Dispozinsen: So schützen Sie sich - DER SPIEGEL
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Horrende Zinsen Nie wieder in die Dispo-Falle

Dispozinsen sind Kleinbeträge? Von wegen: Mindestens acht Milliarden Euro nehmen die Banken ihren Kunden so ab. Ein neues Gesetz soll Kontoinhaber schützen. Doch am besten hilft man sich selbst. Wie das geht - die Anleitung.
Dispozinsen: Die Kunden müssen sich selber helfen
Dispozinsen: Die Kunden müssen sich selber helfen

Dispozinsen: Die Kunden müssen sich selber helfen

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ picture alliance / dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Bundesregierung hat Mitte Juli ein Gesetz auf den Weg gebracht, mit dem nach dem erklärten Willen der Koalition den überhöhten Dispozinsen in Deutschland Einhalt geboten werden soll. Das ist eine gute Idee.

Bei rund zehn Prozent liegen die Dispozinsen deutscher Banken. Im Kampf dagegen vertraut die Große Koalition auf zwei Waffen:

Erstens sollen die Banken künftig offen über ihre Zinssätze beim Überziehen eines Kontos informieren - so wie auf Preisschildern in einem Supermarkt. Der Dispozins ist dann hoffentlich ohne großes Suchen auf der Website der Bank zu finden.

Zweitens soll, wer über längere Zeit knietief im Dispo steckt, künftig eine Beratung seiner Bank erhalten, wie er aus dieser teuren Klemme wieder herauskommt. Besser fahren Kunden, wenn ihnen die Bank ihren Dispokredit in einen deutlich günstigeren Ratenkredit umwandelt.

Das Problem daran: Banken verdienen an der Schuldnerberatung nichts. Welches Interesse sollten sie haben, sich ein gutes Geschäft zu verderben?

Meine Prognose: In der Praxis erlaubt dieser Gesetzentwurf den Banken weiter, ihre treuen Kunden mit hohen Dispozinsen zu schröpfen. Erst in fünf Jahren sollen die Ergebnisse des Gesetzes wieder auf den Prüfstand. Dabei ist schon jetzt klar, dass die Gesetze von Angebot und Nachfrage den Dispo-Wucher nicht aus der Welt schaffen werden.

Um die Dimension des Geschäfts klar zu machen: Wer im Schnitt 1000 Euro Dispo beansprucht, zahlt jährlich bei elf Prozent Zinsen wenigstens vier Prozentpunkte zu viel (verglichen etwa mit Österreich oder den Niederlanden). Das sind 40 Euro pro Jahr.

Deutschlands Bankkunden stecken insgesamt mit knapp 40 Milliarden Euro im Dispo. Das sind dann in einer konservativen Betrachtung mindestens acht Milliarden Euro leichte Beute, die die Bundesregierung den Banken mit ihrer Gnadenfrist von fünf Jahren noch sichern würde.

Das stumpfe Schwert der Regierung

Die Waffen der Bundesregierung sind stumpf: Mehr Information und eine Bankberatung werden den Dispozins nicht senken. Sie gehen am Problem vorbei.

Denn erstens fällen Kunden selten eine bewusste Entscheidung, die Dispo-Dienstleistung zu nutzen. Man rutscht halt so rein. Ein Vertrag ist nicht notwendig. Ohne bewusste Entscheidung helfen aber zusätzliche Informationen allein nicht weiter.

Stecken Kunden aber zweitens irgendwann tatsächlich knietief im Dispo, finden sie schwerlich eine andere Bank, die sie mit ihren Schulden noch nimmt.

Drittens haben etliche Banken den Weg vom Dispo zum vermeintlich preiswerteren Ratenkredit immer wieder genutzt, um Kunden noch mal richtig auszunehmen: Ratenkredite wurden gerne mit teuren und unnötigen Restschuldversicherungen verkauft und kamen die Kunden damit unterm Strich teurer als der Dispo.

Und wenn es viertens schließlich ganz übel lief, trat die Bank damit eine Schuldenspirale los, weil ihre Kunden nach ein paar Monaten wieder in den Dispo rutschten und zusätzlich den Ratenkredit an der Backe hatten.

Keine Rettung in Sicht

Von diesem Drama kann jeder Schuldnerberater der Republik ein Lied singen. Politik und Banken lässt es bislang kalt. Dabei ist die Lösung ganz einfach: Der Gesetzgeber müsste nur einen Zinsdeckel festlegen, der sich an einem gängigen Zinssatz der Europäischen Zentralbank orientiert.

Bis dahin müssen wir Kunden uns selber helfen :

  • Natürlich wählen wir das preiswerteste Konto mit einem niedrigen Zinssatz, wenn wir die Wahl haben. Es gibt preiswerte Kontomodelle bei vielen Banken  und sogar komplett kostenlose Konten bei einigen Anbietern.
  • Natürlich vermeiden wir den Dispo, wo es geht, legen in guten Tagen ein Tagesgeldkonto für uns an , helfen Verwandten und Freunden bei kurzfristigen finanziellen Engpässen aus der Patsche.
  • Und wer tatsächlich knietief im Dispo steckt, sollte sich auf Vergleichsportalen einen billigen Kredit suchen . Wenn die Hausbank genauso günstig anbietet, umso besser. Und nach der Umschuldung die Finanzen systematisch durchgehen, um ja nicht gleich wieder in den Dispo zu rutschen! Falls nötig, hilft eine unabhängige Schuldnerberatung.

Machen Sie selber Politik

Mit dem Dispo wird ja gerade Politik gemacht. Das können Sie auch. Gehen Sie die Chefs der Banken direkt an. Jede Sparkasse hat einen Verwaltungsrat, jede Volksbank einen Aufsichtsrat. Das sind die Honoratioren, die die Geschäfte der Bank überwachen. Im Hauptberuf sind sie oft Oberbürgermeister oder Landrat. Schreiben Sie ihnen und bitten Sie um Auskunft, warum der Dispo dort so hoch ist.

Auch die großen Privatbanken haben einen Aufsichtsrat, einen Vorstand, den Sie anschreiben können. Lassen Sie sich erläutern, wie die Dispozinsen kalkuliert werden und lassen Sie die Öffentlichkeit an den Antworten teilhaben. Schicken Sie diese gerne mir (chefredakteur@finanztip.de ), aber auch Facebook und Twitter sind für markante (Nicht-)Antworten eine gute Plattform.

Ach ja - und schreiben Sie ruhig auch Bundesverbraucherminister Heiko Maas.

Zum Autor

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »taz«. Dort war er jahrelang ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.