Skandalspekulant Kerviel "Man lässt sich ein bisschen davontragen"
Paris - Jérôme Kerviel gibt sich nachdenklich in seinem ersten Interview: "Man verliert das Gefühl für Summen, wenn man in diesem Beruf arbeitet", sagte der Ex-Société-Générale-Händler im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP über seine Arbeit. Der tatsächliche Wert des Geldes verschwinde. "Man lässt sich ein bisschen davontragen."
Kerviels ungenehmigte Spekulationen in Höhe von rund 50 Milliarden Euro waren am Sonntag vor zwei Woche aufgeflogen. Die Bank machte ihren Verlust vier Tage später bekannt, am 24. Januar. Zwei Tage darauf nahm die Polizei den Händler in Gewahrsam, ein Untersuchungsrichter verhörte ihn. Die Société Générale beschuldigt Kerviel, ihr durch ungenehmigte Termingeschäfte einen Verlust von 4,82 Milliarden Euro beschert zu haben. Auch die US-Börsenaufsicht SEC und die US-Justiz ermitteln gegen die Bank.
Kerviel gestand nun in dem Interview ein, er trage "einen Teil der Verantwortung", fügte jedoch nachdrücklich hinzu, er wolle nicht als "Sündenbock" der Bank herhalten. Der 31-Jährige beteuert wie schon bei seinen Vernehmungen, dass er sich niemals persönlich habe bereichern wollen. "Das Ziel war, für die Bank Geld zu verdienen." Mutmaßungen über seinen "instabilen" Gemütszustand wies der Banker energisch zurück: "Ich bin weder selbstmordgefährdet noch depressiv." Trotz des enormen Drucks in den vergangenen Tagen habe er "nie an Flucht gedacht".
Er wollte nur besser sein als die Kollegen
Gegen Kerviel wird wegen Vertrauensbruchs, Fälschung und Eindringens in ein Computerdatensystem ermittelt, nicht aber wegen Betrugs. Laut Vernehmungsprotokoll wollte der Händler mit seinen Spekulationen beweisen, dass er besser als seine Kollegen sei. Er gab zu, seine Transaktionen verschleiert zu haben. Seine Vorgesetzten beschuldigte Kerviel, sie hätten dennoch von den Spekulationen wissen müssen.
Ein ehemaliger Kontrolleur der Société Générale, Maxime Legrand, warf der Bank "Scheinheiligkeit" vor. Das Geldinstitut wisse ganz genau, dass die Kontrollen nicht ausreichten, unternehme aber nichts dagegen. "Man tut so, als ob man eine Kontrolle hätte, um der Finanzaufsicht eine Freude zu machen", sagte Legrand der AFP. Ganz sicher gebe es aber Händler, bei denen die Bank bewusst wegschaue, wenn sie gegen Vorschriften verstießen, "weil sie für die Bank Geld verdienen".
Einem Pressebericht zufolge ermittelt unterdessen auch die US-Börsenaufsicht SEC gegen die Société Générale. Die SEC prüfe die Aktienverkäufe von Verwaltungsratsmitglied Robert Day im Januar, berichtete das "Wall Street Journal" unter Berufung auf informierte Kreise. Demnach ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Brooklyn gegen die Bank. SEC und das US-Justizministerium äußerten sich zunächst nicht zu dem Bericht.
Der Vorsitzende der Eurogruppe, Luxemburgs Finanzminister Jean-Claude Juncker, erneuerte die Kritik am Protektionismus der französischen Regierung. Er könne es "vollkommen verstehen", dass Frankreich und die Société Générale eine feindliche Übernahme abwehren wollten, sagte Juncker im Radiosender Europe 1. Wenn aber ein freundlicher Bieter mit einem starken wirtschaftlichen Vorhaben komme, "wieso sollte man das abwehren? Bloß weil er nicht französisch ist?", fragte Juncker. Eine solche Haltung sei "nicht mehr zeitgemäß", tadelte er. Die französische Regierung hatte konkurrierende Geldinstitute vergangene Woche vor einem Übernahmeversuch der Société Générale gewarnt.
ase/Afp