Steigende Arzneimittelpreise Ministerin Schmidt attackiert Pharmaindustrie
Gesundheitsministerin Ulla Schmidt: Die Kosten stiegen auch in ihrer Amtszeit immer weiter
Foto: A3511 Soeren Stache/ dpaBerlin - Bislang ist noch jede Gesundheitsreform an dem Ziel gescheitert, die Kosten für Arzneimittel halbwegs unter Kontrolle zu bekommen - da geht es auch der großen Koalition nicht besser: Mit einem Plus von 5,3 Prozent auf 29,2 Milliarden Euro im vergangenen Jahr sind Medikamente noch immer der am schnellsten wachsende Kostenblock der gesetzlichen Krankenkassen. Das geht aus dem Arzneiverordnungs-Report 2009 her. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) attackierte deshalb die Pharmaindustrie: "Es muss Schluss sein mit der teilweise verantwortungslosen Preispolitik mancher Hersteller."
Das zentrale Problem bei den Arzneimittelkosten ist seit langem bekannt - und wird auch vom diesjährigen Report bestätigt: Wie in den vergangenen Jahren verordnen Ärzte noch immer zu viele und zu teure Mittel. Entsprechend forderten Forscher, Ärzte und Kassen einen drastischen Sparkurs. Internationale Preisvergleiche zeigten Sparmöglichkeiten von mindestens 6,1 Milliarden Euro, sagte Ulrich Schwabe, Mitherausgeber des Reports. Dieser Betrag macht rechnerisch 0,6 Beitragssatz-Punkte aus.
Prämien für Apotheker
So koste die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs in Deutschland ohne erkennbaren Grund 477 Euro - 163 Euro mehr als in der Schweiz, sagte Schwabe. Ein Großteil des Kostenanstiegs gehe auf Mittel zurück, die zwar wichtig seien - wie gegen Krebs oder Rheuma. Diese Neuerungen machten bei einem Marktanteil von zwei Prozent aber rund ein Viertel der Kosten aus, sagte Mitherausgeber Dieter Paffrath. Hier verlange die Pharmaindustrie "Mondpreise", kritisierten auch Ärzte und Krankenkassen.
Als weiteren Kostentreiber macht der Report teure Präparate aus, die ohne weiteres durch günstigere Medikamente ersetzt werden könnten. Geschätztes Sparpotenzial: 1,7 Milliarden Euro. Beispielhaft nannte Schwabe den Cholesterinsenker Inegy.
Nur bei den Nachahmer-Medikamenten (Generika) seien gesetzliche Kostenbremsen einigermaßen erfolgreich gewesen. Schwabe kritisierte allerdings Prämien für die Apotheker bei diesen Mitteln. Die Sparmöglichkeiten von 1,1 Milliarden Euro bei den Generika würden durch die Rabattverträge der Kassen mit den Herstellern nicht einmal zu einem Drittel ausgenutzt.
Viele Schein-Innovationen
Angesichts des neuerlichen Kostenanstiegs bei den Arzneimitteln ging Gesundheitsministerin Schmidt auf die Pharmaindustrie los: "Die Hersteller und die Selbstverwaltung haben es selbst in der Hand: Entweder sie lösen das Problem vertraglich, oder der Gesetzgeber wird handeln müssen", sagte sie der "Süddeutschen Zeitung". Die Hersteller müssten Verantwortung zeigen. "Wir brauchen faire Preise."
Die Kosten-Nutzung-Bewertung neuer Mittel müsse konsequent umgesetzt werden. Dabei wird untersucht, ob Medikamente wirklich den Zusatznutzen haben, den die Pharmaindustrie reklamiert und welche Kosten bei dem Medikament entstehen. Erfahrungen zeigen, dass viele als "neu" deklarierte Präparate nur Schein-Innovationen sind und deshalb keine höheren Preise rechtfertigen.
AOK-Chef Herbert Reichelt kritisierte die paradiesischen Zustände für die Pharmaindustrie in der Bundesrepublik: "In Deutschland dürfen die Hersteller ihre Preise für neue Arzneimittel ohne jegliche Regulierung frei erfinden." Schwabe forderte eine "zeitgemäße Gesetzgebung" - etwa ein neues Gremium für zentrale Preisverhandlungen mit der Pharmaindustrie. Die Geschäftsführerin des Verbands forschender Arzneimittelhersteller, Cornelia Yzer, lehnte den Vorschlag jedoch ab: "Mit zentraler Preisfestsetzung treten wir nur den endgültigen Marsch in die Rationierung an."
Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie kritisierte den Report als "Krankenkassenprodukt", der Therapiefortschritte gering schätze. Der Deutsche Apothekerverband nannte die Berechnungen teils "ebenso peinlich wie unseriös".