Sibirisches Strohfeuer Der Traum vom schnellen Reichtum
Der Lada ruckelt durch unendliches Grün. Wiesen, das Gras hüfthoch, eingerahmt von Birkengruppen, darüber ein schmutziggrauer Himmel. Seit einer Stunde nichts als Waldsteppe; keine Wegweiser, kein Haus, nicht einmal eine Datschensiedlung.
Und dann verwandelt sich mit einem Mal der schlammige Pfad in so etwas wie eine Landstraße, und hinter der nächsten Kurve taucht unversehens eine Siedlung auf: Häuser, halbfertig, Baugerüste, die vor sich hin rosten, Kräne, Bagger. Ein Neubaugebiet, 40 Kilometer von Nowosibirsk entfernt im asphaltstraßenlosen Niemandsland. Es sind griechische Tempel, englische Landhäuser, deutsche Jugendstilvillen, die da vor sich hin rotten; kitschig-bunte Repliken des alten Europa, erträumt von den Risikospielern der neuen Zeit. Ein kurzer, heftiger Traum, der für viele wieder dort endete, wo er angefangen hatte: in einer unrenovierten Zweiraumwohnung in der Plattenbauwüste von Nowosibirsk.
Auch Majas Eltern wollten hier bauen, als der Wirtschaftsboom 1996 begann im Oblast Nowosibirsk. Der Bauplatz war schon bezahlt, das Fundament gegossen, als es mit dem Geschäft der Familie bergab ging. "Gott sei Dank hat er da nicht einfach weiter gebaut, sondern sich mit mir beraten", sagt die Tochter, diplomierte Betriebswirtin, die eine Privathochschule in Nowosibirsk besucht hat - eine Notlösung, da ihr Notendurchschnitt aus der Oberschule nicht für das Institut für Wirtschaftswissenschaften gereicht hatte. "Heute denke ich, es war Fügung." Denn an der Privathochschule lernte sie genau das, was am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der staatlichen Uni kaum vermittelt wird: Wie man ein Unternehmen aufbaut. Oder besser gesagt: rettet. Denn genau das tat sie gemeinsam mit ihren Eltern.
Am Anfang war es Majas Vater, der Deos, Hautcremes, Strumpfhosen und Make-up aus dem Westen auf den wilden Märkten verkaufte, die innerhalb weniger Wochen in Nowosibirsk aus dem Boden wucherten wie Pilze nach einem warmen Sommerregen. Dann sah er ein Schild im Erdgeschoss eines ehemaligen Wohnhauses in Nowosibirsk: "Zu vermieten, als Geschäft oder Büro".
Die Familie beriet sich, und kurze Zeit später fuhr der Vater mit seinem alten Lada zum Baumarkt, die Mutter nähte Gardinen, und Maja bastelte mit Kommilitonen an einem Businessplan für das "Parfüm-Kaufhaus", wie sie es bezeichneten. Den Plan, so hieß es, verlangten die Banken von Kunden, die einen Kredit beantragen wollen.
Majas Vater wollte 20.000 Dollar aufnehmen, für den Ladenumbau, Möbel, Computer für die Buchhaltung und die ersten Großbestellungen aus Paris. Zuerst versuchte er es bei der Bank, bei der er sein Gehaltskonto hatte - vergebens. "Was können Sie uns denn schon für Sicherheiten bieten?", wiegelte der Sachbearbeiter ab. Auch bei der zweiten und dritten Bank hatte er keinen Erfolg. Mehr gab es in seinem Stadtviertel zu dieser Zeit nicht. Da borgte er sich das Geld von Verwandten, denen er Gewinnbeteiligung an seinem Geschäft versprach.
"Wir vergeben grundsätzlich keine Kredite an irgendwelche Jungunternehmer. Wir wissen doch gar nicht, mit wem wir es zu tun haben", heißt es in Bank Nummer eins. Vorliegende Papiere, Dokumente, Businesspläne reichten nicht. Denn: "Russland ist nicht Deutschland. Papier ist geduldig." In der zweiten Bank vergibt man nur größere Summen. "So ab 400.000 Rubel", heißt es. "Aber dann muss man direkt mit dem Direktor sprechen." Der ist natürlich nicht für jeden zu sprechen. Im Klartext: ohne Beziehungen kein Kredit.
Die besten Beziehungen aber scheinen immer noch alte Beziehungen zu sein, die in die neue Zeit herübergerettet wurden, eine Art ewige Nomenklatur, die sich die Plätze warm hält. Ein solider Mittelstand, wie ihn sich Präsident Wladimir Putin für Russland wünscht, ist unter solchen Bedingungen nur schwer vorstellbar.
Keiner der Dutzend Jungunternehmer, die ich in Sibirien interviewt habe, hat einen Gründungskredit von einer Bank bekommen; niemand staatliche Unterstützung. "Ohne ein enges Netz von Freunden und Verwandten läuft hier nichts", sagt Maja. "Man muss jemanden kennen, der wieder jemanden kennt, der Einfluss auf jemanden hat. Fast wie früher im Sozialismus!"
Vor sieben Jahren eröffnete Majas Familie endlich ihr "Kaufhaus", in einer grauen, aber aufstrebenden Vorstadt von Nowosibirsk. "Das, was meinem Vater früher am meisten gefehlt hat, waren Parfüms. Er hätte meiner Mutter gern öfter einen Flakon Eau de Toilette aus Frankreich geschenkt."
