Hitze und Klima: Welche Maßnahmen Sie jetzt ergreifen können - DER SPIEGEL
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Hermann-Josef Tenhagen

Handlungsideen Die Klimakrise kostet uns Milliarden – und das können Sie tun

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Niedrigwasser, Dürre, Brände, Hitzetote: Die Folgen des Klimawandels sind in diesem Sommer eindrücklicher denn je. Wir können aber etwas unternehmen, kurzfristig und auf lange Sicht.
Szene am Rhein: »Gewaltige Anstrengungen« seien nötig, um das Schlimmste abzuwenden, schrieb eine Kommission bereits Ende des vergangenen Jahrhunderts
Szene am Rhein: »Gewaltige Anstrengungen« seien nötig, um das Schlimmste abzuwenden, schrieb eine Kommission bereits Ende des vergangenen Jahrhunderts

Szene am Rhein: »Gewaltige Anstrengungen« seien nötig, um das Schlimmste abzuwenden, schrieb eine Kommission bereits Ende des vergangenen Jahrhunderts

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Malte Ossowski / SvenSimon / picture alliance

Die Energiekonzerne haben uns ausgenommen. Im Frühjahr dieses Jahres hat jeder der acht Ölriesen pro Minute 700.000 Dollar Gewinn gemacht . Zugleich verursachen sie mit der Zerstörung des Klimas Milliardenkosten.

Im vergangenen Jahr haben Wissenschaftler im angesehenen »Nature«-Magazin erstmals Ölkonzerne direkt verantwortlich gemacht  für frühere Extremereignisse ähnlich Europas Hitzewellen 2026. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hat die wirtschaftlichen Folgen fehlenden Klimaschutzes in der aktuellen Dürre diese Woche auf eine halbe Milliarde Euro am Tag beziffert . Und da wusste noch niemand von den Evakuierungen Tausender Einwohner in der Eifel.

Sind wir nur hilflos? Nein. Wir könnten was tun, wir sollten etwas tun, schon aus purem wirtschaftlichem Eigeninteresse. Ganz zu schweigen von den Interessen unserer Kinder und Enkel. Unser Leben, unsere Arbeitsplätze und unser Wohlstand hängen an vernünftigen Antworten auf den Klimawandel.

Wir wissen viel, und wir waren ziemlich vorn

Meine Generation weiß das ganz genau. Ich bin 63. Als ich in den Achtzigerjahren studierte, richtete der Bundestag mit den Mehrheitsstimmen von Union, SPD, FDP und auch Grünen eine sogenannte Klimaenquete-Kommission ein und diese schrieb 1988 bis 1990 drei dicke Berichte, darunter einen zu den möglichen Folgen des Klimawandels: »Die Bestandsaufnahme zeigt eindringlich, wie stark die gesamte Erdatmosphäre und damit die Erde selbst durch den zusätzlichen Treibhauseffekt und den Ozonabbau in der Stratosphäre gefährdet sind«, schrieben die Abgeordneten . »Gewaltige Anstrengungen« seien nötig, um das Schlimmste abzuwenden.

Auch die Bundesregierung eines Helmut Kohl (CDU) mit einem Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) war zu der Überzeugung gelangt, dass wir unsere Wirtschaft anpassen müssen, damit die Klimaveränderungen nicht zu gravierend würden.

Und dass eine angepasste, der Zukunft zugewandte Wirtschaft mit technischen, ökologischen Lösungen weltweit Erfolge feiern würde. Die Bundesregierung beschloss im Oktober 1990 als erste Regierung weltweit ein Klimaziel für das Land  – 25 Prozent weniger CO₂-Emissionen bis 2005.

Töpfer freute sich in den Neunzigerjahren über Hunderttausende Jobs in dem Bereich. Aus dem Chemiedreck in Bitterfeld wurde einige Jahre später das Solar-Valley, der Bitterfelder Bogen führte über die Sonnenallee in Europas größten Standort der Photovoltaik-Industrie. Und der Chef einer der deutschen Solarfabriken, Solarworld, träumte schließlich 2008 sehr öffentlich davon, den Amerikanern den strauchelnden Opel-Konzern für eine Milliarde Euro abzukaufen, um dort Öko-Autos zu bauen.

