Braunkohle: Pro-Kohle-Demo am Tagebau Hambach - DER SPIEGEL
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Pro-Kohle-Demo am Tagebau Hambach "Seit wann ist eigentlich ein Baum mehr wert als ein Mensch?"

Wochenlang bestimmten Umweltschützer das Bild rund um den Tagebau Hambach. Bei der ersten großen Pro-Kohle-Demo kam nun die andere Seite zu Wort - mit prominenter Unterstützung.
Demonstration von Kohlebefürwortern
Demonstration von Kohlebefürwortern

Demonstration von Kohlebefürwortern

Foto: Christophe Gateau/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Kunst der Emotionalisierung - Umweltschützer beherrschen sie perfekt, das haben sie in den vergangenen Wochen im Streit um den Hambacher Forst oft bewiesen. Seit Mittwoch ist klar, dass auch Bergleute recht genau wissen, dass es längst nicht mehr nur um gute Argumente geht, dass man mehr braucht, um wahrgenommen zu werden.

Auf einer Wiese im Ort Elsdorf im rheinischen Revier steht an diesem Vormittag ein Bergmann mit einer RWE-Jacke. Er hält ein großes Schwarz-Weiß-Foto seiner Töchter nach oben, er hat es an eine lange Holzlatte geklebt. Neben dem Bild hat er ein Banner angebracht, darauf steht: "Nehmt unserem Papa den Job nicht weg! Nehmt uns nicht unser Zuhause weg!" Der Papa hat seine beiden Mädchen auch gleich mitgebracht zur Demonstration. Sie sind sechs, vielleicht sieben Jahre alt, sitzen in einem Campingstuhl und müssen in ihre Trillerpfeifen pusten, wenn Papa das Kommando gibt.

Die Gewerkschaften IG BCE und Ver.di haben zur Großdemonstration im rheinischen Revier aufgerufen. Das Motto: "Ohne gute Arbeit kein gutes Klima." Etwa 20.000 Kohlebeschäftigte sollen sich dem Protestzug angeschlossen haben, das teilten die Veranstalter mit. Die Bergleute trafen sich am Mittwochmorgen in Bergheim. Dort kam die Kohlekommission zu einer Sitzung zusammen, die Expertenrunde also, die im Auftrag der Bundesregierung einen Zeitplan für den Kohleausstieg auslotet.

Grundsatzstreit wird hier ausgetragen

Kurz vor 12 Uhr versammeln sich die Demonstranten auf der Wiese in Elsdorf für eine Kundgebung, nur ein paar Hundert Meter entfernt vom Tagebau und vom Hambacher Forst, dem derzeit wohl umstrittensten Fleck Land in Deutschland. Rund um den 200 Hektar großen Wald wird ein Grundsatzstreit ausgetragen, es geht um die Bekämpfung des Klimawandels und die Zukunft der Braunkohle. Der Energiekonzern RWE möchte die Bäume für seinen angrenzenden Tagebau fällen, doch das Oberverwaltungsgericht in Münster verhängte einen vorläufigen Rodungsstopp.

Zuletzt waren es fast ausschließlich die Umweltschützer, die am Hambacher Forst den Ton bestimmten. Knapp 200 Aktivisten hatten im Wald Baumhäuser gebaut, in denen sie lebten und die Arbeiten von RWE sabotierten. Die Demonstration der Bergleute ist nun eine Art Gegenschlag im Kampf um die Aufmerksamkeit, um die Deutungshoheit und die Gunst der Politiker und Experten in der Kohlekommission.

Die meisten Protestler sind in ihren orangefarbenen Arbeitsjacken zur Demo gekommen, viele haben das RWE-Logo auf der Brust. Ein paar von ihnen haben leere Wasserkanister mitgebracht, auf die sie mit Holzknüppeln eindreschen. Auf einem Banner steht: "Begrabt die Kohle, begrabt die Region!" Jemand hält eine Deutschlandfahne hoch, auf die drei Bananen aufgedruckt sind. Die Botschaft: Wir leben in einer Bananenrepublik.

Im rheinischen Revier sind knapp 10.000 Menschen in den Tagebauen und den angeschlossenen Kraftwerken beschäftigt, doch schon seit Jahren werden Arbeitsplätze abgebaut. Dementsprechend schlecht ist die Stimmung.

Ein paar Mitarbeiter von Greenpeace verteilen am Rand der Wiese Flugblätter. "Klimakrise geht alle an", steht darauf. Ein Demonstrant ruft den Umweltschützern zu: "Ihr habt ja echt Eier, hier aufzutauchen." Ein anderer aus dem Protestzug knüllt das Flugblatt ungelesen zu einer Kugel zusammen und wirft sie einem Greenpeace-Mitarbeiter an den Kopf.

Unverständnis auf beiden Seiten

Ein paar Meter weiter steht Matthias Jansen, 27, vor einem Transparent. "Stabiler Strom? Blackout kann tödlich sein", steht darauf. Jansen trägt Dreitagebart, auf dem Kopf hat er eine Basecap. Er ist seit sieben Jahren Elektriker bei RWE, er hält die Braunkohlebagger im Tagebau instand.

"Mir ist schon klar, dass ich diesen Job wohl nicht bis zur Rente machen werde", sagt Jansen, "ich bin ja nicht naiv." Er sei auch durchaus dafür, dass die Klimaziele eingehalten werden. Und trotzdem verstehe er nicht, warum der Kohleausstieg nun "Hopplahopp" gehen solle, sagt er. "Warum müssen wir das so abrupt machen, wenn es noch keine standfesten Stromkonzepte für die Zeit nach der Kohle gibt? Warum jetzt schon, wenn an den Unis die Forschungen zu neuen Speichertechnologien noch längst nicht abgeschlossen sind? Ich verstehe nicht, dass sich die Politiker von den Kohlegegnern so treiben lassen."

