Immobilien preiswert kaufen - so geht es - DER SPIEGEL
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Häuser zum Schnäppchenpreis Wann sich Billig-Immobilien lohnen

Es gibt sie noch, die Häuschen zum Niedrigpreis, auch in Deutschland. Doch Vorsicht: Selbst bei Kaufsummen unter 25.000 Euro gehen Sie Risiken ein. Diese Punkte sollten Sie beachten.
Einfamilienhaus bei Rostock
Einfamilienhaus bei Rostock

Einfamilienhaus bei Rostock

Foto: Bernd Wüstneck/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der 40 Jahre alte Bungalow bei Anklam stand zur Zwangsversteigerung. Der Preis: 25.000 Euro. Für 100 Quadratmeter Wohnfläche, Garage im Keller und ein ordentliches Grundstück in dem kleinen ostdeutschen Dorf nahe der Ostsee. Unglücklich nur der große Kuhstall rund 150 Meter entfernt.

Der Eigentümer war nach einer Trennung überschuldet und hatte keine Einigung mit der Bank gefunden. Die versuchte jetzt, mit der Zwangsversteigerung wenigstens einen Teil ihres Geldes hereinzuholen. Und hoffte, dass sich wegen der niedrigen Zinsen und dem Drang der Deutschen nach den eigenen vier Wänden ein Käufer finden würde.

Für jemanden, der das ruhige Landleben schätzt, wäre das Haus bei dem Preis auch fast ideal. Wenn man denn irgendwo dort auf dem Land, in der 15 Kilometer entfernten Kleinstadt oder notfalls auch in der 30 Kilometer entfernten Universitätsstadt Greifswald eine Arbeit hätte - sowie sozial ein bisschen anpassungsfähig wäre.

Und hartgesotten: Denn den unglücklichen Mann mithilfe der Bank aus seinem Haus zu vertreiben, das hilft bestimmt nicht, einen guten Draht zu den übrigen Dorfbewohnern zu finden.

Sie glauben das mit den Preisen nicht?

Andererseits: Ein solches Haus für 25.000 Euro als Geldanlage zu kaufen, um den Unglücksraben dort wohnen zu lassen, die Miete womöglich finanziert vom Sozialamt, das ist auch nicht jedermanns Sache. Wobei die 300 Euro Miete für das Sozialamt preiswert gewesen wären - billiger als eine Wohnung in der benachbarten Kleinstadt. Aber als Vermieter muss man mit dem unglücklichen Mann ja einen Modus Vivendi finden.

Es fand sich dann zunächst auch niemand, wie sich bei der Zwangsversteigerung zeigte: Im ersten Durchgang gab es kein Gebot. Selbst die 25.000 Euro waren den Anwesenden zu viel. Erst im zweiten Durchgang bot jemand und erhielt schließlich für 18.000 Euro den Zuschlag .

Liebe Leser, Sie kommen aus einer Metropole und mögen das mit den Preisen nicht glauben? Es wird doch immer von Immobilienboom und Immobilienblase gesprochen, sagen Sie?

Ich verstehe Sie. Aber fahren Sie mal ganz weit raus. Vor wenigen Monaten stand kaum einen Kilometer von dem zwangsversteigerten Haus ein weiteres Häuschen mit Garten und einer abgedeckten Scheunenruine zum Verkauf. Wieder 25.000 Euro - und nach sechs Wochen war das Verkaufsschild verschwunden, also wohl verkauft.

Nicht jedes Haus passt zu jedem Käufer

Können Sie mit einem solchen Haus wirtschaftlich etwas falsch machen?

Können Sie natürlich. Denn auch die 25.000 Euro wollen finanziert sein. Und wenn Sie einen Sachverständigen  zur Besichtigung des Hauses engagierten, würde der wahrscheinlich feststellen, dass Instandsetzungen für mindestens noch einmal 25.000 Euro praktisch sofort erforderlich wären.

