Soviel Poker - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 22 / 71

ÖLPREISE Soviel Poker

Schon bevor das Opec-Kartell diese Woche neue Preise beschließt, mault am Ölmarkt jeder über jeden: Konzerne, Kunden und Kartellisten fühlen sich wechselseitig übervorteilt.
• aus DER SPIEGEL 39/1975
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mindestens zwei zusätzliche Pfennige, räsonierte Shell-Finanzchef Heinz Roedenbeck im Mai, als die Heizölpreise wankten, brauche die Ölindustrie pro Liter verkaufter Ware, wolle sie aus den Verlusten heraus.

Auf mindestens fünf Pfennig je Liter veranschlagte Roedenbecks Vorstandsvorsitzender Johannes C. Welbergen den Fehlbetrag im Öl-Busineß, als Mitte Juli auch die Benzinpreise bröckelten.

Wenigstens sieben Pfennig mehr als bisher meldete Welbergens Konkurrent Wolfgang Oehme von Esso im August an: Die Ölindustrie, so der Esso-Mann, müsse außer dem Tagesgeschäft auch die notwendigen Investitionen noch bezahlen.

Mit Preisbeschwörungen solcher Art wollten die Ölmanager aus einer Klemme, der sie sich seit Anfang des Jahres ausgesetzt sehen. Mit mindestens einer Million Mark pro Tag war, so BP-Chef Albert Hallmann, jeder der großen Ölkonzerne während der ersten Jahreshälfte auf dem deutschen Markt ins Defizit gefahren. Mit ungewohntem Nachdruck aber verlangten die Muttergesellschaften in New York, Den Haag und London jetzt von ihren deutschen Statthaltern, die nahezu chronische Verlustserie im Ölgeschäft endlich zu stoppen.

Regelmäßig seit 1969 nämlich meldeten die deutschen Töchter der Ölmultis Millionenverluste in ihrem Stammgewerbe an. Gewinn zogen sie aus lukrativen Nebengeschäften wie Erdgas, Chemie, Schiffahrt und seit Ende 1973 auch aus der Förderung deutschen Erdöls, das den Opec-Preisschub

nicht nachvollzog. Mitte dieses Jahres aber saßen die deutschen Töchter der Big Oils so tief in der Bredouille wie selten:

* Industrieheizöl -- ein Raffinerieprodukt -- fiel um 60 Mark unter den Einstandspreis des Rohöls,

* Haushaltsheizöl fiel auf Tarife vor der Ölkrise, als Rohöl noch ein Viertel des gegenwärtigen Preises kostete,

* Benzin war in solchen Mengen auf dem Markt, daß im Frühjahr versuchte Preiserhöhungen nicht verschlugen,

* die Geschäfte mit der Schiffahrt und der Chemie wurden defizitär. Auf 30 Mark je Tonne bezifferten die Ölmultis die Verluste ihrer deutschen Töchter im Ölgeschäft. Öfter als sonst wurden den deutschen Ölgenerälen beim Rapport die Schwesterunternehmen in Frankreich, Großbritannien, Skandinavien und den Niederlanden vorgehalten: Dort sprudeln verläßliche Gewinne, weil der Energiemarkt staatlich reglementiert ist. Die Folge: Benzin und schweres Heizöl sind kaum irgendwo so billig wie in Deutschland.

Im August endlich sahen auch die Deutschen ihre Chance. Weil die Raffinerien wegen des lahmen Absatzes von Industrieheizöl nur zu 60 Prozent ausgelastet waren, wurde leichtes Heizöl für die Verbraucher knapp: Die Preise schossen um zehn Pfennig nach oben. Schon bei Benzin aber klappte das Geschäft nicht mehr so recht. Als die Großen -- von Veba und BP gezogen -- Anfang September den Benzinpreis um drei Pfennig erhöhen wollten (IG-Metall-Chef Eugen Loderer: »Gangstermethoden"), machte der Konsument nur bis zu zwei Pfennig mit.

Das aber genügt den Chefs der Ölmütter nicht, denn Gröberes noch droht im Herbst. Am 24. September treffen sich die Abgesandten der im Opec-Kartell vereinten Ölförderländer in Wien, um neue Rohölpreise zu beschließen. Schon diese Woche, so fürchtet das Ölmanagement, müssen die Konzerne der Kundschaft beibringen, daß. nochmals erhöhte Preise unausweichlich seien. Um wenigstens zehn Prozent, auf elf bis zwölf Dollar je Barrel nämlich, so vermuten die Ölmanager, werden die Opec-Herren den Rohölpreis jetzt erhöhen.

Wenn das Opec-Kartell den Preis aber nur um zehn Prozent klettern läßt, müssen deutsche Raffinerien zwanzig Mark je Tonne Öl zusätzlich bezahlen. Rund zwei weitere Pfennig je Liter möchten die Ölkonzerne der deutschen Kundschaft deshalb im Herbst noch einmal aufbrummen.

