EU-Schuldenkrise Berichte über neue Griechen-Hilfe treiben Euro-Kurs
Griechische Flagge: Hoffnung auf neues Rettungspaket
Foto: ? John Kolesidis / Reuters/ REUTERSFrankfurt am Main - Das Motto zur Zukunft Griechenlands könnte lauten: anything goes. So ziemlich alle Szenarien werden durchgespielt: vom Ausstieg des schuldengeplagten Staats aus dem Euro-Verbund über eine Umschuldung bis hin zu einem neuen Rettungspaket.
Über Letzteres berichteen am Dienstag die Nachrichtenagenturen Dow Jones und dapd. Bis zu 60 Milliarden Euro neue Hilfen könnte Athen erhalten, heißt es in dem Bericht. Schon im Juni könnte drüber entschieden werden. Die Agenturen beziehen sich auf Aussagen eines hochrangigen griechischen Regierungsvertreters. Griechenland werde möglicherweise Vermögenswerte in Staatsbesitz als Absicherung anbieten, heißt es.
Griechenland steckt in einem gewaltigen Dilemma: Das Land muss sparen, um weiter Hilfe der Euro-Partner zu bekommen. Doch die Radikalkur würgt das Wirtschaftswachstum ab - und macht damit neue Schulden notwendig. Ursprünglich sollte das Land schon 2013 wieder selbst Anleihen am Kapitalmarkt begehen. Doch die Hoffnung auf ein rasches Ende der Krise schwindet.
Den Angaben zufolge sollen die zusätzlichen Hilfen nun den Finanzierungsbedarf des Landes bis 2013 decken - und dem Land mehr Zeit für die eigene Sanierung geben. Im kommenden Jahr muss Griechenland Staatsschulden in Höhe von 27 Milliarden Euro refinanzieren, 2013 in Höhe von 32 Milliarden Euro (siehe Grafiken).
Grafiken: Die wichtigsten Fakten zur Euro-Krise
Der Euro gewinnt nach Veröffentlichung des Berichts deutlich an Wert. Die Risikoaufschläge auf griechische Anleihen sinken. Ein Vertreter des Finanzministeriums weist den Bericht indes zurück. Ein EU-Diplomat wollte die Pläne für neue Griechen-Hilfen nicht dementieren, sagte aber, es gebe darüber bisher keine formellen Verhandlungen.
Experten von EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds prüften derzeit in Griechenland routinemäßig die Lage des Landes. Jegliche Zahlen über die Höhe neuer Hilfen seien daher zwangsläufig falsch. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, Entscheidungen zu Griechenland würden erst nach der neuen Analyse der Schuldentragfähigkeit fallen.
Unter anderem äußerte sich EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny zu möglichen weiteren Hilfsmaßnahmen. Er will Griechenland mehr Zeit für die Rückzahlung seiner Schulden gewähren. Eine Umschuldung griechischer Schulden hingegen würde Griechenland und die anderen Länder der Euro-Zone schädigen, sagte Nowotny am Dienstag in Wien. Eine Umstrukturierung hätte gravierende Folgen für die griechischen Banken und das Bankensystem insgesamt. Dies würde die Krise nur beschleunigen.
Es sei in erster Linie die Aufgabe Griechenlands, seine Finanzen wieder in Ordnung zu bringen. Zur Frage, ob Griechenland weitere Kredite benötigt, wollte sich Nowotny, der als Gouverneur der österreichischen Notenbank auch im EZB-Rat sitzt, nicht abschließend äußern. Erst müsse man klarer sehen, ob das bestehende Programm aufgestockt werden müsse. Dies könnte erst in den kommenden Wochen entschieden werden.
Wirtschaftsweiser warnt vor globaler Finanzkrise
Rund ein Jahr nach Verabschiedung der 110-Milliarden-Hilfe von EU und IWF steckt das Land tiefer in der Krise als je zuvor. Die Staatsschulden sind auf rund 142 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gestiegen, die eisernen Kürzungen haben zudem die Rezession verschärft. Im vergangenen Jahr sank das Bruttoinlandsprodukt um 4,5 Prozent - deutlich mehr als prognostiziert. Auch in diesem Jahr rechnen Experten damit, dass die Wirtschaft um mehr als die bislang angenommenen drei Prozent schrumpft.
Die Finanzmärkte strafen das Land ab. Die Rating-Agentur Standard & Poor's senkte am Montag die Kreditwürdigkeit Griechenlands wegen der steigenden Gefahr einer Umschuldung um zwei Stufen auf B von zuvor BB-. Die Agentur drohte mit einer weiteren Herabstufung.
Die größten Gewerkschaftsverbände Griechenlands riefen derweil zu massiven Streiks auf, um gegen neue Sparpläne der sozialistischen Regierung zu protestieren. Vor allem Flugreisende müssen am Mittwoch mit erheblichen Behinderungen rechnen. Griechische Fluglotsen wollen ihre Arbeit zwischen 12 und 16 Uhr Ortszeit (11 bis 15 Uhr MESZ) einstellen. Dutzende Inlandsflüge sollen aus diesem Grund ausfallen.