90 Jahre Hyper-Inflation - DER SPIEGEL
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Deutschland / Hyper-Inflation 1923: Hyperinflation in Deutschland 1923

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90 Jahre Hyper-Inflation Geburt eines nationalen Traumas

Die Preise steigen ins Uferlose, Hunger und Elend verheeren das Land - dann die Rettung. Vor 90 Jahren beendete Reichskanzler Gustav Stresemann in Deutschland die Hyperinflation. Doch die Angst vor der Teuerung wirkt bis heute nach. Auch in der Euro-Krise ist sie Teil der deutschen DNA.
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Berlin - Es ist ein Trauma, das bis heute nachwirkt. Es sind Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegraben haben. Im Krisenjahr 1923 erreicht die Inflation unvorstellbare Ausmaße. Die Notenpresse läuft Tag und Nacht. Die Preise explodieren. In Wäschekörben tragen die Menschen nahezu wertlose Geldscheine in die Läden.

Ein Brot kostet 105 Milliarden Reichsmark, ein Straßenbahnticket 150 Milliarden Mark, ein Dollar 4,2 Billionen Mark. Die Arbeitslosenquote liegt bei fast 25 Prozent, das soziale Elend steigt. Deutschland steht vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch. Dann endlich: die Hoffnung auf Rettung.

Die Vorgeschichte: Nach dem Ersten Weltkrieg hat die junge Weimarer Republik gewaltige finanzielle Probleme. Um den Krieg zu finanzieren, hatte Deutschland massiv Schulden aufgenommen. Dazu kommen immense Reparationszahlungen. Vor einem radikalen Sparprogramm scheut die Politik angesichts der instabilen politischen und sozialen Lage zurück. Der Ausweg: immer neue Staatsschulden. Die Notenpresse wird angeworfen. Die Geldmenge steigt - und mit ihr Risiko einer Inflation.

Dann kommt das Krisenjahr 1923. Die Lage verschärft sich: Anfang des Jahres besetzen französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, weil Deutschland mit Reparationslieferungen im Rückstand ist. Die Kohle- und Koksproduktion im Revier soll als "Pfand" gesichert werden. Die Arbeiter treten in "passiven Widerstand", die Regierung zahlt ihre Löhne nicht mehr. Die wirtschaftliche Lage wird immer schlechter. Politische Unruhen erschüttern die Republik, es gibt kommunistische Aufstände, in München scheitert am 8. November der Hitler-Putsch. Der jungen Republik droht ein Bürgerkrieg.

Firmen karren Geld mit Lastwagen heran

Der Verfall der Währung beschleunigt sich. Löhne werden bald täglich ausbezahlt, die Firmen karren das Geld mit Lastwagen heran. Wenige Stunden nach Erhalt der Lohntüte ist ihr Wert oft halbiert. "Die Mark rutschte, fiel, verlor sich im Bodenlosen", schreibt der Schriftsteller Max Krell. "Städte, Fabriken, Handelsunternehmen ließen Milliardenflocken auf die Straßen schneien." Die Preise steigen auf astronomische Höhen. Mitte November 1923 kostet ein Kilo Roggenbrot 233 Milliarden Mark, ein Kilo Rindfleisch 4,8 Billionen.

Die Löhne können dem Anstieg der Preise für Waren nicht folgen. Erspartes wird über Nacht vernichtet. Immer mehr Bauern weigern sich, ihre Produkte gegen Geld zu verkaufen. Nahrungsmittel werden knapp. Käthe Kollwitz und George Grosz malen hungernde Menschen.

Als der Dollar bei knapp 4,2 Billionen Mark steht, handelt die deutsche Politik. Am 15. Oktober 1923 unterschreiben Reichskanzler Gustav Stresemann und Reichsernährungsminister Hans Luther die Verordnung über die Errichtung einer Deutschen Rentenbank. Der Grundbesitz von Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe wird mit einer Hypothek von 3,2 Milliarden Rentenmark belastet. Am 15. November beginnt die Ausgabe der Rentenmark - als Übergangslösung und mit einem Umtauschkurs von einer Rentenmark zu 1 Billion Mark.

Zugleich wird die Notenpresse stillgelegt. Die Rentenbank gibt dem Reich keine Kredite mehr. Es kommt zu drastischen Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen. Zehntausende Staatsbedienstete werden entlassen. Der Wechselkurs stabilisiert sich, die Hyperinflation wird gestoppt. Die Bevölkerung nimmt die Rentenmark an, Experten zufolge vor allem aus einem Grund: Vertrauen.

Die Rentenmarkt sei nicht wirklich materiell unterfüttert gewesen, sagt Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser von der Universität Bielefeld. "Ihre Stabilität verdankte sie allein der Bereitschaft aller Beteiligten, sie für stabil zu halten."

Teil der deutschen DNS

Der Erfolg der Rentenmark lag vor allem daran, dass direkte Kredite der Reichsbank ans Reich unterbunden wurden, sagt Ulrich Pfister vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Uni Münster. "Der Staat durfte weniger ausgeben." Acht Monate lang dauert die Übergangszeit. 1924 dann wird wieder eine durch Gold und Devisen gedeckte Reichsmark eingeführt. Die Goldenen Zwanziger beginnen.

Das Trauma der Inflation aber bleibt. Die Hyperinflation der zwanziger Jahre sowie die Inflation nach dem Zweiten Weltkrieg fließen als Erfahrungen maßgeblich in die Gründung der Bundesbank mit ein. Geldwertstabilität wird die vorrangige Aufgabe der 1957 gegründeten Notenbank - wichtige Eckpunkte gehen später in die Europäische Währungsunion ein.

Die Inflationsraten in der Bundesrepublik sind - mit Ausnahmen Anfang der siebziger und Anfang der neunziger Jahre - moderat geblieben. Doch die Hyperinflation von 1923 habe sich "tief in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegraben", sagt der Ökonom Max Otte von der Fachhochschule Worms. Abelshauser spricht von einer "Inflationsphobie". Auch heute noch.

"Die Angst vor Inflation gehört zur deutschen DNS", schrieb der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Professor Thomas Straubhaar, in der "Welt". Dabei sei Inflation momentan kein Thema - angesichts einer Inflationsrate von 1,2 Prozent.

ssu/dpa