Sogar die Totengräber
Pro Tag 350 Millionen Francs hat der französische Ministerpräsident Ramadier für Frankreich gespart, als er am Mittwoch durch seine Unterschrift unter das Abkommen mit der Eisenbahngewerkschaft den Generalstreik der Eisenbahner beendigte. Seit Donnerstag früh rollen in Frankreich die Räder wieder.
Von den 15 000 Pariser Taxis waren in den letzten Tagen nur wenige in der Hauptstadt zu sehen. »Schwarztaxifahrer« hatten sich ein gutes Geschäft daraus gemacht, englische Ferienreisende, die in Paris festsaßen, nach den Kanalhäfen zu befördern. Fahrpreis 100 Pfund.
Der Erfolg der Eisenbahner läßt den Streikbazillus auf andere französische Berufsgruppen überspringen. Jetzt drohen die 400 000 Männer der Metallarbeitergewerkschaft mit Streik. Sie verlangen von der Regierung die sofortige Bearbeitung ihrer Lohnforderungen. Dasselbe sagen die Feuerwehrleute, die Einzelhändler und sogar die Totengräber.
Ramadier sitzt in der Klemme. Das Preissenkungsexperiment Leon Blums ist nicht ganz geglückt. Die französischen Arbeiter fordern allgemein die Erhöhung der Minimallöhne von 7000 Francs brutto monatlich. Ramadier gestand 7000 Francs netto zu. Dazu Lohnsteuerfreiheit für die Mindestlöhne. Die Arbeiter geben sich damit nicht zufrieden.
Die Regierung kann keine weiteren Zugeständnisse machen, ohne den mühsam ausgeglichenen Staatshaushalt durcheinanderzubringen. Allein die Bewilligung der Lohnforderungen der Eisenbahner kostet Frankreich Jährlich 25 Milliarden Francs.
Der Feldherr Ramadier in der »Bataille du Franc« hat Mühe, seinen teilweisen Rückzug zu decken. Die parlamentarische Gruppe der Sozialisten sprach ihm für seine weiteren Entscheidungen einstimmig das Vertrauen aus. Einstimmig deshalb, weil die kommunistischen Mitglieder seit einem Monat nicht mehr in der Regierung sind.
Den Kommunisten sind die Streiks nicht unangenehm. Trotzdem wollen sie nicht damit in Verbindung gebracht werden. Der kommunistische Generalsekretär Jacques Duclos dementiert in einer öffentlichen Erklärung empört die Beschuldigungen, nach denen »die Kommunisten Drahtzieher der Streikbewegung sind, um wieder in die Regierung zu kommen«.