Unisex-Tarife Kloster statt Kneipe
Unisex: Nicht nur bei Frisuren - nun auch bei Versicherungsverträgen
Foto: Frank Rumpenhorst/ picture-alliance/ dpaMännern bringt das fromme Leben als Mönch Vorteile. Sie rauchen und trinken weniger, fahren nicht rasant Auto, haben keinen gefährlichen Beruf. Und das macht sich bemerkbar: Mönche leben fast so lange wie Nonnen - der Unterschied beträgt nur knapp ein Jahr. In freier Wildbahn hingegen klafft die Lebenserwartung von Männern und Frauen weit auseinander: Im statistischen Mittel leben Frauen fünf Jahre länger.
Bei Versicherungen spielen diese Jahre eine entscheidende Rolle. In der Rentenversicherung bekommen Frauen fünf Jahre länger Rente, weshalb sie für private Policen mehr zahlen müssen (siehe Beispielrechnung Seite 47). Das längere Leben und höhere Krankheitskosten vor der Rente machen auch private Krankenversicherungen (PKV) für Frauen teurer als für Männer. Andersherum können Frauen bei Risikolebensversicherungen sparen, da die Wahrscheinlichkeit, dass sie früh sterben, niedriger ist als bei Männern.
Doch damit ist es jetzt vorbei. Anfang März hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass Versicherungen ihre Tarife nicht mehr nach dem Geschlecht differenzieren dürfen. Die jetzige Praxis verstoße gegen den Gedanken der Gleichstellung von Männern und Frauen. Bis zum 21. Dezember 2012 haben die Gesellschaften nun Zeit, ihre Tarife umzustellen.
Eines scheint dabei gewiss: Für Männer werden die neuen Tarife in der Renten- und Krankenversicherung teurer. "Unisex-Tarife können sich in aller Regel nicht in der Mitte zwischen Frauen- und Männertarif einpendeln", sagt Heinz Jürgen Scholz, Vorstandsmitglied des Dortmunder Versicherers Continentale. "Das liegt daran, dass Männer und Frauen in den Tarifen nicht mit gleichen Anteilen vertreten sind."
Männer zahlen mehr
Heißt: Aufs Mischverhältnis kommt es an. Verteilen sich die Beitragssenkungen für die Frauen auf viele Männer, dürften die Auswirkungen überschaubar bleiben. Allerdings gibt es hier einen Haken: Für Männer werden Neuabschlüsse beispielsweise in der Rentenversicherung wegen der höheren Preise tendenziell unattraktiv. Sie könnten deshalb auf andere Produkte wie Fonds oder Banksparpläne ausweichen und der Versicherung den Rücken kehren. Fachleute nennen das Antiselektion. In den Versicherungstarifen wären in der Folge deutlich mehr Frauen als Männer. Für diesen Fall müssen die Anbieter Risikozuschläge erheben, was die Tarife teurer macht.
Als Ersatz für die Unterscheidung nach Geschlecht könnten die Versicherungsmathematiker nun weitere Kriterien in ihre Rechnung mit einbeziehen. So hängt die Lebenserwartung nicht unwesentlich von Faktoren wie Lebensstil, Bildung und Einkommen ab. Aber auch hier gibt es Probleme: "Geschlecht und Alter sind die einzigen feststehenden Kalkulationsgrundlagen. Weiche Risikofaktoren können sich verändern", so Uwe Laue, Vorstandsvorsitzender der Debeka. Unsicherheiten bei der Risikoeinschätzung haben bei Versicherungen aber ihren Preis: Die Kunden werden tiefer in die Tasche greifen müssen.
Für Berater jedoch könnte das Unisex-Urteil des Europäischen Gerichtshofs Vorteile bringen. "Wir halten es für wahrscheinlich, dass es in der Lebensversicherung zu einem Schlussverkauf kommen wird", sagt HDI-Gerling-Vertriebsvorstand Markus Drews. "Vor allem bei Männern, die für das Alter vorsorgen wollen und sich bisher noch nicht entschieden haben. Sie werden sich bis zum 21. Dezember 2012 noch die höheren Rentenleistungen sichern."
Wie es danach weitergeht, bleibt abzuwarten. Politisch gesehen könnte nach den Unisex-Tarifen auch die zeitlose Police kommen. Denn auch eine Diskriminierung auf Basis des Alters ist von Gesetzes wegen verboten. "Das wäre die endgültige Abkehr von einer risikogerechten Prämie", warnt Debeka-Chef Laue. "Es wäre das Ende jeglicher Versicherung."
Vergleich Frau-Mann
| Frauen | Männer | |
|---|---|---|
| Tägl. Telefondauer | 54 Minuten | 38 Minuten |
| Raucher | 22% | 35% |
| Fußball- Weltmeistertitel | 2 (seit 1991) | 3 (seit 1954) |
| Google-Suchbegriff "Frau" und "Mann" | 82,4 Mio. | 198 Mio. |
| Dax-Vorstände | 4 | 183 |
| Bruttogehalt in der Finanz- und Versicherungsbranche | 3.643 Euro | 5.130 Euro |
| Lebenserwartung | 82,5 Jahre | 77,3 Jahre |