Bolivien: Der Fluch des Quinoa-Booms - DER SPIEGEL
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Quinoa-Boom: Das Leiden von Boliviens Bauern

Foto: Georg Ismar/ dpa

Bolivien Der Fluch des Quinoa-Booms

Quinoa ist in Europa zum Trendessen geworden. Doch im Ursprungsland der nährstoffreichen Pflanze geht es den Bauern so schlecht wie lange nicht. Eine Globalisierungsgeschichte aus Challapata, Bolivien.
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Boliviens Präsident Evo Morales isst im Regierungsflieger am liebsten Quinoa-Riegel - denn die Pflanze kurbelt das Wachstum seines Landes an. Lag die Produktion vor zehn Jahren weltweit bei 60.000 Tonnen, sind es heute mehr als 250.000 Tonnen.

Früher wurde die nährstoffreiche Quinoa fast nur in den Anden gegessen, auf 3800 Meter Höhe ist ihr traditionelles Anbaugebiet. Dann machte die reisähnliche, glutenfreie Pflanze weltweit Karriere. Es gibt jetzt Quinoa-Shampoo, Quinoa-Bier und viele weitere Quninoa-Gerichte in den hippen Bio-Cafés der westlichen Großstädte. Im Berliner Literaturhaus wird zum Beispiel Lachstatar auf feiner schwarzer Quinoa serviert.

Nur in der bolivianischen Kleinstadt Challapata, dem einstigen Zentrum des Quinoa-Anbaus, ist vom Boom nicht viel geblieben.

Es ist eine dieser Globalisierungsgeschichten. Plötzlich macht ein Produkt Karriere - prompt wird das Saatgut verändert, um es auch in anderen Regionen anzubauen. In Peru, das Bolivien als Marktführer abgelöst hat, wird Quinoa verstärkt im industriellen Stil angebaut. Auch in den USA, Indien und China wird inzwischen Quinoa produziert.

Rapider Preisverfall

Gegen die neue globale Konkurrenz kommen Boliviens Bauern nicht an - die erhöhte Produktion hat zu einem drastischen Preisverfall geführt. Statt zeitweise 6000 Dollar je Tonne Quinoa gibt es heute beim Export nur noch rund 2500 Dollar.

Wegen des Preisverfalls - und wegen einer Dürrephase - brach die Produktion in Bolivien 2016 nach sechs Jahren Wachstum von 89.000 auf 69.000 Tonnen ein. Bereits rund 200 der gut 2000 Bauern haben nach Angaben des Präsidenten der lokalen Quinoa-Produzenten, Benjamin Martínez, aufgegeben.

"Als der Preis immer weiter stieg, haben wir zu Hause Pommes statt Quinoa gegessen, um noch mehr zu verkaufen", sagt Quinoa-Bauer Germán Velarde, 29. Dann ging es rasch bergab.

Im deutschen Edeka-Supermarkt kosten 250 Gramm rote Quinoa aus Südamerika heute 3,29 Euro. Velarde bekommt für 250 Gramm rote Quinoa nur 1,74 Boliviano, das sind gerade einmal 21 Eurocent. Velarde hat vier Kinder zu ernähren. Zuletzt ist sein Lohn auf 87 Dollar geschrumpft.

Wind des Wandels

Auf dem Marktplatz steht auch Julian Canavari. 80 Kilometer ist er nach Challapata gefahren, um drei Säcke Quinoa zu verkaufen. Er lädt zu einer Fahrt durch die Quinoafelder ein, gerade wird die letzte Ernte eingefahren. Canavari klopft auf das Lenkrad seines Suzuki-Geländewagens. "Das war eine goldene Zeit. 2013, 2014. Von dem Geld habe ich mir das erste Auto in meinem Leben kaufen können." Heute kann er kaum noch das Benzin bezahlen.

Er fährt an Feldern vorbei. "Vor ein paar Jahren gab es nur Quinoa hier, jetzt steigen einige wieder auf Getreide und Klee für die Viehzucht um", sagt Canavari. Kurzer Stopp auf einem seiner Felder. Das Bewirtschaften der 30 Hektar lohnt sich für Canavari kaum noch. "Wenn es so weiter geht, müssen wir wegziehen in die Stadt, nach Oruro oder La Paz", sagt er.

Als Canavari wieder am Marktplatz von Challapata eintrifft, dröhnt aus den Boxen einer Kneipe gerade "Wind of Change" von den Scorpions. Der Wind der Veränderung brachte hier erst den Boom - und dann den Absturz.

Von Georg Ismar, dpa

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