langfristig sind mit hohem Aktienanteil weltweit gestreut sieben Prozent drin, würden wir bei »Finanztip« sagen. Aber einzelne Jahresprognosen sind nicht so klug, auch für Finanzminister. Im (einzelnen) Jahr 2022 hat die Kenfo-Endlagerstiftung, die erst mal auch die Generationenrente verwaltet, nämlich noch 15 Prozent Verlust in einem Jahr gemacht.

Generationenkleingeld?!

Womit wir beim Kernproblem der Generationenrente wären. An den Kapitalmärkten geht es rauf und runter und langfristig eben wieder rauf. Deswegen kann sie sinnvoll sein. Sie muss aber die Tiefs zwischendurch auch aushalten können, und sie darf sich von der Finanzbranche nicht veräppeln lassen.

Die vergangenen beiden Versuche, mehr Kapitaldeckung in der Altersvorsorge zu etablieren, sind an einer Mischung aus Börsenkrise und gierigen Finanzdienstleistern gescheitert . Um die Jahrtausendwende herum gab es bei den Riester-Diskussionen auch die Variante, Geld von Altersvorsorgesparern in günstige Fonds zu stecken. Dann platzte die Dotcom-Blase, viele Aktionäre erlebten, wie ihre Banker sie allein ließen, und sowohl Politik als auch Sparer hatten die Nase voll von allzu viel Börse . Dabei wären aus 10.000 Euro im Sommer 2002 in einem Indexfonds auf den MSCI World investiert heute 35.000 Euro geworden.

Sieben Jahre später, in der Finanzkrise, waren die Banker für viele Kunden wieder nicht erreichbar, als es krachte. Viel Vertrauen in den Kapitalmarkt und die Finanzdienstleister ging verloren, obwohl die Anleger, die damals dabei blieben, seither sehr schöne Renditen gesehen haben.

Was folgt daraus für Sie?

Begleiten Sie das Experiment politisch gern wohlwollend. Ein Stück weit Rentensicherheit für alle bringt auch politisch Ruhe. Und wenn sich Beamte künftig auch an der gemeinsamen gesetzlichen Altersvorsorge beteiligen würden, statt von der Seitenlinie kluge Ratschläge zu geben und Pensionen zu kassieren, die jede gesetzliche Rente weit übersteigen, wäre das für die aktuelle Debatte sicher auch hilfreich.

Für uns alle wichtiger: Kümmern Sie sich zusätzlich um Ihre eigene ergänzende betriebliche und private Altersvorsorge . Auch hier haben die Minister Lindner und Heil bis zum Jahresende noch mal Reformen angekündigt. Und neben einer Riester-Reform könnte auch ein Altersvorsorgedepot dazugehören. Es kann hier nur besser werden.

Bis dahin legen Sie, wenn’s geht, 15 Prozent von Ihrem Netto zusätzlich für später zurück.

  • Das können Sie machen, indem Sie einfach Ihr Geld fürs Alter in ETF anlegen, in marktbreite, weltweite Aktienindexfonds. Marktbreit und weltweit anlegen sorgt dafür, dass Schwankungen am Kapitalmarkt Sie nicht nervös machen sollten. Wenn der Renteneintritt ausgerechnet in eine schlechte Phase an der Börse fällt, nutzen Sie idealerweise nicht zu viel von dem Geld aus Ihrem Depot . Sie haben auch in der Rente Zeit, meine Eltern sind jetzt 92 und 94.

  • Oder Sie haben eine Immobilie gekauft und zahlen die einfach weiter ab. In der Rente sollen dann Haus oder Wohnung quasi mietfrei zur Verfügung stehen. Aber denken Sie daran, auch ein Haus braucht regelmäßig Pflege und Betreuung , mal eine neue Dachrinne oder eine neue Heizung.

  • Bei wenig Einkommen und vielen Kindern kann auch aktuell ein Riester-Vertrag  immer noch eine gute Idee sein. Die Förderung ist dann irre hoch. Wer ohne viel eigenes Einkommen in den vergangenen Jahren von 2002 bis 2024 immer den Mindestbeitrag eingezahlt hat, hat bislang unter 1300 Euro einzahlen müssen, aber mindestens 4500 Euro auf dem Konto, ohne dass der Anbieter einen einzigen Cent Rendite erwirtschaftet hat. Mit zwei noch kindergeldberechtigten Kindern wären es sogar fast 12.000 Euro.

  • Und wenn der Chef viel dazu tut und die private Rentenversicherung eine ordentliche Rente für jeden Euro garantiert, kann auch eine eigene Betriebsrente  per Gehaltsumwandlung noch eine gute Idee sein. In manchen Unternehmen legen die Arbeitgeber 25 oder gar 50 Prozent zur Einzahlung der Mitarbeiter dazu. 15 Prozent müssen sie dazugeben, denn sie sparen in dem Modell in großem Umfang Sozialversicherungsabgaben.

Bitte kümmern Sie sich, tun Sie was. Politische Experimente wie das dieser Woche reichen allein nicht. Und Abwarten ist in Rentenfragen keine gute Idee.