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Fusion So fair

Vor drei Wochen dementierte Thyssen-Chef Sohl eine SPIEGEL-Meldung, daß er sich für Rheinstahl-Aktien interessiere. Vergangene Woche verkündete Sohl, Thyssen wolle die Rheinstahl-Mehrheit erwerben.
• aus DER SPIEGEL 9/1973
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Im Haus chez »Alu'etern im verschneiten St. Moritz trafen sich am Mittwoch vorletzter Woche drei Industrielle aus dem Revier. Als sie zu später Stunde in der Via Laret auseinandergingen, hatten sie sich zu einer der größten Transaktionen der deutschen Industriegeschichte verschworen.

Die drei Herren - Thyssen-Generaldirektor Hans-Günther Sohl, 66, sein designierter Nachfolger Dieter Spethmann, 46 (siehe Interview Seite 61), und Rheinstahl-Chef Toni Schmücker, 51 - waren am neutralen Ort übereingekommen, die Ruhr-Konzerne Thyssen (Firmenkürzel: ATH) und Rheinstahl zu einem riesenhaften Stahl-Imperium zu verschweißen.

Vergangene Woche verkündeten die Eidgenossen vom Rhein, daß die Duisburger August Thyssen-Hütte (Umsatz 1972: elf Milliarden Mark) 51 Prozent des Kapitals der um die Hälfte kleineren Rheinstahl AG in Essen (Umsatz: 5,8 Milliarden Mark) aufkaufen will. Beschwichtigte Rheinstahl-Chef Toni Schmücker·. »Bei einer solchen großen Sache gibt es keine Sieger und Besiegten.«

Das geplante Konzentrationsmanöver. für das Thyssens Spethmann frühzeitig auf einem Blitzbesuch bei den Kartellbeamten der EWG-Kommission in Brüssel um gut Wetter gebeten hatte, bringt einen Industriekoloß zustande. dessen Umsatz von rund 17 Milliarden Mark nur wenig unter dem des Volkswagenwerkes liegt und der mit 160 000 Beschäftigten in Deutschland ebenso viele Arbeitnehmer bezahlt wie der Wolfsburger Auto-Konzern. Auf der Rangliste der deutschen Industrieunternehmen würde sich das Sohl-Kombinat von Platz sieben auf Platz zwei vorschieben - vorbei an Bayer, Daimler, BASF, Hoechst und Siemens.

Gleichzeitig erweitert Thyssen-Chef Sohl den Vorsprung seiner Gruppe vor den anderen Stahl-Konzernen wie Krupp und Klöckner, Salzgitter und Hoesch und verschafft sich zudem mehr Unabhängigkeit von der wechselhaften Stahlkonjunktur: Mit Rheinstahl kaufte sich Sohl in Verarbeitungsbranchen wie Maschinenbau, Schiffbau und Edelstahl ein.

»Ein solches Angebot kommt nie wieder«, lockte Konzern-Architekt Sohl Mitte vergangener Woche die Aktionäre des Essener Partners mit einer inzwischen bei Kleinaktionären und Börsenjobbern heftig umstrittenen Offerte: Der Thyssen-Manager will für eine Rheinstahl-Aktie im Nennwert von 100 Mark 125 Mark Abfindung zahlen. Sollte er aber binnen drei Wochen die von ihm gewünschten 51 Prozent der Rheinstahl-Aktien nicht in die Hand bekommen, will er kein neues, also auch kein höheres Angebot nachschieben. Drohte Sohl Mitte vergangener Woche: »Eher werden wir die Sache abblasen.«

Das »faire Angebot« (Schmücker) ist für den Dortmunder Kleinaktionär Kurt Fiebich denn auch »ein reiner Betrug am kleinen Mann und einer der größten Skandale der Nachkriegszeit«. Und der Hamburger Hauptversammlungs-Opponent Hans-Jörgen Jensen, der Toni Schmücker schon mit dem Rechtsanwalt drohte, ereiferte sich: »Der Sohl bekommt Rheinstahl für einen Appel und ein Ei?

Börsendienste und Anlageberater errechneten nämlich, daß allein der Grundstückswert der Rheinstahl-Besitzungen einen Aktienkurs von 200 Mark rechtfertige.

