Sieben Blinde - DER SPIEGEL
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IBM Sieben Blinde

IBM-Computer wurden mit unsauberen Tricks verkauft, ein Spitzenmanager verspielte seinen Job. *
• aus DER SPIEGEL 50/1984
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn die größte Computer-Firma der Welt etwas wirklich Wichtiges mitzuteilen hat, dann benutzt sie ein sehr altmodisches Informationsmedium: das Schwarze Brett.

Auf der Anschlagtafel in der Stuttgarter Deutschland-Zentrale des US-Konzerns IBM konnten die Mitarbeiter Anfang vergangener Woche lesen, daß Hans Kohn vom 1. Dezember an »Sonderaufgaben im Bereich Geschäfts- und Logistikprozesse« übernommen hat. Und jeder im Hause wußte, was das zu bedeuten hat.

Eine Beförderung ist es nicht. Kohn, 48, der zweitwichtigste Mann der IBM Deutschland, war über unsaubere Verkaufspraktiken in seinem Verantwortungsbereich gestolpert.

Der Manager war erst Anfang dieses Jahres zum Leiter des Geschäftsbereichs Vertrieb Informationssysteme aufgerückt. Er war zuständig für den Verkauf der Großcomputer, mit denen die deutsche IBM den größten Teil ihres Umsatzes von über zehn Milliarden Mark macht. In der deutschen IBM-Hierarchie war Kohn nur dem Vorsitzenden der Geschäftsführung, Lothar F. W. Sparberg, 57, verantwortlich.

Die dürre Meldung am Schwarzen Brett markiert das Ende einer peinlichen Dreiecks-Affäre. IBM-Mitarbeiter und Computer-Leasing-Firmen haben Universitäten dazu benutzt, der Industrie billig Rechner zu verschaffen.

Die treibende Kraft bei dem Spiel war die Düsseldorfer Leasing-Firma ICS - Integrated Computer Systems GmbH. ICS vermietete an Rechenzentren deutscher Universitäten und Forschungsinstitute IBM-Maschinen, holte das Gerät nach wenigen Monaten wieder ab und brachte es bei Industrie-Kunden unter.

Vorteil der Rotation: IBM gewährt auf Computer für Forschungseinrichtungen Rabatte bis zu 40 Prozent. Mit dem Uni-Trick konnte ICS auch der Industrie gute Preise machen - oder selbst von den Rabatten profitieren.

Als »Rabattwaschanlagen«, so das Branchenblatt »Computerwoche«, sollen zum Beispiel die Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt und das Krebsforschungszentrum der Universität Heidelberg gedient haben. Insgesamt erhielt ICS Rabatte von rund 20 Millionen Mark.

Damit verstieß ICS klar gegen IBM-Regeln: Werden IBM-Rechner mit Rabatt verkauft, müssen sie drei Jahre im Forschungsbereich bleiben.

Verstöße gegen das offizielle Preissystem sind bei IBM besonders delikat. Als beherrschendes Unternehmen des Großcomputer-Geschäfts (Marktanteil rund 60 Prozent) muß die Firma ständig aufpassen, nicht wegen dubioser Praktiken Ärger mit dem Kartellamt zu kriegen. Außerdem läßt sich das Top-Management seine aggressive Preispolitik nicht gern von anderen aus der Hand nehmen.

So mußten die Übeltäter klein beigeben. ICS erklärte sich Ende November bereit, die fälschlich erwirkten Rabatte zurückzuzahlen. »Es sind Spielfehler gemacht worden«, räumt ICS-Manager Helmut F. Eue ein.

Eues Spiel konnte freilich nur laufen, weil etliche IBM-Leute stillschweigend mitmachten. »Da sind sieben Blinde zusammengelaufen«, sagt der ICS-Manager vieldeutig.

Es müssen wohl noch ein paar mehr gewesen sein. Ende November wurden mehr als ein Dutzend IBM-Vertriebsleute degradiert oder zum Verlassen der Firma animiert.

Daß Deutschland-Chef Sparberg sogar seinen zweiten Mann opferte, zeigt den Ernst der Lage: Der ehemalige Finanz-Manager, der 1983 an die Spitze gerückt war, muß seinen Vorgesetzten in den USA beweisen, daß er den Laden noch im Griff hat.

Das Hochglanz-Image der IBM-Tochter nämlich hatte schon durch die verzögerte Einführung des neuen Mediums Bildschirmtext gelitten. Das für die Bundespost entwickelte Rechnersystem hatte dann auch noch einen schlechten Start, weil Computer-Hacker sogleich die Geheimcodes knackten.

Doch solche Fehler zählen bei IBM offenbar nicht als schwerwiegende Verstöße. Nachfolger Kohns ist Bernhard Dorn, 43. Er war bisher für das Projekt Bildschirmtext verantwortlich.

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