Uno-Klimasekretariat am versiegenden Rhein

Kanzler Kohl schließlich hatte schon in den Neunzigerjahren alles darangesetzt, das Klimasekretariat der Uno nach Bonn zu holen. Den Arbeitsauftrag bekam 1994 die damalige Umweltministerin Angela Merkel. Und sie lieferte.

Kohl war Rheinland-Pfälzer. Die Vorstellung, dass der Rhein wegen der Klimaveränderungen vor seiner Nase, in der Kleinstadt Kaub, noch zwölf Zentimeter Pegelstand hat , seine Chemiefabrik der BASF in Ludwigshafen per Schiff nicht mehr richtig beliefert werden kann, wäre ihm – und ebenso Töpfer – unerträglich gewesen. Der trachtete die Glaubwürdigkeit seiner Politik vor 40 Jahren zu unterstreichen, indem er durch den Rhein schwamm. Nicht durch den Rhein spazierte.

Klaus Töpfer 1988 beim Sprung in den Rhein

Klaus Töpfer 1988 beim Sprung in den Rhein

Foto:

Roland Witschel / dpa

Niedrigwasser-Kaub schaffte es diese Woche in die »New York Times«  und Chinas Nachrichtenagentur Xinhua.

Wo stehen wir heute?

Allein der versiegende Rhein und die Dürren der laufenden Wochen werden wirtschaftliche Schäden im zweistelligen Milliardenbereich verursachen und das Wirtschaftswachstum 2026 womöglich auf null reduzieren. Die Schäden beim Niedrigwasser sind wirtschaftlich das Pendant zu den Milliardenschäden durch die Ahrtalflut von vor fünf Jahren.

Und die Schäden sind nicht nur wirtschaftlich. Das Robert Koch-Institut (RKI) geht von 10.000 hitzebedingten Toten durch die Hitzewellen der vergangenen zwei Monate aus . Das hätte vor Jahren einen politischen Aufstand ausgelöst. Aktuell bleiben sie ohne größere politische Reaktion. Nicht einmal Klimaschutzräume, wie sie in südeuropäischen Metropolen wie Barcelona üblich sind , werden hierzulande intensiv diskutiert. Dort kann jede Bürgerin, jeder Bürger, in zehn Minuten zu Fuß einen solchen Klimaschutzraum erreichen. Sei es eine Kirche, eine Bibliothek oder das Einkaufszentrum.

10.000 Hitzetote, das sind fast viermal so viele, wie es im ganzen Jahr in Deutschland an Verkehrstoten gibt.

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Wirtschaftlich handeln

Oben habe ich versprochen, ich schreibe hier auf, was Sie tun können. Ihre Handlungsmöglichkeiten sind einerseits privat, betreffen wirtschaftliche und Verhaltensentscheidungen. Und dann sind sie natürlich auch politisch. Persönlich und kurzfristig können Sie den Klimawandel nicht bekämpfen. Sie sollten sich nur so gut es geht an das veränderte Klima anpassen.

Kurzfristig:

  • Gehen Sie früh zur Arbeit, vermeiden Sie die Mittagshitze. Am Arbeitsplatz gibt es rechtliche Vorgaben, wie warm es werden darf . Sprechen Sie Ihre Firma darauf an.

  • Nutzen Sie Homeoffice-Möglichkeiten, die Ihr Arbeitgeber einräumt, wenn Ihr Zuhause erträglicher ist als der Arbeitsplatz. Homeoffice können Sie bei der Steuer auch absetzen .

  • Machen Sie Ihr Zuhause erträglicher mit kleinen handwerklichen Kniffen und notfalls auch mit einer Kühlanlage. Wenn Sie die Klimaanlage mit dem Solarstrom Ihres Balkonkraftwerks betreiben können, umso besser .

  • Besuchen Sie den Baumarkt und erwerben Sie eine Wassertonne für Ihre Regenrinne, wenn Sie eine eigene haben. Und eine Spareinrichtung für Ihre Mischbatterie. Wässern Sie den Garten mit Brauchwasser .

  • Und natürlich sollten Sie kurzfristig die Situation nicht auch noch verschärfen, indem Sie unnötig mit dem Verbrenner in die Stadt fahren. Vielleicht ist dieser Sommer auch die richtige Zeit, um über ein Deutschlandticket nachzudenken .

