Siebentes Weltwunder - DER SPIEGEL
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Arbeitgeber Siebentes Weltwunder

Die oberfränkische Firma Rehau-Plastiks verhindert die Aufstellung eines Betriebsrats: Belegschafts-Versammlungen werden blockiert und Gewerkschaftler beschimpft.
• aus DER SPIEGEL 14/1972
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Ein zweites Mal lassen die mich nicht mehr rein«, meinte Andreas Mattes von der Gewerkschaft Holz und Kunststoff in Bayreuth nach einem Besuch bei der oberfränkischen Grenzlandfirma Rehau-Plastiks.

Beim erstenmal, Anfang März, hatten Mattes und sein Begleiter Mühe, das Stammhaus des Kunststoff-Unternehmens zu betreten. Nach doppelter Pförtner-Kontroll~ ("Auch nach Autotyp und Autonummer wurde gefragt") und erstauntem Empfang ("Wir waren das siebte Weltwunder") wurden die Besucher in der marmornen Eingangshalle von zwei weiß gekleideten Plastiks-Herren »eiskalt abgekanzelt« (Mattes). Die Gewerkschaftler meldeten überdies ihrem Düsseldorfer Hauptvorstand.« Die Unterredung erfolgte im Stehen. Wahrscheinlich hat man auch unser Vorbringen auf Band genommen.«

Die Gewerkschaftler wollten sondieren, ob nun auch in Rehau die Möglichkeit bestände, eine Arbeitnehmer-Vertretung zu wählen. Doch ihre Gesprächspartner, Personalchef Konrad Müller und Geschäftsleitungsassistent Hans-Peter Salzmann« »machten regen Gebrauch von ihrer Auffassung, das neue Betriebsverfassungsgesetz interessiere sie sowenig wie das alte«. Und: »Das Unternehmen hätte auch nicht die leiseste Absicht, einem solchen Gesetz nachzukommen« (Mattes-Bericht).

Zwar fehlen seit dem Erlaß des alten Gesetzes von 1952 immer noch in zahlreichen bundesdeutschen Unternehmen Belegschaftsvertretungen« zumeist aber nur in Klein- und Kleinstbetrieben. Für Firmen von der Größenordnung der oberfränkischen Plastiks-Gesellschaft« die im Rehauer »Rheniumhaus« und ihren zwölf Zweigbetrieben 4500 Beschäftigte zählt, ist »der Fall schon fast exemplarisch« -- so Bayerns SPD-Vize Helmut Rothemund, Ex-Landrat von Rehau.

Rehau-Plastiks macht mit Kunststoff-Produkten. vornehmlich Rohren und Schläuchen, 250 Millionen Mark Jahresumsatz und rühmt sich ihrer »weltweiten Beziehungen«. Das Personal, so verheißt der Firmenprospekt« arbeitet in modernsten Räumen bei »ständig guter Luft« und guten Lichtverhältnissen. damit »kein Mitarbeiter in den Außenzonen in die Sonne blinzeln muß« und »im Innenraum keiner in Finsternis wandelt«. Dafür herrscht in Rehau und seinen Filialen, so jedenfalls sieht es die Gewerkschaft Holz und Kunststoff, »finsterer Herr-im-Hause-Standpunkt«.

Der Herr; Firmenchef Helmut Wagner, 47, Hobby-Flieger und Eigner von zwei Privatmaschinen, beäugt sein Reich wie Big Brother über eine hauseigene Fernsehanlage. Jährliche Eignungstests und ständige Berichte der Kontrollmeister geben ihm Kunde vom Können und Fleiß seiner Untertanen.

»Da Götter keine Mitbestimmung kennen«, sinniert Gewerkschaftler Mattes, »hat der Wagner auch etwas gegen unsere Mitglieder.« In der Tat: Wer sich bei Einstellungsbewerbungen auf dem Plastiks-Fragebogen wahrheitsgemäß als Organisierter bekennt, hat keine Chance. Zwei Jungsozialisten gar, die sich unlängst bewarben, mußten, ehe sie aufgenommen wurden, schriftlich abschwören.

Von gesetzlich vorgeschriebenen Betriebsratswahlen hält Firmeneigner Wagner, der bei den nächsten Kommunalwahlen die SPD-Mehrheit im Rathaus mit firmeneigenen CSU-Kandidaten ausstechen will, überhaupt nichts: »Eine solche Vertretung wird von meinen Leuten nicht gewünscht.« Wer sie dennoch förderte, wie 1968 drei Arbeitnehmer vom Werk Feuchtwangen« die sich als Wahlvorstand etabliert hatten, flog raus. Diese Strenge kann sich das Unternehmen offenbar ohne Risiko leisten: Wagners Werke liegen in abgelegenen, industriearmen Gegenden.

»Um eine Betriebsratswahl in Rehau notfalls durchzukämpfen« (Mattes), griff die Gewerkschaft jetzt nach dem zulässigen außerbetrieblichen Mittel. Paragraph 17 Absatz 3 Betriebsverfassungsgesetz ermöglicht es »einer im Betrieb vertretenen Gewerkschaft«, von sich aus eine Betriebsversammlung einzuberufen. Dies freilich setzt voraus, daß die Gewerkschaft organisierte Arbeitnehmer namhaft machen kann.

In Rehau könnte sie, so Mattes, »über 20 bekommen, nur möchten wir sie nicht verheizen«. Und selbst wenn über das Arbeitsgericht eine Betriebsratswahl erzwungen werden sollte, kommt sie womöglich doch nicht zustande:

Denn schon zweimal verlor Rehau-Plastiks solche Prozesse, zur Wahl aber kam es dennoch nicht. Bereits benannte Wahlvorstände des Unternehmens fielen um und widerriefen die Versammlung, nachdem sie am Schwarzen Brett des Unternehmers als »vorgeschobene Marionetten« abqualifiziert und der »kommunistischen Hetze« bezichtigt worden waren.

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