Stiftung Warentest untersucht Kinderhochstühle "Es gibt schwerwiegende Mängel"
Kleinkind im Kinderstuhl
Foto: Jochen Lübke/ dpaDie Stiftung Warentest hat Kinderhochstühle getestet. Das Ergebnis fällt ernüchternd aus. Von 20 Stühlen sind nur drei gut. Elf Exemplare bekamen die Testnote mangelhaft. Getestet wurden acht Hoch- und Klappstühle sowie zwölf mitwachsende Treppenhochstühle, von denen vier mit Babywippen versehen werden konnten. Dabei waren Stühle von Ikea oder Markenanbietern wie Stokke oder Hauck.
Werner Hinzpeter, der stellvertretende Chefredakteur der Zeitschrift "test", erklärt, wie getestet wurde und wie verheerend das Ergebnis war.
Werner Hinzpeter ist stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift "test". Die Publikation der Stiftung Warentest erscheint monatlich mit einer Auflage von rund 400.000 Exemplaren. Die 1964 gegründete Stiftung testet Produkte und Dienstleistungen und vergibt dabei Noten von "sehr gut" bis "mangelhaft".
SPIEGEL ONLINE: Sie haben Kinderhochstühle getestet. Worauf kommt es dabei an?
Hinzpeter: Größtes Thema ist die Sicherheit. Aber wir versuchen immer, das ganze Produkt zu begutachten. Wichtig ist, ob ein Kind ergonomisch sitzt. Hinzu kommt, ob der Stuhl angemessen für das jeweilige Alter ist und sich leicht verstellen lässt.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es Erkenntnisse, wie hoch die Verletzungsgefahr bei Kinderhochstühlen ist?
Hinzpeter: Der DIN-Verbraucherrat hat rund 4000 Unfälle mit Kopfverletzungen bei Kindern unter 14 Jahren untersucht. Dabei kam heraus, dass Kinder unter fünf Jahren besonders häufig kopfüber stürzen, weil ihr Kopf im Verhältnis zum Körper recht schwer ist. Von diesen Unfällen standen 125 im Zusammenhang mit Kinderhochstühlen. Das ist häufiger als bei Kinderwagen oder Schaukeln. Ursachen waren beispielsweise Heraus- und Herunterfallen und umgekippte Stühle.
SPIEGEL ONLINE: Ab welchem Alter sollten Kinder überhaupt in Hochstühlen sitzen?
Hinzpeter: Der Trend geht dahin, die Kinder immer früher beispielsweise am Esstisch der Familie zu integrieren. Die Anbieter sagen teilweise, dass die Stühle ab der Geburt geeignet sind. Wir hatten im Test allerdings nur einen Stuhl, der für kleine Säuglinge geeignet ist und nicht wegen Sicherheitsmängeln oder Schadstoffen abgewertet wurde. Generell sollten Kinder erst in Hochstühlen sitzen, wenn sie sich frei auf dem Boden hinsetzen können. Das funktioniert in der Regel ab dem achten Monat.
SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie an die getesteten Stühle gekommen?
Hinzpeter: Wir lassen uns keine Musterstühle liefern , sondern haben sie, wie bei unseren Tests üblich, anonym im Handel gekauft. Dafür haben wir eigens ein Team von Einkäufern, das online und in Geschäften einkauft.
SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie das Testergebnis?
Hinzpeter: Verheerend. Wir haben das dritte Mal innerhalb von 15 Jahren Kinderhochstühle getestet. Schon 2003 war ungefähr die Hälfte der getesteten Stühle mangelhaft. Bei einem zweiten Test 2007 gab es zwei Mal mangelhaft und vier Mal ausreichend. Deshalb haben wir erneut hingeguckt. Und noch immer gibt es schwerwiegende Mängel.
SPIEGEL ONLINE: Welche Sicherheitsrisiken bestehen?
Hinzpeter: Die schwerwiegendsten Risiken bestehen darin, dass der Stuhl umkippt, das Kind einfach aus dem Stuhl herausklettert und herausfällt oder unten durchrutscht, wenn es beide Beine durch eine Öffnung steckt. Bleibt es dabei mit dem Kopf hängen, kann das lebensgefährlich sein. Diese Stühle haben alle ein Mangelhaft bekommen. Viele Hersteller liefern optional einen Gurt mit, den Eltern aber vielleicht aus Bequemlichkeit nicht nutzen. Wir empfehlen aber unbedingt, das Kind festzuschnallen. Verletzungsgefahr besteht auch durch Klemmen und Stoßen an scharfen Ecken und Kanten. Außerdem haben wir bei sieben Stühlen hohe Mengen an Schadstoffen gefunden.
SPIEGEL ONLINE: Was für Schadstoffe waren das?
