Homo constructus Ein Biotop namens Baumarkt
Kurz nach unserem Umzug fiel mir auf, dass im Bad die Abflussarmatur für die Waschmaschine fehlte. "Geh zum Baumarkt und kauf das fehlende Teil", befahl meine Frau. Ich konterte mit einem Scherz: "Baby, ich bin Sozialwissenschaftler. Ich weiß nicht, wie Dinge funktionieren. Aber wenn es um Menschen geht, dann bin ich dein Mann."
Ihr Blick verriet mir, dass mein Spitzengag nicht gezündet hatte. Deshalb setzte ich mich nolens volens ins Auto und fuhr nach Freiham.
Dort, außerhalb Münchens, steht auf einer grünen Wiese der größte Baumarkt, den ich je gesehen habe. Auf seinem Parkplatz könnte man das komplette Wimbledon-Turnier spielen. Im Verkaufsraum ließe sich ein halbes Dutzend A380 parken - und es wäre immer noch Platz für die "Hindenburg".
Ich hasse Baumärkte. Denn ihre Konstruktion offenbart ein grundlegendes Missverständnis in Bezug auf die Wünsche von König Kunde, also mir.
Früher, bevor die Landschaft mit all den Tooms, Hornbachs und Praktikern zugepflastert wurde, gab es das örtliche Eisenwarengeschäft. Man ging hinein und hielt dem Mann hinter dem Tresen sein kaputtes Rohrstück vor die Nase. Daraufhin rief er "Achtziger mit Sechser Muffe, verzinkt". Kurz darauf brachte jemand das fragliche Teil zum Tresen.
Wo ist der Homo constructus?
Heutzutage muss man zunächst ein schlecht geheiztes Gebäude von der Größe der Allianz-Arena durchqueren - um dort unter 50.000 Artikeln einem Dingsbums hinterherzujagen, von dem man nicht einmal die korrekte Bezeichnung kennt.
Ich seufze. Es hilft ja nichts, ich muss da jetzt durch. Unter brutal gleißendem Neonlicht stapfe ich über einen Zubringer zum Eingang, womit ich bereits meinen ersten Laufkilometer absolviert habe.
Zunächst muss ich den Ureinwohner dieses seltsamen Biotops aufstöbern: den homo constructus, vulgo Baumarktmännchen. Ein Reservat dieser Größe sollte mindestens 50 ausgewachsene Exemplare beherbergen. Trotzdem wird das schwierig. Denn Baumarktmännchen sind äußerst scheu und verstecken sich die meiste Zeit in den Gipfeln der Hochregale.
Lautlos pirsche ich mich an einer Wand aufpalettierten Bitumen-Kaltklebers entlang. Da vernehme ich etwas, das wie der Klageruf eines brünftigen Baumarktmännchens klingt. Rasch haste ich zur nächsten Gangkreuzung.
Falscher Alarm - es ist nur das Quaken eines Promo-Fernsehers, der in Endlosschleife für ein revolutionäres Aerotwin-Gestängel wirbt.
Das Baumarktmännchen faucht böse
Ich ändere meine Taktik und hocke hinter den Deltaschleifern ab. Ich werde einfach warten, bis eines der Tiere vorbeikommt, auf dem Weg zur Kaffeetränke. Nach zehn Minuten taucht tatsächlich ein Baumarktmännchen auf. Es faucht böse, doch ich treibe es zwischen den Flachverbindern und einem Display mit Balkenschuhen in die Enge.
"Grüß Gott, ich suche ein Siphon für..."
"Ich bin nicht Eisen!", brüllt das Baumarktmännchen.
"Nicht ... Eisen?", frage ich.
"Ich bin Holz. Eisen ab Quergang 47b."
Und schon ist es weg. Fluchend laufe ich die zwei Kilometer bis zum fraglichen Regal und scheuche dort ein Eisenmännchen auf, das gerade einige Spreizdübel beschnuppert. Es hört sich mein Anliegen mit genervter Miene an und fragt:
"Außen- oder Innengewinde?"
Ich zeige ein Handyfoto vor, das ich von der Badwand gemacht habe.
Das Baumarktmännchen grunzt, kratzt sich am Bauch und sagt: "Was soll denn das sein? So a Gestümpere hab i ja noch nie g'sehn." Dann stapft es auf ein Regal zu.
"Sie brauchen a Schlauchverschraubung mit Raumspar-Abgang." Das Baumarktmännchen drückt mir eine Blisterpackung in die Hand. Dann verschwindet es mit zwei kurzen Sätzen hinter einem Werbedisplay für Akkudreherbits mit Tiefenanschlag.
Woher kommt diese Feindseligkeit?
Zu Hause versuche ich vergeblich, das Plastikröhrchen (21,95 Euro) anzubringen, und denke darüber nach, warum Baumarktpersonal stets so ausgesucht unfreundlich ist.
In gewisser Weise, denke ich mir, ist die offenbar kongenitale Feindseligkeit des Baumarktmännchens ja verständlich. Täglich dringen Fremde in das Revier dieses stolzen Primaten ein - ahnungslose, verweichlichte Großstädter, die nicht einmal eine Zarge auswuchten, geschweige denn einen schwimmenden Estrich legen können. Kein Wunder, dass das die Tierchen stresst.
Ich warte, bis Tanja aus dem Haus ist, und bestelle dann einen Installateurmeister. Ich erkläre ihm, dass mir das komische Plastikteil Probleme bereitet. Das Ganze wird mich mindestens 200 Euro kosten. Aber bevor ich noch einmal in den Baumarkt fahre, zahle ich lieber.
Am nächsten Morgen schraubt ein freundlicher Herr im Blaumann in meinem Bad herum. Fachmännisch setzt er ein metallenes Siphon ein, das ganz anders aussieht als jenes aus dem Baumarkt. Dann gibt er mir mein Plastikröhrchen zurück. "Damit hätten sie hier alles unter Wasser gesetzt", sagt er tadelnd. "Was für ein Affe hat ihnen denn das angedreht?"
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