Schah Resa Pahlewi, Algeriens Präsident Boumedienne und Venezuelas Ölminister Valentin Hernández allerdings hatten noch im Frühsommer auf 30 bis 35 Prozent Preiserhöhung gesetzt, weil sich in diesem Ausmaß auch westliche Industrieerzeugnisse verteuert hätten. Sie scheiterten damit vor allem an Saudi-Arabiens Ölminister Ahmed Saki el-Jamani ("Wir können unsere Bedingungen allen diktieren"), dessen Land über die größten Ölquellen der Welt verfügt und das große Ölgeld am wenigsten nötig hat.

Der studierte Harvard-Ökonom Jamani hatte zunächst überhaupt keine Preiserhöhung für Rohöl fordern wollen, weil er einen weiteren Rückschlag der Weltkonjunktur fürchtete, die Saudi-Arabiens Geldverwalter sorgfältig beobachten, Im Dauerdialog mit dem Schah, der teils öffentlich ausgetragen wurde (siehe Kasten) und der am 30. August mit einem Jamani-Besuch in Teheran endete, kamen sich die beiden Ölmächtigen allmählich näher.

Dem Perser, der sich wegen seines ehrgeizigen Entwicklungsprogramms keinen Dollarstopp mehr leisten kann, wurde der Abstieg auf bescheidenere Preisvorstellungen durch den seit dem Sommer währenden Anstieg des Dollarkurses um über zehn Prozent erleichtert. Scheich Jamani und seine Araber umgekehrt können sich den Amerikanern, die den Störenfried Israel gezähmt haben, nun erkenntlich zeigen. Shell-Chef Welbergen: »Da wurde unheimlich gepokert.«

Ein besonderer Aspekt des nahöstlichen Preispokers aber ist die Sicherung des Opec-Monopols am Olmarkt. Erfreut registrierten die Opec-Gewaltigen, besonders aber ihre Führungsmacht Saudi-Arabien, daß westliche Mühen um Ersatzenergien schon abzuschlaffen begannen, als die Opec Anfang 1975 eine längere Preisgarantie für ihr Öl gab. Von Fords und Kissingers Crash-Programm, die Selbstversorgung Amerikas betreffend, ist seither kaum noch die Rede.

Die Erschließung von Ölschiefer und Ölsänden. die Vergasung und Verflüssigung von Kohle, noch vor anderthalb Jahren als große Chance der Industrieländer gepriesen, sich von den Arabern abzukoppeln, lahmen dahin. Unter zwölf Dollar je Barrel, so errechneten Fachleute jetzt, ist kein Ölsand zu erschließen, unter 20 Dollar kein Ölschiefer. 1973 noch lagen die Angaben der Experten halb so hoch. »Das Problem wird sein«, sinnierte Hans Karl Schneider vom Energiewirtschaftlichen Institut der Universität Köln, »daß wir 1985 einen Überschuß an zu teurer Energie haben.«

Denn selbst Nordsee-Öl, das noch vergangenes Jahr als sicheres Geschäft galt, wird mit jedem Bohrloch teurer. Die täglichen Bohrkosten zwischen 100 und 200 Meter Tiefe kletterten, so Esso-Oehme, seit 1973 von 48 000 auf 200 000 Mark, die Preise für Bohrplattformen von 215 auf 360 Millionen Mark. Mit ihrer Hektik hatten die Ölmanager sich selbst in die Inflation geredet.

Leicht, leichter denn je, können die nahöstlichen Ölpotentaten ihr Monopol nun festigen, wenn sie den Preis nur weit genug unten halten. Denn die Ölmultis sind strapaziert. Schon im ersten Halbjahr 1975 schmolzen die zu Supergewinnen aufgebauten Erträge der großen Gesellschaften größtenteils wieder auf den Stand von 1973: Exxon verlor 24 Prozent, Texaco 60, Mobil Oil 39, BP gar 79 Prozent, verglichen mit den Erträgen vom ersten Halbjahr 1974.

Wo die Förderländer ihnen nun nichts mehr gönnen, wollen die Ölmultis ihr Geld zunehmend von den Töchtern kassieren. Für Deutschlands Ölmanager ist klar, was das bedeutet. Gewinne im Ölgeschäft sprudeln erst, wenn der Preis für leichtes Heizöl bei 40 Pfennig und der für Benzin bei einer Mark liegt. Bekennt Esso-Oehme: »Seit die integrierten Gesellschaften ihr Geld nicht mehr am Bohrloch verdienen, müssen sie es dort holen, wo das Öl verbraucht wird.«

Zur Ausgabe
Artikel 22 / 71

Mehr lesen über