Siemens Konzernchef Von Pierer setzt auf Handys und Internet
München - Bei der Hauptversammlung am Donnerstag in München räumte von Pierer mit der alten Firmenphilosophie auf. In Internet und Mobilfunk sieht Pierer glänzende Perspektiven für den Konzern. "Schon in Kürze wollen wir ein Viertel des Konzernumsatzes online erwirtschaften." Im laufenden Geschäftsjahr sollen über ein Online-Bestellsystem so allein für bis zu fünf Milliarden Mark Handys, Telefone und Computer verkauft werden.
Im kommenden Geschäftsjahr wolle der Konzern zudem zum drittgrößten Mobiltelefon-Hersteller der Welt aufsteigen und 60 Millionen Handys verkaufen, sechs Mal so viele wie im vergangenen. Dies würde einem Marktanteil von bis zu 15 Prozent entsprechen. Um noch schlagkräftiger zu sein, werde das Geschäft im Mobilfunkbereich - von den Telefonen bis zur Netztechnik - in einer Einheit mit zwölf Milliarden Mark Umsatz und 20.000 Beschäftigten gebündelt.
Vor anderthalb Jahren hatte der bedächtige Konzernboss die erste Revolution im Hause Siemens angekündigt. Mit einem Zehn-Punkte-Programm trimmte er im vergangenen Jahr den Hersteller von Glühbirnen und Atomkraftwerken auf die Herausforderungen des Marktes. Geschäftsbereiche im Wert von 17 Milliarden Mark sollen ausgegliedert werden.
"Ein lebender Organismus"
Der Konzern werde sein Gesicht weiter verändern, sagte von Pierer: "Siemens ist ein lebender Organismus." Zukäufe seien vor allem für den Internet-Bereich, in der Informations- und Kommunikationstechnik sowie im lukrativen Industriegeschäft geplant. Auch weitere Verkäufe wollte er nicht ausschließen. "Es ist möglich, dass wir kleinere Bereiche abgeben, in denen wir nicht genug Geld verdienen."
Von Aktionären und Belegschaft bekam von Pierer Rückendeckung. "Siemens hat mutig die ausgetretenen Pfade verlassen", sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Dem Konzernchef rief sie zu: "Bleiben Sie auf der Brücke." Bei der vorigen Hauptversammlung stand der Vorstandsvorsitzende noch im Kreuzfeuer der Kritik.
Der Vertreter des Vereins der Belegschafts-Aktionäre, Manfred Meiler, betonte, der Konzern habe auch eine soziale Verantwortung. Gewinnmaximierung dürfe nicht auf Kosten der Belegschaft gehen. Pierer habe aber im vergangenen Jahr "als Industriekapitän das Boot gut gesteuert".
Gelungener Start ins Geschäftsjahr
Der Start in das Geschäftsjahr 1999/2000 sei Siemens besser gelungen als erwartet, so von Pierer. Nach dem guten ersten Quartal werde mit einem zweistelligen Wachstum beim Umsatz gerechnet. Der Gewinn solle überproportional zulegen. Im vergangenen Geschäftsjahr hatte Siemens einen Rekordgewinn von 3,6 Milliarden Mark bei 134 Milliarden Mark Umsatz verbucht. "Wir haben die Erfolgskurve nachhaltig nach oben gedreht", sagte von Pierer vor 13.000 Aktionären.