Und dann würden Sie als nächstes zur Kenntnis nehmen müssen, dass der Bus vor der Haustüre nur montags bis freitags fünfmal am Tag verkehrt, samstags und sonntags überhaupt nicht. Dass der nächste Arzt, der Supermarkt und auch die Apotheke erst in der Kleinstadt zu finden sind, wie Schule, Kindergarten und Gemeindeverwaltung - alles rund 15 Kilometer entfernt.

Zur nächsten Kneipe, einem Ausflugslokal, müsste man zehn Kilometer radeln, nachdem das einzige Hotel im Umkreis im vergangenen Jahr dichtgemacht hat.

Für Sie kein Problem? Die zwei Autos  für den Weg zur Arbeit, je 15 bis 30 Kilometer, könnten Sie sich bei dem günstigen Preis für das Haus auch leisten, die Kosten dafür von der Steuer absetzen und etwaige Kinder morgens auf dem Weg zur Arbeit  an der Schule absetzen.

Wie wird man das Haus wieder los?

Doch dann käme die Finanzierung. Für Summen unter 50.000 Euro bekommen Sie oft keinen Hypothekenkredit. Und wenn, dann nur einen mit deutlich höherem Zins. Mit solchen Kreditsummen geben sich Banken nicht gern ab.

Aber vielleicht haben Sie noch einen alten Bausparvertrag . Den könnten Sie dann gut einsetzen, auch wenn der Zinssatz nicht so günstig ist: Zinsen zahlen Sie ja nur auf die Hälfte der Bausparsumme, und außerdem können Sie das Bauspardarlehen flexibel zurückzahlen. Im schlechtesten Fall kratzen Sie Ihr Eigenkapital zusammen und schließen die Lücke mit einem Ratenkredit .

Die neue Niedrigzinswelt hilft auch hier. Die Zinssätze für überschaubare Summen wie 10.000 oder 15.000 Euro liegen heute auf dem Niveau von Baukrediten von vor zehn Jahren. Egal, wie Sie das Geld zusammenbekämen: Den Kredit bezahlen Sie nach spätestens 15 Jahren ab, eine Anschlussfinanzierung  ist nicht erforderlich.

Wohl aber der Erhalt des Arbeitsplatzes. Ginge der nämlich verloren, sähe es in der Region um Ihren neuen Wohnort düster aus. Die Hälfte der Leute arbeitet für den Mindestlohn. Und mit Mindestlohn könnten Sie Auto und Kreditrate und die ständig notwendigen Reparaturen kaum finanzieren.

Und dann ohne Verlust wieder zu verkaufen, wäre auch schwierig. Nicht, weil der Kredit so exorbitant wäre. Sondern weil die meisten potenziellen Käufer in derselben Situation sind. Viele Leute ziehen weg. Die die bleiben, haben oft einen eher schlecht bezahlten Job und nicht einmal das Geld, die 50.000 Euro zu bezahlen, die Sie inzwischen investiert haben. Deshalb gilt bei einem Verkauf dasselbe wie beim Kauf: Schnell und zu einem ordentlichen Preis werden Sie so ein Häuschen nicht wieder los.

Ein Dorf weiter, in Zemitz, vermietet der Klempner ein Reihenhaus für weniger als 400 Euro im Monat, auch auf dem Land, auch mit Auslauf für den Hund, auch mit Grundstück. Aber ohne das Risiko, das Haus dann später wieder loswerden zu müssen.

Hausbesitzerleid.

PS: Im Versteigerungskatalog, der vergangene Woche in der Post steckte, wird gerade ein Wohn- und Geschäftshaus im hessischen Eschwege mit einem Startpreis von 9500 Euro und ein Mehrfamilienhaus im niedersächsischen Salzhemmendorf für 69.000 Euro Startpreis angeboten. Niedrigpreisimmobilien finden sich nicht nur im Osten.

Zum Autor

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »taz«. Dort war er jahrelang ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.