Mittelfristig:

  • Sorgen Sie für technischen und baulichen Hitzeschutz in Ihren Wohnungen. Das schafft Lebensqualität und Arbeitsplätze. Besonders effektiv sind Luft-Luft-Wärmepumpen, um die Hitze rauszubekommen. Oder außen liegende Rollläden und Markisen, um die Hitze direkt draußen zu halten .

  • Sprechen Sie auch mit Ihrem Vermieter, damit der etwas tut. Unter Umständen haben Sie sogar Anspruch auf eine Mietminderung .

  • Installieren Sie ein Balkonkraftwerk . Egal, ob Eigentümerin oder Mieter, Sie haben ein gesetzliches Anrecht darauf. Sie müssen nur die Zustimmung vom Vermieter oder der Wohnungseigentümergemeinschaft einholen – ein »Nein« muss heutzutage sehr gut begründet werden . Zehn Jahre hat die deutsche Bürokratie gebraucht, bis man diese einfachen Anlagen auch einfach an die Steckdose anschließen durfte. Und der Wahnsinn geht weiter. Zuletzt haben die landeseigenen Wohnungsgesellschaften in Berlin nicht mal 100 Balkonkraftwerke in zwei Jahren genehmigt  – willkommen in der Hauptstadt.

  • Ihr nächstes Auto wird hoffentlich ein E-Auto. Wenn Sie gerade ein neues brauchen, gibt es aktuell wieder staatliche Förderung, sogar für geleaste Wagen . Die Treibhausgasminderungsquoten-Prämie  von aktuell 300 Euro können Sie sogar jedes Jahr aufs Neue bekommen, weil Ihr E-Auto kein CO₂ ausstößt.

Langfristig:

  • Investieren Sie. Erst in die Wärmedämmung und andere bauliche Maßnahmen, die den Verbrauch verringern. Informieren Sie sich über Förderungen. Die gibt es für viele Sanierungen oder Bauvorhaben für mehr Energieeffizienz. Energieeffizienz heißt nicht nur Wärme drinnen, sondern auch Hitze draußen lassen . Dann in die neue Heizung, wenn Sie eine eigene Heizung, eine eigene Immobilie haben . Das wäre sogar Wirtschaftspolitik, wenn Sie die von hiesigen Handwerkern installieren lassen und bei einem Wärmepumpenhersteller aus Deutschland kaufen. Aber lassen Sie sich nicht über den Tisch ziehen.

  • Investieren Sie gern auch in eine Solaranlage mit Batteriespeicher . Bei allen üblichen Leistungsgrößen, also zwischen 5 und 25 Kilowatt-Peak (kWp) gilt: Beeilen Sie sich. Ab nächstem Jahr fällt wohl die feste Einspeisevergütung weg , vielleicht bringen Sie die Anlage ja noch dieses Jahr ans Netz. Soll die Anlage stattlich groß werden – für über 25 kWp brauchen Sie allerdings mindestens 125 Quadratmeter Dachfläche – sind Ihre Einnahmen dagegen auch im neu geplanten Direktvermarktungsmodell durch eine Marktprämie abgesichert.

Politisch handeln

Auch hier haben Sie kurzfristige, mittelfristige und langfristige Möglichkeiten. Die brauchen wir alle gemeinsam auch, denn weder mehr Klimaschutz noch bessere Anpassung werden wir individuell gewährleisten können. Gleichzeitig heißt politisch an dieser Stelle natürlich erst mal noch nicht parteipolitisch, sondern zunächst konkret bezogen auf bestimmte Vorhaben und Regeln.

Wichtig ist dabei, zwei Grundregeln des Systems zu verstehen. Politische Akteure sind besonders dann gut ansprechbar, wenn sie demnächst wiedergewählt werden wollen. Also kurz vor der Wahl.

Und wenn Sie und wir es schaffen, Strukturen einmal zu verändern, lässt sich mit einer vermeintlich kleinen Änderung zu Beginn ein großer Effekt erzielen. In diesem Sommer hat das Parlament das Gesetz zum Energy-Sharing verabschiedet, mit dem Sie Solarstrom viel einfacher mit dem Nachbarn teilen können. Bei vielen Solaranlagenbetreibern läuft demnächst nach 20 Jahren die Einspeisevergütung aus. Sie und all die neuen Betreiber mit größeren Anlagen können von diesen neuen Regeln profitieren .