Demgegenüber behaupten die Thyssen-Manager, daß sie durch heimliche Börsenaufkäufe wesentlich billiger als zum jetzigen Angebot in den Besitz der Rheinstahl-Mehrheit hätten kommen können: Im vergangenen Jahr notierte die Rheinstahlaktie im Durchschnitt immerhin nur zu 85 Punkten. Spethmann: »Und da soll unser Angebot nicht fair sein?«

Erbost sind die Opponenten vor allem, weil Thyssen-General Sohl auf eine SPIEGEL-Veröffentlichung vom 5. Februar über das heimliche Engagement von ATH bei Rheinstahl mit einem Dementi antwortete, das in der Öffentlichkeit als völliges Desinteresse von Thyssen an dem Essener Unternehmen gedeutet wurde.

So allerdings wollte es Aufkäufer Thyssen auch gewertet wissen: Der seit Januar gradlinig von 80 auf 106 Mark gekletterte Rheinstahl-Kurs sollte wieder unter den Nennwert sinken. Er sank allerdings nur zwei Wochen lang - bis zur Einigung in der Via Laret. Dann trieben Insiderkäufe den Kurs erneut nach oben. Folgerte die »Frankfurter Rundschau": »Insider stießen sich gesund.«

Die Aktienkäufe der Informierten machten sogar den Düsseldorfer Börsenvorstand und die Konzernzentralen von Thyssen und Rheinstahl scharf. Alle drei fahnden nach Informanten, die das Ziel der Thyssen-Rheinstahl-Verhandlungen vorzeitig preisgaben. Thyssen-Kronprinz Dieter Spethmann teilte dem Düsseldorfer Börsenvorstand sogar in einem Brief ganz förmlich mit, daß die Vorabinformationen der Spekulanten nicht aus dem Hause Thyssen kommen könnten.

Die Gespräche zwischen den Top-Managern der beiden Konzerne hatten jedoch schon Ende des vergangenen Jahres begonnen - beschleunigt durch unerklärbare Massen-Aufkäufe von Rheinstahl-Aktien. Allein 1972 wurden 77 Prozent des Rheinstahl-Grundkapitals von 470 Millionen Mark an den deutschen Börsen umgewälzt. Und in den ersten Monaten dieses Jahres wechselten nochmals fast 50 Prozent des Kapitals die Besitzer. »Wir mußten handeln, so Toni Schmücker vor Freunden, »bevor die Dinge außer Kontrolle gerieten.«

Bei seinem trickreichen Abfindungsangebot kann Thyssen-Chef Sohl freilich einkalkulieren, daß viele Rheinstahl-Aktionäre in dem Konzern-Verbund Vorteile erkennen. Ohne den Duisburger Stahl-Trust nämlich könnte Schmückers Essener Gemischtwarenladen die dringend nötige Kapitalspritze von seinen Aktionären kaum bekommen und würde gegenüber der Konkurrenz schrumpfen - zu Lasten des Aktienkurses.

Größer freilich sind die Vorteile für Thyssen. Der Stahl-Konzern löst sich mit dem Rheinstahl-Kauf von seiner bislang geübten Politik der Stahl-Monokultur, die Chef Sohl noch 1970 durch den Tausch seiner Röhrenwerke gegen die Rohstahlproduktion von Mannesmann perfekt vorführte.

Jetzt aber spürt Sohl die Auswirkungen der weltweiten Stahlflaute unmittelbar in der Kasse. Mit Hilfe der Rheinstahl-Anlagen kann Sohl nun eilig ein neues Unternehmenskonzept durchsetzen: Künftig wird sein Konzern zunehmend in der weiterverarbeitenden Industrie investieren und neue Stahlbasen nur noch im kostengünstigeren Ausland aufbauen.

So will Thyssen an der brasilianischen Küste ein neues Werk hochziehen. das später ebensoviel Stahl schmelzen soll wie derzeit die ATH in Duisburg - über zwölf Millionen Tonnen.

Überdies kam Sohl mit dem französischen Konzern Wendel-Sidelor überein, an der Mittelmeerküste bei Marseille ein gemeinsames Stahlwerk in der gleichen Größenordnung hinzustellen. Im Inland dagegen soll die Stahlproduktion nicht mehr erweitert, sondern nur noch rationalisiert werden. Spethmann: »Gehirn-Investitionen«.

Nach dem letzten und größten Coup seines Unternehmerdaseins gab der demnächst zur Pensionierung anstehende Thyssen-Chef Sohl eine ganz neue Erkenntnis zum besten: »Ich möchte betonen, daß Größe kein Unternehmensziel der ATH ist, sondern Wirtschaftlichkeit.

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