Unternehmen Sieg oder Sibirien
Zwei Tage vor Pfingsten mußte Ronald Wagner, 33, bei seinem Abteilungsleiter antreten. »Sie machen Ihre Arbeit bestens«, teilte der ihm freundlich mit, »aber leider braucht der Betrieb Sie nicht mehr.«
Ende des Monats wird der fixe Schlosser seinen Spind in der Betriebsschlosserei der Deutschen Kugellagerfabriken (DKFL) in Leipzig räumen: »Nach elf Jahren servieren die mich jetzt ab.«
Neben Wagner verlieren bis zum Herbst mindestens 560 der noch knapp 2100 DKFL-Arbeiter ihren Job. Doch dabei wird es nicht bleiben.
Das mit rund 200 Millionen Mark verschuldete Traditionsunternehmen ist faktisch ein Fall für den Konkursrichter. Die Schweinfurter FAG Kugelfischer hat die Überweisungen an ihre verlustbringende Tochter eingestellt. Sie will die DKFL bloß noch loswerden.
Zahlen soll der Freistaat Sachsen, wo drei der vier Produktionsstandorte liegen. »Wir können das Problem DKFL nicht lösen«, beteuert der designierte FAG-Kugelfischer-Vorstandschef Peter-Jürgen Kreher, 59, »sonst fährt der ganze Konzern gegen die Wand.«
Die Mutter ist selbst ein Sanierungsfall. Anfang des Jahres zahlungsunfähig, mußte die FAG das gesamte Betriebsvermögen bis auf den letzten Kantinenlöffel an ihre Banken verpfänden. »Und jetzt«, sagt Kreher, »kriegen wir kein Geld mehr.«
Die Zahlen im Osten sind tatsächlich katastrophal: Von 1990 bis 1992 haben die Deutschen Kugellagerfabriken 365 Millionen Mark Verlust gemacht. Bis Ende dieses Jahres sollen noch einmal über 60 Millionen dazukommen.
Die Schweinfurter Manager hatten den früheren DDR-Wälzlagermonopolisten vor drei Jahren von der Treuhand gekauft - und sich damit übernommen. Über 4000 der damals 7500 Arbeitsplätze sollten erhalten bleiben, doch schon bald mußten vier der acht Standorte geschlossen werden, die Belegschaft wurde halbiert.
Mit den Ostmärkten brach der ostdeutsche Maschinenbau zusammen, die Rezession im Westen kam hinzu. Statt der geplanten 1,2 Milliarden Mark Umsatz schaffte die DKFL bis Ende vergangenen Jahres gerade 406 Millionen.
Erst viel zu spät, im April dieses Jahres, legte die Geschäftsführung in Leipzig ein sogenanntes Fortführungskonzept vor: Danach sollen in den kommenden zwei Jahren noch einmal 1100 Stellen gestrichen werden.
»Das ist ein planloser Kahlschlag«, ärgert sich Hans-Jürgen Hertzsch, 37, »die wollen einfach nur die Kosten runterfahren.« Daß weitere Arbeitsplätze verlorengehen werden, ist dem Betriebsrat klar, »aber dann wenigstens sozial verträglich«.
Ohnehin glaubt Hertzsch, daß die Verluste per Dekret »der Osttochter zugeschoben werden«. Der Vertrieb sitzt in Schweinfurt, die Leipziger sind so völlig vom Wohlwollen ihrer Westkollegen abhängig. Und die, so hat der FAG-Gesamtbetriebsrat verkündet, wollen »keine weiteren Leistungen mehr für die DKFL« zulassen.
Würden weitere Aufträge in die Ostwerke vergeben, offiziell liegt das transferierte Umsatzvolumen bei etwa 80 Millionen Mark jährlich, dann gingen auch im Westen einige hundert Arbeitsplätze zusätzlich verloren. Und das ist im Konzern nicht durchsetzbar.
Als den DKFL-Werkern klar wurde, daß sie abgeschoben werden sollten, war es vorbei mit dem Betriebsfrieden. Am 26. Mai besetzte die Belegschaft das Werk, die Geschäftsführung wurde ausgesperrt.
Der dreiköpfige Unternehmensvorstand drohte dem Betriebsrat zwar mit drakonischen Geldstrafen, holte die Polizei und versuchte sogar, die Produktion zu stoppen. Die Arbeiter ließen sich nicht einschüchtern. »Wir haben nichts zu verlieren«, so ein Dreher Anfang vergangener Woche, »für uns heißt es: Sieg oder Sibirien.«
Am vorigen Freitag wurde die Betriebsbesetzung aufgehoben, die zum Monatsende Gekündigten werden auf Geheiß des sächsischen Wirtschaftsministers Kajo Schommer von der Leipziger Bildungs- und Beschäftigungsgesellschaft übernommen. Die Kosten teilen sich das Arbeitsamt und der Freistaat.
Die Situation ist unverändert: FAG Kugelfischer veranschlagt für Sanierung und Verlustübernahme ihrer Tochter rund 200 Millionen Mark.
Dieses Geld soll aus öffentlichen Kassen kommen, doch die sind leer. »Ich bin bereit, über gewisse Hilfen zu reden«, stellt Schommer klar, »aber es gibt weder einen Verlustausgleich noch eine Landesbeteiligung.«
Die Treuhand wird die Firma jedenfalls nicht, wie vom Betriebsrat gefordert, zurücknehmen. »Würden wir das machen, brächen hier alle Dämme«, sagt ein Treuhand-Manager mit Hinweis auf andere Problembetriebe.
Der Konkurs ist so praktisch unvermeidbar, obwohl ihn sich beide Seiten eigentlich nicht leisten können. Für die Industrieregion Sachsen ist die DKFL unverzichtbar, und auch für die FAG könnte eine Gesamtvollstreckung gefährlich werden. Sie müßte voll für ihre Tochter haften, die Kosten sind nicht abschätzbar.
In Schweinfurt kursiert inzwischen ein neues Konzept, das von nur noch »ein oder zwei Standorten mit maximal 750 Mitarbeitern« ausgeht. Doch selbst dafür wird sich schwerlich ein neuer Hauptaktionär finden lassen.
»Da müßte jemand viel Geld reinstecken«, sagt FAG-Vorstand Kreher, »obwohl er weiß, daß er nichts wieder rausbekommt.«