Bulgarien: Sparer stürmen Banken - DER SPIEGEL
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Ansturm der Sparer Bulgarien fürchtet neue Bankenkrise

Nach dem Ansturm von Sparern fürchtet Bulgarien eine erneute Krise seines Bankensektors. Im Hintergrund wird auch der Machtkampf zweier Oligarchen vermutet. Ein betroffenes Institut warb mit hohen Zinsen in Deutschland um Kunden.
Von David Böcking und Vesselin Dimitrov
Kunde vor einer Fibank-Filiale in Sofia: Auch um deutsche Sparer geworben
Kunde vor einer Fibank-Filiale in Sofia: Auch um deutsche Sparer geworben

Kunde vor einer Fibank-Filiale in Sofia: Auch um deutsche Sparer geworben

Foto: AP/dpa
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Hamburg/Sofia - Die Absender gaben sich verschwörerisch: "Lösche das, wenn du es liest", stand am Ende von 300 E-Mails und SMS, die laut bulgarischen Medienberichten am Donnerstag und Freitag vergangener Woche an Großkunden der First Investment Bank, kurz Fibank verschickt wurden. Das drittgrößte Institut des Landes stehe kurz vor der Pleite, deshalb sollten die Empfänger ihre Einlagen sofort abziehen.

Der Appell blieb nicht ohne Wirkung. Innerhalb weniger Stunden wurden nach Angaben der Fibank 800 Millionen Lewa abgezogen, umgerechnet gut 400 Millionen Euro. Zu langen Schlangen kam es vor rund zwei Wochen auch schon vor Filialen von Bulgariens viertgrößtem Geldhaus, der Corporate Commercial Bank (Corpbank). Mittlerweile übernahm die Zentralbank vorübergehend die Kontrolle über die Corpbank, die Regierung verlängerte eine Kreditlinie über 3,3 Milliarden Lewa für den Finanzsektor. Erneut kämpft damit ein europäisches Land gegen eine Panik unter Sparern, auch als Bank-Run bekannt.

Doch die Suche nach der Ursache ist in Bulgarien deutlich schwieriger als zuletzt bei ähnlichen Krisen in Griechenland und Zypern. In Griechenland trieb die berechtigte Angst vor einem Euro-Austritt Kleinsparer an die Automaten, in Zypern kollabierte ein völlig aufgeblähter Finanzsektor. Griechenland konnte die Anleger beruhigen, indem es zeitweise ganze Flugzeugladungen von Geldscheinen ins Land bringen ließ. In Zypern dagegen bestätigten sich die Sorgen für einen Teil der Sparer: Kunden der Bank of Cyprus mussten sich mit fast der Hälfte ihrer Guthaben über 100.000 Euro an der Sanierung beteiligen.

Bulgarien aber hat keinen Euro, den es verlieren könnte, sein Finanzsektor gilt als vergleichsweise stabil. Zwar verfolgten auch Fibank und Corpbank zum Teil zweifelhafte Geschäftsmodelle. Einiges deutet aber darauf hin, dass zumindest im Fall der Corpbank auch die Interessen zweier bulgarischer Geschäftsleute eine Rolle spielen.

Auf der einen Seite steht der Unternehmer und Politiker Deljan Peevski, eine ebenso mächtige wie umstrittene Figur der bulgarischen Politik. Peevski soll gemeinsam mit seiner Mutter indirekt den größten Medienkonzern des Landes kontrollieren, zudem ist er Abgeordneter der türkischen Minderheitspartei DPS. Die Corpbank gilt als Hausbank der DPS, Firmen von Peevski sollen zahlreiche Geschäfte mit ihr gemacht haben.

Auf der anderen Seite steht der Banker Zwetan Vassilev, dem rund 50 Prozent der Corpbank gehören. Vassilev galt bislang als Verbündeter von Peevski, die Männer sollen sich sogar gemeinsam um einen Auftrag für den bulgarischen Abschnitt der Ölpipeline South Stream bemüht haben. Doch dann kam es offenbar zum Zerwürfnis: Vassilev soll Geld zurückgefordert haben, das Peevskis Firmen der Corpbank schuldeten. Peevski dagegen warf Vassilev vor, dieser habe seine Ermordung in Auftrag gegeben. Mehrere Corpbank-Mitarbeiter wurden daraufhin vorübergehend festgenommen.

