Siemens-Machtkampf Kleinfelds Fans, Kleinfelds Feinde
Hamburg - Abgeschirmt sollen sie bleiben, am besten niemandem begegnen: Schon am Morgen haben sich die Vertreter der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat getroffen, um zu entscheiden, mit welcher Position sie in die Aufsichtsratssitzung von Siemens gehen, die um 14 Uhr begann. Dazwischen galt striktes Redeverbot - man kann keine weiteren Gerüchte gebrauchen. Denn der Ausgang der Aufsichtsratssitzung, so heißt es aus Kreisen der IG Metall, sei "so offen wie noch nie".
Ob der Vertrag des amtierenden Siemens-Chefs Klaus Kleinfeld heute verlängert wird, steht in den Sternen. Kleinfelds Gegner kommen von unerwarteter Seite: Der designierte Aufsichtsratschef Gerhard Cromme und Aufsichtsratsmitglied und Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sollen seit Tagen auf der Suche nach einem Nachfolger sein, bislang jedoch erfolglos. "Dass dieser Vorstoß von Seiten der Kapitalgeber kommt, hat uns ziemlich überrascht", heißt es bei der IG Metall.
Seit bekannt wurde, dass die Vertragsverlängerung auf der Kippe steht, wird wild über die Gründe spekuliert. Dabei seien die Positionen unübersichtlich geworden, es herrsche Chaos im Aufsichtsrat, heißt es. Als Hauptgrund für die Suche nach einem neuen Konzernchef gilt die "panische Angst", die Cromme und Ackermann dem Vernehmen nach vor der amerikanischen Börsenaufsicht SEC haben. Denn die gilt als sehr viel strenger, was die Ermittlungen in Korruptionsfällen angeht. "Das wäre der 'worst case': Die verlängern den Vertrag und drei Monate später kommt raus, dass Kleinfeld doch etwas gewusst oder nicht ausreichend kontrolliert hat", heißt es von einem Arbeitnehmervertreter.
Cromme leitet den Siemens-Prüfungsausschuss, der die Schmiergeldaffäre aufklären soll. Er kennt die Dimensionen des Skandals wie kein anderer. Er weiß, dass die bisher weiße Weste Kleinfelds nicht weiß bleiben muss. Ackermann wiederum gilt als enger Vertrauter des am Donnerstag vergangener Woche zurückgetretenen Siemens-Aufsichtsratsschefs Heinrich von Pierer. Dessen Verhältnis zu seinem einstigen Ziehsohn Kleinfeld wird von Vertrauten als inzwischen sehr schwierig beschrieben.
Kleinfeld hat sich in den letzten Monaten als Vorkämpfer für eine vollständige Aufklärung der Schmiergeldaffären profiliert und soll dabei wenig Rücksicht auf die Interessen Pierers genommen haben. "Gleichzeitig ist Ackermann nach dem Mannesmann-Prozess ein gebranntes Kind", sagt ein Arbeitnehmervertreter. Der Deutsche-Bank-Chef wolle sich nicht noch einmal vorwerfen lassen, nicht ausreichend aufgepasst und kontrolliert zu haben.
Bei der IG Metall ist man etwas ratlos, was man von dem ganzen "Kasperletheater" halten soll. Bislang hatte man geplant, einer Vertragsverlängerung unter bestimmten Bedingungen zuzustimmen. Dabei geht es vor allem um den geplanten Börsengang und möglichen Verkauf des Autozulieferers VDO. "Wir haben unsere Konflikte mit Kleinfeld", heißt es von der IG Metall. Aber die möglichen Nachfolger, die bisher im Gespräch sind, Linde-Chef Wolfgang Reitzle und Ex-VW-Manager Wolfgang Bernhard, seien auch nicht eben arbeitnehmerfreundlich.
Unterstützung bekommt Kleinfeld derzeit von all jenen, die seine Arbeit schätzen und den skandalgebeutelten Konzern endlich zur Ruhe bringen wollen. Dazu gehört ein Teil der Aufsichtsräte, etwa der Chef der amerikanischen Immobilienfirma Tishman Speyer, Jerry Speyer, der als ausgemachter Kleinfeld-Fan gilt. Hinter Kleinfeld stehen auch die Aufsichtsräte Lord Iain Vallance of Tummel und Peter von Siemens, die die Konzernführung und die damit erreichten Gewinne begrüßen. Erst gestern hatte Siemens früher als geplant Zahlen für das zweite Quartal vorgelegt und dabei einen Gewinn von 1,3 Milliarden Euro bekanntgegeben - eine Steigerung um 36 Prozent.
"Rücktrittsforderungen sind absurd"
Auch Aktionärsschützer sehen bislang keinen Grund, warum der Vertrag Kleinfelds nicht verlängert werden sollte. "Entweder hat die Aufsichtsratsführung neue Erkenntnisse über eine Verstrickung Kleinfelds in die Schmiergeldaffäre, dann muss sie diese aber auch öffentlich machen", sagt Rheinhild Keitel, Vorstand der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) SPIEGEL ONLINE.
Sollte es solche Erkenntnisse aber nicht geben, seien die Gerüchte über einen Rücktritt Kleinfelds absurd: "Kleinfeld hat sich in den zwei Jahren, die er das Unternehmen jetzt führt, durchaus bewährt, hat ehrgeizige Ziele gesteckt und diese bislang auch erreicht." Dazu komme, dass es offensichtlich keinen geeigneten Kandidaten gebe, der den Chefposten übernehmen könne. "Siemens führungslos zu machen, das ist unverantwortlich", so Keitel.
Tatsächlich soll Kleinfeld, den die Diskussion über seine Vertragsverlängerung angeblich relativ unvorbereitet getroffen hat, angedroht haben, selbst zurückzutreten, wenn die Vertragsverlängerung ein weiteres Mal aufgeschoben werden sollte. Dann hätte der Aufsichtsrat zwar die Chance, diesen Rücktritt abzulehnen und damit Kleinfelds angeschlagenen Ruf retten. Aber erklären könnte man dieses Chaos niemandem mehr.