Mit dem Ingenieursjob im hohen Norden Sibiriens, der ihm nach dem Studium zugeteilt worden war, hatte er schon immer gehadert. Nicht nur wegen des eisig-feuchten Klimas dort, sondern vor allem, weil er es hasste, nicht selbst über Arbeitsinhalt, -weise und -ziel bestimmen zu können. "Gott sei dank ist der Kapitalismus für ihn noch zur rechten Zeit zu uns gekommen", sagt Maja. Das Parfüm-Kaufhaus lief bestens im ersten Jahr; die Nachfrage nach den Düften des Westens war groß. Die Familie mietete einen größeren Laden und nahm Schmuck und Uhren mit ins Programm.
Der Vater leistete sich eine Highend-Stereoanlage mit Dolby-Surround-Boxen - ein 10.000 Dollar-Monstrum, das die ganze Wohnung beschallen konnte. Er kaufte Dior-Taschen für seine Frau und das Grundstück im Neubaugebiet, wo er eine Baugrube für eine Villa ausschachtete. "Jahrelang nur Kälte, Arbeit und eine winzige Wohnung. Wir wollten endlich leben", sagt er, und "den Banken kann man sowieso nicht trauen. Wieso sollte ich mein Geld dahin bringen?"
Man könnte es Raubtier-Kapitalismus nennen, was in diesen Anfangsjahren in Nowosibirsk herrschte. So schnell so viel Geld wie möglich zu machen - das schien die Maxime. Ein gutes, ein bequemeres Leben, nach jahrzehntelangem Warten nun endlich greifbar - ein Gefühl, das viele euphorisiert haben muss wie eine Packung Ecstasy; dass sie ganz im Heute leben und das Morgen vergessen ließ.
Das alte Grau der Fassaden wurde nach und nach von riesigen Reklametafeln verdeckt und die neue Armut von raubkopierten Adidas-Anzügen und blickdichten Zäunen entlang der Schnellstraßen. Die wilden Märkte und Import-Export-Geschäfte wucherten wie die Blumenwiesen, die sich zwischen den pastellfarbenen Plattenbau-Neubauten Terrain zurückerobern.
Majas Vater verkaufte und kaufte wie im Rausch, mit einem beinahe kindlichen Vertrauen in die Zukunft. "Es ging nicht darum, Besitz anzuhäufen", sagt er. "Ich wollte mit eigenen Händen etwas aufbauen." Seine Betriebswirts-Tochter versuchte, seine Euphorie zu dämpfen. "Investier' vorsichtig, Papa. Du weißt nicht, was kommt", riet sie ihm. Da hatte er schon einen weiteren Schuldenberg bei Verwandten angehäuft und musste das Heimkino in Zahlung geben.
Bis zum Jahr 2001 hatten große Handelsketten und internationale Firmen den Vertrieb der meisten Produkte übernommen, und die Tausenden von Markthändlern und kleinen Import-Exportgeschäften verschwanden so schnell, wie sie aufgetaucht waren. Die Kluft zwischen Arm und Reich, die, wie ein Wirtschaftsprofessor von der Universität sagt, "es früher so nicht gegeben hat", wuchs und wuchs.
Die wenigen, die es geschafft haben, ihren schnell erworbenen Reichtum zu bewahren, fahren japanische Jeeps und trinken georgischen Cognac auf dem Steg ihrer Bootshäuser am Ob-Stausee. Der Rest - darunter die meisten Staatsangestellten, deren Einkommen kaum für die Miete reicht - schlägt sich mit zwei, drei Jobs und Gartengemüse von der Datscha durch.
Majas Familie konnte ihren Laden retten. Sie sind in ein kleineres, aber zentraler gelegenes Geschäft gezogen, haben den beiden Angestellten gekündigt und auf Körperpflege-Produkte umgesattelt: Nivea-Bodylotion, L'Oreal-Faltencreme, Vichy-Seife. Der Vater bestellt Waren und macht die Buchhaltung, die Mutter verkauft, Maja kümmert sich um die "strategische Ausrichtung", wie sie in einem seltsam altmodischen Deutsch sagt, dass sie von ihrer Großmutter, einer Russlanddeutschen, gelernt hat.
Wenn das Geschäft im nächsten Jahr wieder schwarze Zahlen schreiben sollte, will sie sich für ein staatliches "Entrepreneurs-Qualifizierungsprogramm" bewerben, das neben Buchführung und Marketing auch ein Praktikum in Deutschland bietet.
Dass sie immer noch bei den Eltern in der Drei-Zimmer-Wohnung in dem Wohnblock aus den sechziger Jahren lebt, in dem sie auch aufgewachsen ist - das, so behauptet sie, stoße ihr nur manchmal auf: Dann, wenn sie an dem Neubaugebiet am Stadtrand vorbeifährt, wo das Fundament ihres Traumhauses verwittert. "Das Leben hier ist unberechenbar", sagt Maja, "Man darf sich an nichts zu sehr festhalten" - so, als hätte mit dem Villenfundament auch ihr Glaube an eine bessere Zukunft Risse bekommen.