Flugzeuge So eine Chance
Ein gedrungener Jet aus Bremen soll Rußlands angejahrte Antonow- und Iljuschin-Propeller-Mühlen aus dem rumänischen Luftraum verdrängen.
Am vergangenen Montag landeten drei Top-Leute des deutsch-holländischen Luftfahrt-Konzerns VFW-Fokker bei 32 Grad im Schatten mit ihrem neuen Kurzstreckenflugzeug VFW 614 zu einem Blitzbesuch auf dem Bukarester Flughafen Baneasa. Die Herren aus Deutschland trugen ein komplettes Angebot über die Lieferung von zehn bis zwanzig Exemplaren ihres Elf-Millionen-Jets in der Tasche, das Rumäniens Ministerrat kürzlich angefordert hatte.
Die Rumänen, deren staatliche Fluglinie Tarom russisches Gerät, auf mittleren Strecken aber auch die britische BAC 1-11 fliegt, wollen künftig im Kurzstreckenverkehr schnelle Jets einsetzen.
Rumäniens Staatspräsident Nicolae Ceaucescu, auf Balance zwischen den Blöcken bedacht, hatte seine Luftfahrt-Fachleute deshalb Angebote aus Ost und West einholen lassen: Moskau bot seine 27sitzige Yak-40 an, der VFW-Fokker-Konzern gleich zwei Kreationen -- die in Amsterdam konstruierte 79sitzige Fokker F 28 und die in Bremen gebaute VFW 614, ein 44sitziger Jet mit zwei auf die Tragflächen gesetzten Rolls-Royce-Düsen.
Schon wenige Stunden nach der Landung durfte VFW-Chefpilot Leif Nielsen, der vergangenes Jahr den Absturz des ersten VFW-Prototyps bei Bremen überlebt hatte, die VFW 614 vor den Augen der heimischen Luftfahrt-Prominenz über das Bukarester Flugfeld ziehen. Der gebürtige Däne legte dabei sein eingeübtes Imponierprogramm mit Steilkurven, Tiefflügen und einer Landestrecke von nur 350 Meter hin. Übliche Landestrecke für Jets: Über 1000 Meter.
Beeindruckt zwängten sich daraufhin Tarom-Chefpilot Nastase und Luftwaffen-General Stoian von der Bukarester Luftfahrtbehörde in das VFW-Cockpit und flogen selber einige Runden. Ergebnis: Kurz bevor die Bremer am nächsten Tag ihren Jet wieder ausfliegen wollten, erhielten sie aus dem Ministerrat einen Wink, unten zu bleiben.
Achtzehn Stunden später, Mittwoch früh um acht, erschien Rumänien-Chef Ceausescu mit fünf Ministern auf dem Flugfeld. Der Staats- und Partei-Chef, als Mercedes-600-Fahrer mit westdeutschem Industrie-Design vertraut, wollte das Bremer Flugzeug sehen. Flankiert von den VFW-Fokker-Managern Eggers und Wenck durfte Konstrukteur Rolf Stüssel, bekanntester Schnellredner der Branche, dem Balkanesen das Flugzeug aus dem Norden demonstrieren. Mit Ministern zog Technik-Fan Ceaucescu kurz nach neun ab.
Schon eine Stunde später hatte der Parteichef, so wollen Insider wissen, das Thema VFW-Fokker auf der Tagesordnung des Ministerrates. Von seinem persönlichen Berater Gheorghe Oprea bekam die Crew aus Deutschland dann einen neuen Hinweis, die Abreise zu verschieben. »Sie werden«, so der Rumäne, »nicht ohne Erfolg nach Hause fahren.« Der Erfolg: Rumäniens Ceaucescu möchte mit dem VFW-Focker-Konzern eine langfristige Zusammenarbeit beginnen. Um Devisen zu sparen, will Ceaucescu die Vögel aus dem Westen aber nicht nur importieren, sondern später auch montieren.
Als Muster für künftige Kooperation zeigten die Rumänen den Abgesandten aus Deutschland zwei heimische Flugzeugfabriken: In Bukarest montieren die Rumänen monatlich fünf Exemplare des zehnsitzigen britischen Propeller-Flugzeugs »Islander«; in Brasov, dem einstigen Kronstadt, bauen sie in Lizenz den französischen Alouette-Hubschrauber.
Den Managern des Bremer Luft-Unternehmens, das bisher nur 26 Optionen auf sein bald serienreifes Flugzeug erhielt, eröffnet das Geschäft mit den Rumänen die Vision eines zweiten Produktions- und Vertriebszentrums, mit dessen Hilfe sie die zum Verdienen nötige Mindeststückzahl von 250 VFW614-Flugzeugen erreichen könnten.
»Hier sehen wir eine Chance«, frohlockte VFW-Fokker-Geschäftsführer Fritz Wenck. Doch Rolf Stüssel, Leiter des einst krisenreichen VFW-614-Projekts, will von Visionen noch nichts wissen: »Im Augenblick ist alles im Embryonalzustand.«