Hinzpeter: Bei zwei Sitzpolstern haben wir sehr hohe Mengen an Formaldehyd gefunden. Das reizt Haut- und Schleimhäute und kann Krebs und allergische Reaktionen auslösen. In fünf Stühlen fanden wir sehr hohe Mengen Naphthalin, das vermutlich ebenfalls Krebs auslösen kann. Auch Weichmacher und ein möglicherweise krebserregendes Flammschutzmittel haben wir entdeckt. Solche Stoffe gehören nicht in Kindermöbel. Weil kleine Kinder alles in den Mund nehmen, ziehen wir bei unseren Tests die gleichen strengen Grenzwerte heran, die auch für Spielzeug gelten.
SPIEGEL ONLINE: Welche Faktoren spielten bei den Tests außerdem eine Rolle?
Hinzpeter: Die Standards sind Stabilität, Sicherheit und Schadstofffreiheit. Werden diese selbstverständlichen Kriterien nicht eingehalten, kommt es zur Abwertung. Wichtig sind darüber hinaus die kindgerechte Gestaltung und die Ergonomie. Wir haben beispielsweise beurteilt, ob es eine Fußstütze gibt und ob der Stuhl mitwachsen kann. Dann ging es um die Handhabung, wie ein Stuhl montiert wird. Eine weitere wichtige Rolle spielt die Möglichkeit der einfachen Reinigung.
SPIEGEL ONLINE: Kritiker bemängeln, die Anforderungen in den Tests seien zu hoch.
Hinzpeter: Das würde ich nicht sagen. Dass die Anforderungen nicht zu hoch sind, zeigen die Stühle, die die Kriterien erfüllen. Schließlich hat der viertgünstigste Stuhl mit gut abgeschnitten. Das zeigt, dass man für 85 Euro einen guten Stuhl bauen kann. Auch der günstigste von Ikea für 21 Euro ist immerhin noch befriedigend. Hätten die Hersteller die Schadstoffe im Griff, hätten wir noch mehr mit gut bewertete Modelle gehabt.
SPIEGEL ONLINE: Wie groß sind die preislichen Unterschiede bei den getesteten Stühlen?
Hinzpeter: Da gab es eine riesige Spanne von 21 Euro bis zu 350 Euro für einen reinen Hochstuhl. Drei Stühle waren mit zusätzlicher Babywippe bis 480 Euro teuer. Die meisten Stühle kosten mehr als 100 Euro. Die Testsieger kamen von Stokke und Evomove für jeweils 350 Euro. Die Stühle empfehlen wir für Kinder ab fünf Monaten.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie Babywippen empfehlen?
Hinzpeter: Nein, von den vier geprüften konnte keine überzeugen. Bei den Babywippen ist Standfestigkeit ein wichtiges Kriterium. Viele Unfälle passieren, weil Kinder sich daran hochziehen, um mit ihren Geschwistern zu spielen. Dabei können sie die Wippe umreißen.
SPIEGEL ONLINE: Was hat sich im Vergleich zu den früheren Tests verbessert?
Hinzpeter: Nicht viel. Leider sind in der Branche Wiederholungstäter am Werk. Die Hersteller müssten nachbessern, haben das aber versäumt. Vier der Anbieter, die 2003 ein Mangelhaft bekamen, kassierten es auch im aktuellen Test. Ein Hersteller sogar wegen desselben Mangels: Genau wie vor 15 Jahren können Kinder zu leicht aus dem Hochstuhl des Herstellers Geuther herausrutschen. Dafür habe ich kein Verständnis. Die Schwachstellen sind seit Jahren bekannt. Ich finde es überfällig, dass sie abgestellt werden. Schließlich handelt es sich nicht um Weltraumtechnik. Es geht um Möbel. Immerhin gibt es nicht mehr ganz so viele Stühle mit Totalausfällen in der Sicherheit, dafür mehr mit Schadstoffausfällen als in den vorangegangenen Tests.
SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Hersteller auf die aktuellen Testergebnisse reagiert?
Hinzpeter: Wir haben den Herstellern die Messdaten zugeschickt, aber bisher hat sich noch niemand gemeldet. Die Produzenten sollten die unsicheren Möbel zurückrufen. Die mit Schadstoffen belasteten Polster könnten zumindest ausgetauscht werden. Aber noch ist nichts passiert.
SPIEGEL ONLINE: Was sollten Eltern machen, die bereits einen Stuhl mit Mängeln gekauft haben?
Hinzpeter: Innerhalb der zweijährigen Gewährleistungsfrist sollten sie sich an den Handel wenden und Nachbesserung fordern. Wir haben festgestellt, dass die Händler oft kulant reagieren und beispielsweise Polster austauschen. Bei Konstruktionsmängeln ist das allerdings schwieriger.
SPIEGEL ONLINE: Worauf sollten Eltern grundsätzlich beim Kauf von Kinderhochstühlen achten?
Hinzpeter: Auf jeden Fall ist Probesitzen gut.
Die vollständigen Testergebnisse finden Sie hier .