Siemens-Prozess Strahlemann im Kreuzverhör
Es ist die Flucht nach vorn. Joe Kaeser tritt in den tristen Verhandlungssaal, als wäre er kurz davor, einen Megadeal zu verkünden. Strahlendes Lächeln, eine Hand lässig in die Hosentasche des schicken schwarzen Anzugs gesteckt. Siegessicher posiert er im Blitzlichtgewitter der Kameras, dreht sich zu jeder Linse einzeln hin.
Dass die kommenden Stunden unangenehm werden, dürfte dem Siemens-Finanzvorstand klar sein.
Sicher, der Siemens-Finanzvorstand ist nur als Zeuge geladen - auf der Anklagebank sitzt der ehemalige Siemens-Manager Reinhard S.. Dem Kaufmann wird Untreue in 58 Fällen vorgeworfen. Doch es ist der erste Prozess in der Schmiergeldaffäre überhaupt und Kaeser ist der ranghöchste Manager, der aussagen wird. Sämtliche anderen geladenen Mitglieder der ehemaligen Führungsriege haben von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht. Zuletzt Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer.
Vor allem aber ist der 50-jährige Kaeser einer der allerletzten aus der alten Garde, der die größte Schmiergeldaffäre der deutschen Wirtschaftsgeschichte bislang unbeschadet überstanden hat. Ein Spitzenmanager nach dem anderen geriet in den Strudel und trat ab. Kaeser, seit Mai 2006 in seinem jetzigen Posten und damit offiziell die Nummer zwei im Konzern - blieb.
Er kennt den Konzern von oben bis unten, ist seit 28 Jahren dabei. Von 2001 bis 2004 war er Finanzchef des Mobilfunkbereichs ICM - einer der Bereiche, in denen heftig geschmiert wurde. Doch nach derzeitigem Stand offizieller wie interner Ermittlungen hat Kaeser nichts bemerkt von den dubiosen Zahlungen des Konzerns - insgesamt satte 1,3 Milliarden Euro seit 1999.
Allerdings muss er sich an diesem Montag zum ersten Mal in der Öffentlichkeit mit den ungeheuerlichen Vorgängen auch in seinem einstigen Zuständigkeitsbereich auseinandersetzten. Und der Angeklagte S. hat schon am allerersten Tag ausgesagt, zu Kaesers Zeiten auch für den Mobilfunkbereich ab und an Schmiergelder locker gemacht zu haben: Bis sein Vorgesetzter ihm eines Tages erklärt habe, der Kaeser solle sein Zeug künftig selber machen.
Rückenschmerzen vom Schmiergeldtragen
Kaeser ist sich durchaus bewusst, was der heutige Tag auch für seine eigene Karriere bedeutet. Also setzt er auf das ganz große Plädoyer. "Überhaupt nichts", habe er gewusst von unlauteren Zahlungen, sagt er mit Nachdruck. Man möge ihm Naivität vorwerfen, doch Korruption passe schlicht nicht in sein "Wertegefüge". "Bestürzt", sei er gewesen, als ihm das Ausmaß der Schmierereien bewusst geworden wäre. Lange allerdings hält er die Show nicht durch.
Dabei könnte man meinen, Kaeser sei auf das Schlimmste vorbereitet. Was wurden schon für Ungeheuerlichkeiten ausgepackt in diesem Prozess. Der redselige Kaufmann S., der ganz offensichtlich so viele Verantwortliche wie möglich mit in den Abgrund ziehen will, beschrieb detailliert das System aus Scheinberaterverträgen und Briefkastenfirmen auf der ganzen Welt, über das er über 50 Millionen Euro an Schmiergeldern generiert haben soll. Der grauhaarige 57-Jährige, der mit seinem unscheinbaren Äußeren auch gut in jede Beamtenstube passen würde, erzählte von Vordrucken, mit denen Schmiergelder beantragt wurden - und von Post-its auf denen die Unterschriftsberechtigten zur Sicherheit signierten.
Einer seiner früherer Mitarbeiter erzählte kurz darauf, wie er sich "mal am Rückgrat 'was zugezogen" habe, weil er immer wieder Koffer mit bis zu zehn Millionen Mark durch die Gegend tragen musste. Auch Mitarbeiter der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hätten von schwarzen Kassen gewusst, behauptete der Mann - sogar Mitarbeiter der Compliance-Abteilung machten demnach mit, die eigentlich gegen Korruption vorgehen soll. Als Behörden in mehreren Ländern auf auffällige Konten in Österreich aufmerksam wurden, sei deren schlichter Rat gewesen: "Lasst euch was anderes einfallen."
"Jeder Kontoauszug muss gemeldet werden"
Im Publikum wundert es nach diesen Geschichten niemand mehr, als der Anwalt von S. von Barauszahlungen an einen einzigen Mitarbeiter im Bereich ICM von 3,5 Millionen Euro spricht.
Doch Kaeser wirkt überrumpelt, als wäre es das erste Mal, dass über solche Vorgänge in der Sparte berichtet würde. Nachdem der Anwalt gemessenen Schrittes Dokumente über die Zahlungen zum Richterpult gebracht hat, ergeht sich Kaeser dort umringt von dem Verteidiger und den beiden Staatsanwältinnen mit brüchiger Stimme in weitläufige Erklärungen über die Unterschriftenpraxis im Konzern - und darüber, warum er von solchen Summen als Finanzchef nichts mitbekam.
Doch Anwalt Uwe von Saalfeld lässt nicht locker. Schließlich gab es da noch die Schweizer Firma Intercom - ein Verschiebebahnhof für die Schmiergelder der Mobilfunksparte. Wie unbemerkt zweistellige Millionensummen von ICM an die Gesellschaft überwiesen werden konnten, fragt er immer wieder? Unbemerkt von den Abteilungen Controlling und Revision, "die Ihrer Leitung unterstanden?"
Kaeser laviert - und hat sich irgendwann wieder gefangen. Erinnert sich wieder seiner zentralen Botschaft: Damals habe es "keine durchgängigen" Kontrollstrukturen gegeben, sagt er. Heute sei das anders. Nicht zuletzt dank seiner Arbeit. "Jeder Kontoauszug weltweit muss gemeldet werden."
Wir haben dazugelernt, will er sagen. Im Nachhinein könne er auch nicht verstehen, wieso der Konzern auf die zahlreichen "roten Flaggen" nicht früher reagiert habe. Doch er selbst hätte beim geringsten Hinweis etwas getan, beteuert er immer wieder. Wenn er denn einen gehabt hätte. Und vor allem stehe er jetzt dafür, dass so etwas nie wieder vorkomme.