Sollen Schulden weggeschmolzen werden?

Der Bank-Run war Vassilev zufolge eine Folge des Mordvorwurfs, den von Peevski kontrollierte Medien aufgebauscht hätten. Der Politiker sei dabei nur "Werkzeug in einem größeren Szenario, um das Land zu destabilisieren und ein Ende der Währungsbindung zu ermöglichen", sagte Vassilev der "Financial Times". "Ich vermute die Beteiligung von Politikern und Geschäftsleuten mit großen Schulden, die sie wegschmelzen wollen."

Hintergrund dieser Behauptung: Seit Ende der Neunzigerjahren ist der bulgarische Lew an die D-Mark und mittlerweile den Euro gekoppelt. Würde diese Kopplung aufgelöst, so dürfte die Währung stark abwerten und in Lew gehaltene Schulden würden an Wert verlieren.

Undenkbar erscheint eine solche Verschwörung in Bulgarien nicht, das ärmste Land der EU kämpft mit Korruption auf allen Ebenen. Als ausgerechnet der Medienmogul Peevski zum Geheimdienstchef ernannt werden sollte, löste dies vor einem Jahr massive Proteste aus, die bis heute anhalten. Der Sozialist Plamen Orescharski regiert nur noch auf Abruf, seine Regierung soll schon vor den Neuwahlen im Oktober zurücktreten. Präsident Rossen Plewneliew versprach zwar, die Guthaben seien sicher. Doch viele Bulgaren erinnern sich noch gut an eine Bankenkrise in den Neunzigerjahren. Damals gingen 14 Banken pleite, die Währungsbindung war eine Konsequenz.

Der Corpbank werden zudem krumme Geschäfte vorgeworfen. Sie soll Kredite an Firmen von Peevski vergeben haben, die das Geld offiziell zurückliehen und so die Bilanz künstlich aufblähten. Erhoben wurde dieser Vorwurf jedoch ausgerechnet in der Zeitung "Monitor", die zu Peevskis Medienkonzern gehört.

Verbraucherschützer erwarten kein zweites Kaupthing

Sicher ist, dass die Fibank seit geraumer Zeit mit hohen Zinsen um Sparer warb - auch in Deutschland. Über die Internetseite Weltsparen.de bot sie für einjähriges Festgeld zeitweise einen Zinssatz von 2,9 Prozent, während in Deutschland höchstens 1,7 Prozent zu holen waren. Mittlerweile nahm Weltsparen.de das Angebot von der Seite, mit der Begründung , die Fibank wolle sich "zunächst vollumfassend um ihre Kunden im Heimatmarkt kümmern".

Das weckt Erinnerungen an die isländische Kaupthing-Bank, von deren Pleite viele deutsche Anleger betroffen waren. Die Einlagen bei der Fibank werden beim Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) jedoch bislang jedoch als deutlich geringer eingeschätzt. "Ich nehme an, dass es nicht die Dimension von Kaupthing haben wird, sondern dass wesentlich weniger Sparer betroffen sind", sagte die VZBV- Finanzexpertin Dorothea Mohn SPIEGEL ONLINE.

Im Gegensatz zu Island ist Bulgarien zudem Teil der europäischen Einlagensicherung, die für Guthaben bis 100.000 Euro garantiert. Die Zeitschrift "Finanztest" riet dennoch Anfang des Jahres vom Fibank-Angebot ab: " Wir glauben derzeit nicht, dass genügend Geld im Einlagensicherungsfonds Bulgariens ist, um alle Anleger im Pleitefall innerhalb der vorgeschriebenen Frist von 20 Werktagen zu entschädigen." Guthaben oberhalb von 100.000 Euro wären im Fall einer Pleite ohnehin gefährdet - das ist spätestens seit der Zwangsabgabe für Sparer in Zypern klar.