Siemens-Chef von Pierer "Wir haben Fehler gemacht"
New York - "Tatsache ist, dass wir ein problematisches Jahr hinter uns haben", sagte von Pierer am Donnerstag bei einem Treffen der Association of German Business Correspondents (ABC) in New York. "40 Prozent des Geschäfts sind schwierig", räumte von Pierer ein. Die größten Sorgenkinder des Mischkonzerns seien die Netzwerksparte ICN, die Mobilfunksparte ICM und die Dienstleistungssparte SBS.
Wie schon bei der Bilanzpressekonferenz vergangene Woche weigerte sich der Konzernchef, eine Umsatzprognose für 2002 abzugeben: "Da müsste man mit dem Klammerbeutel gepudert sein, wenn man das machte." Der Gewinn werde sich allerdings voraussichtlich verbessern, schon allein, weil viele Goodwill-Abschreibungen nächstes Jahr wegfielen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr war der Gewinn von 8,9 Milliarden Euro auf zwei Milliarden Euro eingebrochen.
Wie seine US-Kollegen verschanzt sich von Pierer weiter hinter dem Mangel an "Visibility". Er sprach davon, das Siemens-Schiff "wetterfest" machen zu wollen. "Natürlich stellen wir uns auf schlechte Zeiten ein, aber wir sind nicht übertrieben pessimistisch." Vor wenigen Tagen hatte er weitere Restrukturierungen und Entlassungen nicht ausgeschlossen.
Mit der Leistung vieler Geschäftsbereiche kann der Konzernchef nicht zufrieden sein: In den USA, mit 22 Prozent des Gesamtumsatzes inzwischen der wichtigste Absatzmarkt vor Deutschland, seien ein Viertel der 100 Siemens-Geschäftsfelder als "rot" eingestuft, sagte er. "Rot" bedeute Handlungsbedarf: Entweder schließen, abstoßen oder investieren, bis es läuft.
"Das Volumen ist gut, die Ergebnisse sind nicht ausreichend", fasste von Pierer den Zustand des US-Geschäfts zusammen. Im vergangenen Jahr fielen hier 600 Millionen Euro Verlust an. Das liege vor allem daran, dass neue Unternehmungen mit Start-Up-Kosten verbunden seien. "Aber wir haben auch Fehler gemacht und manchmal zu viel bezahlt", sagte er.
Die Tatsache, dass Siemens auf dem US-Handymarkt so gut wie keine Rolle spielt, wollte von Pierer allerdings nicht als Fehler verstanden wissen: "so lange es in den USA kein Netz mit dem Mobilfunkstandard GSM gab, hatten wir keinen Grund, uns dort zu engagieren."
Dennoch verbreitete der Siemens-Chef Optimismus: Der Konzern werde als "das am breitesten aufgestellte Unternehmen der Welt" die Krise gut meistern. Diese Einschätzung werde von den Anlegern geteilt. Immerhin habe sich der Aktienkurs seit Mitte September verdoppelt. "Die Fondsmanager mögen uns, weil wir ein defensiver Wert sind." Die Pflege des Kurses ist auch der Grund für seinen USA-Besuch: Er trifft sich mit einigen der größten institutionellen Investoren in New York und Boston.
Von Pierer, dessen Vertrag 2004 ausläuft, schloss nicht aus, noch einmal für ein oder zwei Jahre zu verlängern. Seine Nachfolge solle allerdings nicht so entschieden werden, wie bei seinem Vorbild, General-Electric-Chef Jack Welch. "Die Leute gegeneinander laufen lassen, das hätte ich nicht so gerne." Ein halbes Dutzend Siemens-Manager sei unter Beobachtung.