Kita-Streik: Viel Verständnis - noch - DER SPIEGEL
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Kita-Streik "Den Lokführern bin ich böse, Erziehern gönne ich das"

Der unbefristete Kita-Streik hat begonnen. In manchen Einrichtungen helfen Mütter und Väter bei der Notbetreuung mit. Viele Eltern zeigen Verständnis für die Streikenden - noch.
Kita-Mitarbeiterinnen in Hamburg: Streik für mehr Geld und Anerkennung
Kita-Mitarbeiterinnen in Hamburg: Streik für mehr Geld und Anerkennung

Kita-Mitarbeiterinnen in Hamburg: Streik für mehr Geld und Anerkennung

Foto: Markus Scholz/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Frühstückstisch in der Kita Markusstraße, ein paar Minuten vom Hamburger Michel entfernt, gelten an diesem Morgen die gleichen Regeln wie immer. "Nein", ermahnt Erzieherin Karina Bauer einen Jungen, "wir nehmen nicht mehr als zwei Wurstscheiben auf ein Brötchen."
Für die Kinder ist es dennoch ein besonderer Tag, ungewohnt ruhig und leer sind Küche, Turnraum und Spielzimmer. Ganz genau verstehen sie noch nicht, was eigentlich los ist. "Streik", sagt ein Mädchen, "das ist so, wenn die Erwachsenen auf die Straße gehen."

Einige Kilometer nördlich, zur gleichen Uhrzeit: Vor der Zentrale der Elbkinder, einer Vereinigung von 182 Hamburger Kitas, schwenken die streikenden Erzieher die Fahnen der Gewerkschaften Erziehung und Wissenschaft (GEW) und Ver.di. Deutschlandweit haben Ver.di zufolge 20.000 Beschäftigte von Kindertagesstätten und in der Ganztagsbetreuung die Arbeit niedergelegt; die Bundesländer Bayern, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen folgen am Montag. In einer Urabstimmung hatten sich zuvor gut 93 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder für einen unbefristeten Ausstand ausgesprochen. Betroffen sind 17.500 Kitas öffentlicher Träger, also von Behörden, Verbänden oder gemeinnützigen Vereinen, die 1,8 Millionen Kinder betreuen.

"Die Erzieherinnen brauchen mehr Geld", sagt Hilal Sauer, hier mit Tochter Lara in der Kita Markusstraße, "sie machen tolle Arbeit"

"Die Erzieherinnen brauchen mehr Geld", sagt Hilal Sauer, hier mit Tochter Lara in der Kita Markusstraße, "sie machen tolle Arbeit"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Die Einrichtung in der Hamburger Markusstraße gehört zu den Elbkindern. 17 Pädagogen sind an diesem Tag unter den Streikenden, neun halten eine Notbetreuung aufrecht. Einige von ihnen sind keine Gewerkschaftsmitglieder, andere halten den unbefristeten Ausstand für überzogen. Auch Eltern helfen mit. Bei vielen Vätern und Müttern stößt der Streik auf Verständnis. "Den Lokführern bin ich eher böse, den Erziehern gönne ich mehr Geld", sagt eine Mutter mit Blick auf den parallel stattfindenden Bahnstreik. Selbst deutlich mehr Geld dafür zu bezahlen, dazu sei sie aber nicht bereit. "Zehn Euro im Monat mehr wären in Ordnung", sagt die Mutter.

Mario Pac, Vater der dreijährigen Svea, sagt dagegen, er könne sich eine Verdoppelung des Elternbeitrags vorstellen. "Erzieher ist ein ordentlicher Job, der soll ordentlich bezahlt werden", sagt er. In Hamburg hat Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) den Eltern vergangenes Jahr fünf kostenlose Kita-Stunden pro Tag geschenkt.

Übertriebene Forderungen?

Ein anderer Vater hat weniger Verständnis für die Streikenden. Sollte sich der Ausstand ausdehnen und auch seine Kita geschlossen bleiben, "dann wäre das extrem ärgerlich". Er findet die Forderungen der Erzieherinnen übertrieben. Die Gewerkschaften möchten eine höhere Eingruppierung der Sozial- und Erziehungsberufe erreichen - was auf eine durchschnittliche Einkommensverbesserung von zehn Prozent hinauslaufen würde. Eine Berufsanfängerin verdient bei den Elbkindern bisher 2500 Euro brutto.

Die Kita Markusstraße nimmt an diesem Streiktag 60 von sonst 170 Kindern auf. "Eltern, die keine andere Betreuung organisieren können, haben Vorrang", sagt Kita-Leiterin Ellen Meyer-Jens. Kinder mit Behinderungen, die eine besonders intensive Betreuung brauchen, muss die Kita an den Streiktagen allerdings abweisen. Deren Eltern trifft es am härtesten. "Das ist bitter", findet Meyer-Jens.

Silke Westphal und Magdalena Tornier (von links) laufen im Streikzug mit

Silke Westphal und Magdalena Tornier (von links) laufen im Streikzug mit

Foto: SPIEGEL ONLINE

Ortswechsel: Der Streikzug der Gewerkschafter setzt sich in Bewegung Richtung Schanzenviertel. Magdalena Tornier von der Kita Eckerkoppel ist eine von Hunderten Erzieherinnen, die die Arbeit niedergelegt haben. Sie sagt, es gehe ihr um eine Lohnerhöhung, aber genauso um die Wertschätzung, die damit verbunden sei: "Wir sind nicht die, die bloß mit den Kindern spielen. Wir bereiten sie auf die Schule vor, fördern die Sprache, lehren sie Zahlen." Dann sagt sie noch, sie und ihre Kollegen würden den Streik bis zu einer Einigung durchhalten - bis zum Ende.

Eltern können Beitrag zurückfordern

Von ihrem Büro aus kann Katja Nienaber, Geschäftsführerin der Elbkinder, die Kundgebung sehen. Sie sitzt selbst nicht am Verhandlungstisch, bekommt aber die Anrufe aufgebrachter Eltern ab, die keinen Platz in der Notbetreuung finden - bei ihnen dürfte der Ärger über den Streik wachsen. "Wir verstehen den Unmut", sagt sie, und fügt hinzu: "Auf Antrag erstatten wir aus Kulanzgründen den Elternbeitrag zurück." Das sind aber nur wenige Euro pro Tag - eine Kinderfrau ließe sich damit kaum bezahlen. Einen Rechtsanspruch auf Erstattung gibt es nicht. Nienaber sagt: "Wir versuchen, auch an den Streiktagen nächste Woche viele Kitas offen zu halten." Am Freitag sind 136 von 182 Einrichtungen der Elbkinder geöffnet, die meisten mit Notbetreuung.

Zurück in der Kita, wo Henri Kabert und Sohn Mika, 3, am Eingang ihre Schuhe ausziehen. Kabert wird heute nicht, wie sonst, Mika verabschieden und dann zur Arbeit gehen. Er hat eine mehrstündige Schicht in der Kita übernommen - und ist für den Turnraum eingeteilt. "Ich konnte mir den Morgen frei nehmen. Da hat das gut gepasst", sagt er. Und Mika sei doch lieber bei seinen Freunden als alleine mit ihm auf einem Spielplatz. Jetzt ist es Mika, der seinem Vater einmal die Regeln diktiert. "Papa", sagt er, "hier auf den Matten musst du deine Socken aber ausziehen."