OSTHANDEL So ein Geschäft
Der Osthandel«, witzelte Krupp-Primus Berthold Beitz, »nähert sich dem Tauschverkehr der Steinzeit: Keulen gegen Knochen. Knochen gegen Felle, Felle gegen Steinäxte.«
Das Beitz-Bonmot hat ernsten Hintergrund. immer ungenierter verlangen Osteuropas Handelsfunktionäre von ihren westlichen Geschäftspartnern, vor allem den Lieferanten von Maschinen und Industrieanlagen, daß sie Ostwaren statt Devisen in Zahlung nehmen.
Allein im letzten Jahr beglichen die östlichen Großkunden West-Rechnungen im Wert von über 40 Milliarden Mark durch Naturalien. Dieser Trend, fürchtet die Industrie, werde sich verstärken und am Ende sogar bei dem letzte Woche noch einmal verschobenen Breschnew-Besuch in Bonn eine entscheidende Rolle spielen.
Das im Dezember abgeschlossene Tauschgeschäft zwischen VW und der DDR hatte die Sorgen der Osthändler geschürt. Für rund 90 Millionen Mark liefern die Wolfsburger den Ostdeutschen 10 000 VW-Golf. Im Gegenzug erhalten die Automanager Gemischtwaren von schwerem Heizöl über Braunkohle bis zu Auto-Kleinteilen und Werkzeugmaschinen.
Vor allem die um ihre eigenen Orders aus der Autoindustrie besorgten Maschinenbauer zeigen sich schockiert. Justus Fürstenau' Hauptgeschäftsführer des Vereins Deutscher Maschinenbau-Anstalten: »Uns ist der Kinnladen runtergefallen.«
In einem Fernschreiben an den Bonner Wirtschafts-Staatssekretär Detlev Karsten Rohwedder prophezeite Verbandspräsident Bernhard Kapp, im Hauptberuf Werkzeugmaschinen-Fabrikant im fränkischen Coburg, »katastrophale Auswirkungen«. Bei keinem Geschäft, mit Ausnahme des Erdgas-Röhren-Abkommens, sei bislang »eine auch nur annähernd so hohe Kompensationsquote vereinbart worden«.
Viele Werkzeugmaschinen-Exporteure hatten sich trotz flauer Auftragseingänge und häufiger Kurzarbeit in der Vergangenheit geweigert, Ostorders zu Tauschkonditionen hereinzunehmen. Nach dem spektakulären VW-Geschäft mit der DDR sei diese Linie kaum durchzuhalten: »Hier ist ein Präzedenzfall geschaffen worden«, fürchtet Fürstenau, »der uns künftig immer vorgehalten werden wird.«
Besonders ärgerlich sei die Tatsache, daß »ausgerechnet ein Unternehmen, das mehrheitlich vom Staat kontrolliert wird, so ein Geschäft macht«, klagt Erwin Schlosser von der Fachgemeinschaft Werkzeugmaschinen. Ein anderes Staatsunternehmen hatte sich zuvor ein ähnliches Geschäft geleistet: Der bundeseigene Salzgitterkonzern verabredete mit den Russen drei petrochemische Großfabriken (Wert: rund eine halbe Milliarde Mark) auf Kompensationsbasis. Insbesondere die Topmanager der Chemiekonzerne, die eine Überflutung ihres Marktes mit billigen Petroprodukten befürchten, reagierten unwirsch.
Vollends sauer waren die Chemiekonzerne, als sich Osthändler Birnbaum auch noch für ein Mammutvorhaben interessierte, das Moskaus Chemieminister Leonid Kostandow erstmals auf der Frankfurter Chemiemesse Achema vor zwei Jahren deutschen Unternehmen schmackhaft zu machen suchte: ein riesiges Chemiekombinat nahe der sibirischen Stadt Tomsk, das zehn Millionen Tonnen Rohöl verarbeiten soll.
Die Hälfte der aus der Anlage kommenden Extrakte, vor allem Zwischenprodukte wie Äthylen und Propylen, sollen nach den Wünschen der Russen zehn Jahre lang über deutsche Handelsfirmen vermarktet werden.
Der zusätzliche Groß-Import aus Sibirien würde, so warnte Hoechst-Chef Rolf Sammet in einem Brief an Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, die »Abnahmemöglichkeiten der Bundesrepublik weit übersteigen«. Düster deutete der Chemieboß »Konsequenzen bei der Auslastung der deutschen Anlagen« an.
Derlei Proteste und Pressionen kommen Bonns Ostpolitikern denkbar ungelegen. Denn gerade weil im Entspannungspoker mit den Sowjets vor allem wegen der umstrittenen Berlin-Frage zur Zeit kaum etwas geht, würde Kanzler Helmut Schmidt den Russen gern attraktive Industrie-Kooperationen anbieten. Bei einem Vorgespräch mit den osterfahrenen Top-Managern Birnbaum, Otto Wolff von Amerongen und Willi Hoerkens (Hoechst) sowie seinem Intimus Ernst Wolf Mommsen warb der Regierungschef beredt für das sechs bis sieben Milliarden Mark teure Mammut-Projekt.
Die Russen wollen nicht -- wie von den Chemiekonzernen gewünscht -- Petro-Rohstoffe, Erdgas, Uran oder auch Rohphosphate liefern, sondern lediglich Zwischenprodukte aus der geplanten Anlage. BASF-Chef Matthias Seefelder: »Die schicken uns nur, wovon wir selbst schon genug haben.«
Eine Verlängerung der an Salzgitter, Krupp, Klöckner und andere Tomsk-Interessenten verschickten Angebotsliste aber scheint die Sowjets zu überfordern. Denn die Wirtschaftsbürokraten wie Chemieminister Kostandow planen ihre Investitionen weitgehend unabhängig voneinander. Ost-Kenner Mommsen: »Die können meist nur mit Produkten ihrer Sparte kompensieren.«
Die Proteste der Chemiekonzerne werden von den deutschen Tomsk-Interessenten nicht gar so ernst genommen. Hoechst-Chef Sammet nämlich übersah in seiner Lambsdorff-Demarche bei der Aufzählung der an der Anlage interessierten Firmen einen Namen: Die Engineering-Gesellschaft Uhde wird nicht erwähnt.
Eigentümer des renommierten Anlagen-Exporteurs: Sammets Hoechst.