Steuern: Der Mythos von der Bierdeckelreform - DER SPIEGEL
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Steuern Der Mythos von der Bierdeckelreform

Die Steuern sind kompliziert, dunkel und unergründlich, lautet eine weitverbreitete Meinung. Neoliberale wollen sie vereinfachen - und senken. Doch dahinter steckt nur eine romantische Sehnsucht.
Einkommensteuererklärung: Können Steuern überhaupt einfach sein?
Einkommensteuererklärung: Können Steuern überhaupt einfach sein?

Einkommensteuererklärung: Können Steuern überhaupt einfach sein?

Foto: Armin Weigel/ picture-alliance/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Steuervereinfachung" war Mitte der Nullerjahre ein großes Thema: Die Steuererklärung sollte auf einen Bierdeckel passen. Paul Kirchhof, der einflussreiche "Professor aus Heidelberg", reüssierte mit seinem Reformvorschlägen zur radikalen Erneuerung und Vereinfachung des Steuerrechts.

Doch können Steuern überhaupt einfach sein? Im Prinzip ja, aber dann kann man keine große Rücksicht auf die Gerechtigkeit nehmen. Wirklich einfach wäre eine Kopfsteuer, die für alle gleich ist. Wollte man so das gesamte Steueraufkommen erheben, müsste jeder Bürger 700 Euro im Monat zahlen, vom Baby bis zum Greis. Das ist offensichtlich nicht sinnvoll.

Daher besteuern wir wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in Form von Einkommen, Konsum oder Vermögen. Aber diese wirtschaftlichen Größen sind nicht einfach zu fassen: Lohneinkommen muss man anders ermitteln als Gewinneinkommen, Vermietungseinkommen anders als Kapitaleinkommen. Konsum muss man erfassen, also irgendwie zählen, und das Vermögen ist kompliziert zu berechnen.

Uns Deutschen wird häufig Überkorrektheit und übertriebene Einzelfallgerechtigkeit nachgesagt. "Summum ius, summa iniuria", wusste schon Altmeister Cicero. "Höchstes Recht kann größtes Unrecht sein."

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DIW

Stefan Bach arbeitet am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und lehrt als Privatdozent an der Universität Potsdam. Seit mehr als zwei Jahrzehnten forscht er zu Steuern, Sozialpolitik und Verteilung. Sein Buch "Unsere Steuern. Wer zahlt? Wie viel? Wofür?" erscheint in diesen Tagen im Westend Verlag. Der Text ist ein Auszug aus diesem Buch.

Unbestritten ist unser Steuersystem zu wild gewuchert und sollte an vielen Stellen zurückgeschnitten werden. Hier wäre mehr Mut zur Pauschalisierung gefragt, auch wenn man es nicht allen recht machen kann. Viele Konzepte und Begriffe sind mehr als 100 Jahre alt und müssten dringend erneuert werden. Aber dazu muss man sich in das mühselige Kleinklein der Steuertechnik begeben und mit den meisten Lobbyisten der Republik anlegen.

Daher sollte man immer skeptisch sein gegenüber Vorschlägen zur grundlegenden Steuervereinfachung. Im Massengeschäft der Steuerpraxis sind es weniger die vielbemühten Steuervergünstigungen und Sonderregelungen, die Steuerberater, Finanzämter und Finanzgerichte beschäftigen, sondern die grundlegenden Fragen der Erfassung und Bewertung von Umsätzen, Einkommen und Vermögen.

Hier geht es um die Abgrenzung der Betriebsausgaben und Werbungskosten von den privaten Lebenshaltungskosten, Ansatz- und Bewertungsfragen in der Steuerbilanz oder die Besteuerung von grenzüberschreitenden Transaktionen oder Fusionen und Aufteilungen von Unternehmen.

Dabei muss notgedrungen mit unbestimmten Rechtsbegriffen gearbeitet werden, die oftmals gestaltungs- und damit streitanfällig sind. Und auch bei einem niedrigen Flat-Tax-Satz von 25 Prozent à la Kirchhof lohnt es sich immer noch, mit dem Finanzamt ausgiebig darüber zu streiten. (Lesen Sie hier mehr zur Flat Tax und anderen Steuerbergriffen)

Einfach ist leider schnell das Gegenteil von gerecht, das ist eine alte Lebenserfahrung. "Die machen es sich zu leicht", so schimpfen wir oft über unsere Mitmenschen. Weitgehende Vereinfachungen und Pauschalierungen reduzieren auch im Steuersystem nicht nur die Einzelfallgerechtigkeit, sie können sogar wirtschaftliche Nachteile und Wachstumsverluste auslösen.

Wenn zum Beispiel Unternehmer echte Kosten nicht mehr von der Steuer abziehen dürfen, werden sie ihre Produktion anpassen, also verringern. Wenn Arbeitnehmer Pendlerkosten oder doppelte Haushaltsführung nicht mehr anerkannt bekommen, sind sie weniger bereit, einen weiter entfernten Job anzunehmen. Wenn Krankenschwestern oder Facharbeiter ihre Nacht-, Sonn- und Feiertagszuschläge voll versteuern müssen, verlangen sie höhere Löhne für die unangenehmen Arbeitszeiten. Wenn ihnen das in Zeiten der Vollbeschäftigung bei Fachkräften gelingt, müssen die Kunden mehr zahlen. Wenn Vermieter pauschaliert besteuert werden und Schuldzinsen oder andere Kosten nicht mehr absetzen können, bauen und renovieren sie weniger.

In der Steuervereinfachungseuphorie steckt die romantische Sehnsucht nach einer überschaubaren Welt und der guten alten Zeit. Doch die ist schnell verflogen, wenn konkrete Vorschläge gemacht werden und sich deren Folgen abzeichnen.

Steuerdebatte in Bildern


Hohe Steuern schaden der Wirtschaft, das deutsche Steuersystem ist das komplizierteste der Welt und die Einnahmen im Staatshaushalt sprudeln zu immer neuen Rekorden. In unserer Serie entlarvt Stefan Bach die größten Steuermythen. Die nächste Folge erscheint am Mittwoch. Bisher erschienen:

Teil 1: Warum hohe Steuern der Wirtschaft nicht schaden müssen

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Unsere Steuern

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