Automobile Soviel Liebe
Ferdinand Alexander Porsche, Verantwortlicher für das Styling-Kleid des Porsche 911 und einer der zehn Aktionäre der Stuttgarter Porsche AG, träumt von einem Automobil, das nicht Porsche heißt. »Mein Traumauto«, gestand er unlängst ein, »ist eigentlich ein Jaguar.«
Das jüngste Produkt der britischen Nobelauto-Firma konnte Professor Porsches Enkel letzte Woche auf der »Internationalen Automobilausstellung« zu Frankfurt am Main besichtigen: das Luxus-Coup~ Jaguar XJ-S, Gegenstück der Autofabrikanten aus Coventry zum feudalen Mercedes-Benz 450 SL-Coupé. »Mit Absicht«, so verkündete British-Leyland-Manager Albert Lawrence, »haben wir die Premiere unseres neuen Modells auf die deutsche Autoschau gelegt -- denn Mercedes-Benz ist auf allen Märkten der Welt unser Rivale Nummer eins.«
Der neue Jaguar ist wohl der stärkste und teuerste, nicht aber der einzige neue Mercedes-Konkurrent. Denn zugleich haben sich auch auf dem wieder wachsenden Markt der Luxuslimousinen zusätzliche Mercedes-Gegner erhoben, die sich erstmals dem deutschen Publikum vorstellten: Auf ihren dicht umlagerten Ständen präsentierten General Motors den auf europäisches Maß getrimmten Cadillac Seville als »Anti-Mercedes«, die französische Firma Peugeot ihr Modell Peugeot 604 als Gala-Flaggschiff ihrer Typen-Flotte.
Bisher haben sich die Stuttgarter abseits der Reservate von Rolls-Royce und einiger »Exoten« ihre Domänen von niemandem streitig machen lassen. Opel zum Beispiel war mit seinem technisch zweifellos hochwertigen Achtzylinder-»Diplomat« gescheitert.
Mit spritzigen Sechszylinder-Modellen bis hinauf zur Dreiliter-Klasse war dem Konkurrenten BMW vor Jahren zwar ein kurzfristiger Einbruch gelungen. »Aber als unsere S-Klasse kam«. so ein Mercedes-Manager, »da waren die weg.«
Gleichwohl rechnen sich die Peugeot-Manager mit ihrem piekfein und solide gearteten Peugeot 604 V 6 SL Chancen aus, für manchen potentiellen Mercedes-Kunden eine Alternative zu bieten. Zwar ist der Wagen vergleichsweise maßvoll motorisiert (2,7 Liter; 136 PS; 182 km/h), aber aufgrund seines Preises (22 300 bis 26 252 Mark, je nach Ausstattung), so meinen die Franzosen, nehmen ihn die Käufer als »das andere Auto« in die engere Wahl. Obwohl Frankreichs Regierung den Wagen zur Staatskalesche erkoren hat, fürchten ihn die Schwaben nicht: »Bis der richtig kommt, bieten auch wir in der Klasse einiges Neues und überrollen ihn.«
Größeres Kaliber in jeder Hinsicht hat Seville, der neue, kleine Cadillac, mit 5,18 Metern um 70 Zentimeter kürzer als ein herkömmlicher Cadillac. Ein 180 PS starker Achtzylinder-Motor (Hubraum: 5,7 Liter) beschleunigt das protzig-elegante Gefährt auf mehr als 190 km/h. Mit seiner üppigen Ausstattung und seinem Preis von 44 800 Mark konkurriert er direkt gegen den zum Schnapsnummer-Preis von 44 444 Mark angebotenen MB 450 SEL (4,5 Liter-Achtzylinder, 225 PS, 210 km/h). Seine grobgerippte Wabenkühler-Attrappe, große Mode allerorten in Amerika, provozierte bei den Stuttgarter Urvätern des Wabenkühlers bereits Schmähworte: »Der ist, wie wenn ein schlechter Schauspieler den Adolf Hitler spielen will.«
Am meisten Gefahr droht den Stuttgartern indes durch den neuen Jaguar XJ-S. Zwar konkurriert er als Sport-Coupé in einem Markt, auf dem sich Daimler-Benz mit seinen SL-Coupés fest etabliert hat -- in Deutschland beispielsweise hatte die Stuttgarter Firma ihre Verkaufszahl des Vorjahres (1332 Stück) dieses Jahr schon nach acht Monaten übertroffen. Und der neue Jaguar ist mit 54 200 Mark um 11 200 Mark teurer als das MB 350 SL-Coupé und kostet immerhin auch noch 6900 Mark mehr als das 450 SL-Coupé.
Dafür aber hat der »Wagen für die Elite« (so Jaguar) viel zu bieten. Obwohl er als Nachfolger des vielgerühmten E-Type-Sportwagens gilt, entpuppte er sich als schnittiges, viersitziges Reise-Coupé. Die Techniker haben dem Auto aus Coventry überdies eine vollautomatische Klima-Anlage serienmäßig eingebaut. Sogar sein Kofferraum, wozu auch immer, ist belüftet.
Von seinem Vorgänger hat der Jaguar XJ-S im Grunde nur die außergewöhnlichen Fahrleistungen übernommen. Der vielerprobte Zwölfzylindermotor (Hubraum: 5,3 Liter), mit 287 PS noch um ein Pferd stärker als der stärkste (6,9-Liter-)Achtzylindermotor von Mercedes, ermöglicht 241 km/h. Jaguar behauptet, der XJ-S fahre nicht nur schneller, sondern auch sparsamer und dennoch temperamentvoller als seine Konkurrenten.
Um den Erfolg zu sichern, will Jaguar zudem jene Hemmnisse beseitigen, die auf fast allen Auslandsmärkten die Autos der Muttergesellschaft British Leyland am Fortkommen gehindert haben. Das Händler- und Service-Netz soll erweitert, rasche Ersatzteilversorgung gesichert, ein 24-Stunden-Service bei ausgewählten Händlern eingerichtet werden.
»Er braucht soviel Liebe, um ihn trotz all seiner Schwierigkeiten auch noch wirklich zu fahren«, begründete Porsche-Stylist Ferdinand Alexander Porsche sein heimliches, inniges Verhältnis zum Jaguar, und umschrieb zugleich die bisherige Crux dieser Autos.
Darum wohl fährt er auch keinen Jaguar, nicht mal einen Porsche. Professor Porsches Enkel fährt einen roten Mercedes-Benz 450 SE.