Armin Laschet, Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens

Armin Laschet, Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens

Foto: WOLFGANG RATTAY/ REUTERS

Auf einer Bühne am Ende der Wiese tritt nun der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet, CDU, ans Mikrofon. Wo komme künftig bezahlbarer Strom her, das sei die große Frage, vor allem für die Industrie, sagt Laschet. "Dem Weltklima ist ja nicht gedient, wenn unsere Industrie ins Ausland abwandert." Applaus.

Es sei gut, dass mittlerweile nicht mehr diejenigen die Meinung im Land bestimmten, die Polizisten angreifen würden, sagt Laschet. Damit meint der Ministerpräsident die Aktivisten im Hambacher Wald. Laschet gibt sich als Unterstützer der Bergleute, doch dann verwechselt er in seiner Rede Braunkohle mit Steinkohle. Wer unter den Demonstranten bislang genickt hat, zieht jetzt verwundert die Augenbrauen hoch.

Die Kumpel fühlen sich herabgesetzt

Es treten nacheinander Lokalpolitiker, Gewerkschafter und Mitglieder der Kohlekommission auf die Bühne. Der Tenor in ihren Reden ist meist derselbe: Hier auf der Wiese würden anständige Leute stehen, die anständige Jobs hätten. Niemand müsse sich dafür schämen, im Bergbau zu arbeiten, alles ehrliche Menschen, die Deutschland zum Exportweltmeister gemacht hätten. Man merkt: Wer im Braunkohletagebau beschäftigt ist, muss sich in diesen Tagen ganz offenbar herabgesetzt fühlen, mitunter auch erniedrigt.

Michael Vassiliadis, der Vorsitzende der IG BCE, drückt es so aus: "Wir wurden zuletzt behandelt, als würden wir Giftgas produzieren."

Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG Bergbau, Chemie, Energie

Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG Bergbau, Chemie, Energie

Foto: Christophe Gateau/ dpa

Vassiliadis gehört zu den 31 Mitgliedern der Kohlekommission, die sich am Mittwoch im Bergheimer Versammlungslokal getroffen haben. Die Expertenrunde sucht seit Wochen nach Lösungen für die Kohlereviere in Deutschland, für die Zeit nach dem Ausstieg. Es geht um die Frage, wie man den Strukturwandel in den Regionen hinbekommt. Bis Ende des Jahres soll die Arbeit der Kommission abgeschlossen sein. Am Donnerstag soll in Berlin ein Zwischenbericht vorgestellt werden. Darin heißt es, man müsse Wertschöpfungsketten erhalten, Besonderheiten der Regionen achten und betriebsbedingte Kündigungen vermeiden.

Die demonstrierenden Bergleute beruhigt das vermutlich kaum. Erst kürzlich sagte RWE-Chef Rolf Schmitz, dass der Rodungsstopp im Hambacher Forst Arbeitsplätze kosten werde. Der Konzern bereite sich auf einen massiven Stellenabbau vor.

"Man reißt uns den Boden unter den Füßen weg", sagt Jennifer Pelzer, 33, die sich dem Protestzug angeschlossen hat. Pelzer ist Industriemechanikerin, seit 16 Jahren ist sie bei RWE und arbeitet im Kraftwerk Neurath, das mit Kohle aus dem Tagebau Hambach versorgt wird. Pelzer erzählt von ihrer sechsjährigen Tochter, sie sei alleinerziehend, sagt sie, und habe "wirklich Angst" vor dem, was komme. Manchmal wache sie morgens mit Bauchschmerzen auf.

Hitzesommer als Alarmzeichen

Für Umweltverbände war der vergangene Sommer ein Alarmzeichen, in der Dürre, in der langen Trockenperiode sah man den Beweis, dass man endlich entschieden gegen die Treibhausgasemissionen vorgehen muss. Auch für Leute wie Jennifer Pelzer war der Sommer 2018 ein Alarmzeichen, allerdings aus einem anderen Grund.

"Es war so heiß, viele Flüsse wurden zu warm und konnten die Atomkraftwerke nicht mehr ausreichend kühlen, sodass man sie dann herunterfahren musste", erklärt sie, "da war es extrem wichtig, dass wir die Braunkohle noch haben. Das war in dieser Situation der einzige stabile Energielieferant, denn niemand wollte ja auf seine Klimaanlage zu Hause verzichten."

Vorne auf der Bühne hat sich inzwischen eine junge RWE-Mitarbeiterin das Mikrofon geschnappt. "Seit wann ist eigentlich ein Baum mehr wert als ein Mensch?", ruft sie über die Wiese. Pelzer nickt. Die Politik habe sich einlullen lassen von den Aktivisten, glaubt sie. Die Betroffenen vor Ort, sie und ihre Kollegen, würden längst nicht mehr gehört. Ihr bleibt nur die Hoffnung, dass sich das alles womöglich irgendwann mal rächt.

"In ein paar Jahren", sagt Pelzer, "müssen die Leute ihren Strom für ihr Haus dann eben selbst erzeugen, mit einem Fahrrad und einem Dynamo vielleicht, oder mit einem Hamster, den sie den ganzen Tag durch ein Rad rennen lassen." Man glaubt erst, sie meint das als Witz. Doch Jennifer Pelzer lächelt nicht, als sie das sagt.