Sorge um US-Wirtschaft Die Rätsel-Rezession
New York - Vor ein paar Wochen noch war es das Wort der Stunde. Das berüchtigte "R-Wort" - R wie Rezession. Denn darin waren sich die meisten Insider einig: In den USA sei der Abschwung "keine Vorhersage mehr, sondern aktuelle Realität". So sagte es David Rosenberg, Chefökonom des Wall-Street-Hauses Merrill Lynch für Nordamerika, als Erster von allen. Ihm folgten bald die Kollegen bei Morgan Stanley , UBS und Goldman Sachs .
Der Investmentguru George Soros sah die US-Wirtschaft gar noch im April am Abgrund, sprach von der "schlimmsten Krise zu meinen Lebzeiten". Das war in der Woche, da er sein neuestes Buch vermarktete, das sich genau mit diesem Thema befasste.
Neuerdings relativiert Soros seine Sprüche freilich wieder: Auch wenn die wirtschaftlichen Folgen der weltweiten Finanzkrise in den USA noch lange spürbar seien - die "akute Phase" liege schon "weitgehend hinter uns", sagte er auf einer Podiumsdiskussion in Washington. Und er ist nicht der einzige, der seine drastischen Warnungen zurücknimmt.
Ex-Notenbankchef Alan Greenspan hatte der US-Konjunktur im gleichen Monat wie Soros attestiert, sie stecke in der "schlimmsten Krise" der Nachkriegszeit. Nun erklärt er Bloomberg News, für den Rest des Jahres werde zwar Stagnation herrschen - doch seien zum Beispiel die Jobverluste "nicht so schwer wie erwartet".
Jay Bryson, Chefökonom der Großbank Wachovia, brachte es im "Wall Street Journal" auf den Punkt: "Vor ein paar Monaten noch schien es, als stünden wir am Rande des Abgrunds." Doch die Dinge hätten sich geändert. "Die Zahlen, die wir sehen, sind nicht so schlecht, wie wir es noch vor ein paar Monaten angenommen hatten."
Erleichterung macht sich breit in den USA. "Meiner Meinung nach sind wir näher am Ende der Marktturbulenzen als am Anfang", sagte US-Finanzminister Henry Paulson in der vergangenen Woche und prophezeite sogar eine "Erholung des Immobiliensektors". Diese Haltung allerdings teilen nicht einmal die Optimisten unter den Ökonomen.
"Der Verbraucher hat seinen Geist noch nicht ausgehaucht"
Fest steht: Die jüngsten US-Wirtschaftsdaten fielen insgesamt weit weniger schlimm aus als befürchtet. Die Umsätze im Einzelhandel waren im April - mit Ausnahme der Kfz-Branche - überraschend stabil, Arbeitsmarkt und Verbraucherausgaben ebenfalls. "Der Verbraucher hat seinen Geist noch nicht ausgehaucht ", schreibt Joel Naroff, der Chefökonom der Commerce-Bank.
Die Zahlen von Wal-Mart scheinen diese Analyse zu bestätigen: Der Top-Discounter und weltgrößte Einzelhändler meldete im ersten Quartal 2008 einen Gewinnanstieg von fast sieben Prozent. Vorstandschef Lee Scott zeigte sich "sehr zufrieden".
Auch Aktien- und Kreditmärkte scheinen sich zu erholen. Nicht zuletzt dank des massiven Eingreifens der US-Zentralbank. Sie hatte die Leitzinsen seit September von 5,25 Prozent schrittweise auf 2,0 Prozent gekappt und den Notverkauf der kaputten Wall-Street-Traditionsbank Bear Stearns an JPMorgan Chase maßgeblich mit eingefädelt.
Die Federal Reserve, schreibt Goldman-Chefökonom Jan Hatzius, habe damit verhindert, dass das gesamte "Finanzsystem implodiert". Es wird angenommen, dass die Fed nun eine Zinspause einlegt, um die Konsequenzen in Ruhe zu begutachten und auch den Effekt des staatlichen Konjunkturprogramms abzuwarten, das dem Einzelhandel weiter helfen soll.
Ob dies wirklich die Krise zu einem Ende bringen kann - dies ist genauso mit Vorsicht zu betrachten wie zuvor die Weltuntergangsprognosen. Rezessionen werden bekanntlich erst im Nachhinein korrekt diagnostiziert.
Außerdem gibt es immer noch genügend Warnzeichen. In Meinungsumfragen geben die US-Verbraucher trotz ihrer stabilen Ausgaben an, das Vertrauen in das US-Wirtschaftssystem weitgehend verloren zu haben. Die Lebenshaltungskosten steigen, getrieben durch die Preise für Lebensmittel und Benzin. Und die Immobilienpreise fallen immer noch.
Bernanke mahnt zur Vorsicht - Lage "fragil"
Manche Experten bleiben daher pessimistisch. Ob sich eine Rezession vermeiden ließe, fragte das "Wall Street Journal" zum Beispiel den Fed-Chef in Minneapolis, Gary Stern. Seine klare Antwort: "Nein." Lehman-Brothers-Ökonom Drew Matus drückt es so aus: "Ich denke, dass die Probleme erst anfangen."
Auch der oberste US-Notenbanker Ben Bernanke mahnt zu Vorsicht: "Zu diesem Zeitpunkt sind die Konditionen in den Finanzmärkten alles andere als normal", sagte er in der vergangenen Woche. Die Lage bleibe "fragil". Mehr Klarheit über die Meinungslage in der Zentralbank dürften die Protokolle der letzten Sitzung des Fed-Offenmarktausschusses (FOMC) von Ende April bringen. Diese werden mit der üblichen Verspätung am Mittwoch veröffentlicht.
Die Ökonomen Manoj Pradhan und Joachim Fels von Morgan Stanley schrieben kürzlich in einem Bericht, sie sähen in den USA jetzt schon viele Merkmale der "großen fünf" staatlichen Finanzkrisen der jüngeren Weltgeschichte: Spanien (1977), Norwegen (1987), Finnland und Schweden (1991) und Japan (1992). "Querbeet wird es wahrscheinlich noch mehr Schmerzen geben."
Vor allem der Vergleich mit Japan sticht. Sollte er zutreffen, stünde den USA wirtschaftlich ein verlorenes Jahrzehnt bevor.