Kurzfristig:

  • Demnächst sind in drei Bundesländern Landtagswahlen: Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Fragen Sie Ihre Kandidaten in Ihrem Wahlkreis nach dem brennendsten Klimathema Ihres Wahlkreises – und was der/die Abgeordnete dagegen tun will. Finden Sie heraus, wo die Wahlkreisbüros sind, und machen Sie dort Bürobesuche. Ob es das Niedrigwasser an der Elbe ist, eine Algenplage am Ostseestrand oder Fahrradwege in Berlin-Charlottenburg. Auch in Zukunft wird zwar nicht jedes Wahlversprechen eingehalten, aber ohne Pläne kein Fortschritt.

Mittelfristig:

  • Verlangen Sie jetzt einen konsistenten Wärmeplan für Ihre Stadt oder Gemeinde . Größere Städte mussten ihren Wärmeplan bereits Mitte 2026 vorlegen, kleinere haben Zeit bis Mitte 2028.

  • Halten Sie Abgeordnete und Verwaltung an, sich an ihre Pläne zu halten. Wer eine Großstadt wie Berlin angeblich zur Schwammstadt machen will  und aus dem Berliner Gendarmenmarkt gleichzeitig eine komplett versiegelte Hitzehölle mit 43 Grad an heißen Tagen macht , sollte das vorgehalten bekommen. Wer bei Rostock riesige Schweineställe genehmigt, und die Genehmigung wird vor Gericht gekippt, muss begründen, wie es zur Genehmigung kommen konnte .

  • Verlangen Sie auch, dass bestehende Gesetze kontrolliert und eingehalten und Verstöße bestraft werden. Wir haben zum Teil tolle Gesetze, aber die Übeltäter schert es nicht. Ein Tempolimit vor der Schule kann nicht erst dann überwacht werden, wenn der erste Schüler überfahren wurde.

Langfristig:

  • Verlangen Sie von Ihren Regierenden einen Plan und die Einhaltung von Versprechen. Und wenn die Versprechen nicht eingehalten werden, eine Begründung. Die deutschen Autobosse haben Kanzlerin Angela Merkel 2011 versprochen, noch im selben Jahrzehnt eine Million E-Autos auf deutsche Straßen zu bringen. Sie haben nicht geliefert. Stattdessen haben sie von 2010 bis 2020 mit immer größeren Autos den langjährigen Trend zum Spritsparen umgekehrt. Deutsche Autos brauchten wieder mehr Diesel auf 100 Kilometer, nicht weniger . Vom Dieselskandal mit seinen Milliardenschäden ganz zu schweigen.

  • Lassen Sie nicht zu, dass alte Industrien subventioniert werden. Subventionen sind nur dann richtig, wenn Zukunft gebaut wird, wenn neuen Ideen zum Durchbruch verholfen werden soll. Ich komme aus Nordrhein-Westfalen. Als ich jung war, hat die Ruhrkohle für jeden Beschäftigten unter Tage dort 60.000 Mark an Subventionen gebraucht. Die Unterstützung für die spezielle Knappschafts-Versicherung noch nicht eingerechnet . Diese Milliardensubventionen haben dem Strukturwandel zwischen Gelsenkirchen und Hagen nicht geholfen.

Und heute? Die Verbrennerindustrie hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten für ihre Eigentümer viele Milliarden verdient. Subventionen sollten diese Konzerne nicht brauchen.

Dies ist ein demokratisches Land. Hier haben wir alle das Sagen. Aber auch wir müssen klug sein und unsere Zukunft subventionieren wie die Chinesen. Europa erwärmt sich heute schon schneller als der Rest der Welt. Wir müssen deshalb für unsere eigene Zukunft den Klimawandel bekämpfen und den Umgang mit den bereits unvermeidbaren Folgen erlernen. Für unsere Zukunft. Denn die Zukunft, das ist unser gutes Leben, sind die Jobs unserer Kinder und unsere Renten.