EZB will mit Stresstest Vertrauen schaffen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

EZB-Stresstest Draghis Drahtseilakt

EZB-Chef Draghi hat die Regeln festgelegt, mit denen er Europas Risikobanken stabilisieren will. Sein Ziel: Das Misstrauen bekämpfen, das Europas Wirtschaft lähmt. Doch wenn er nicht aufpasst, zerstört er noch mehr Vertrauen.
EZB-Chef Draghi: Riskanter Kampf um Vertrauen
EZB-Chef Draghi: Riskanter Kampf um Vertrauen

EZB-Chef Draghi: Riskanter Kampf um Vertrauen

Foto: FRANCOIS LENOIR/ REUTERS
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - In seinem Buch "36 Formeln, die das Leben erleichtern" stellt der Manager und Führungsexperte Chip Conley folgende Gleichung auf:

Angst = Ungewissheit x Machtlosigkeit

Es ist eine Formel, mit der sich gut die globale Finanzkrise erklären lässt. Und mit der man auch die Strategie von Mario Draghi, dem Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), gut bewerten kann.

Conleys Gleichung beruht auf der Annahme, dass das, was man nicht weiß (Ungewissheit), gemeinsam mit dem, was man nicht beherrschen kann (Machtlosigkeit), das Gefühl der Angst erzeugt. Und dass diese Angst größer ist als die Summe der beiden Teile. Daher müsse man beide Faktoren nicht addieren, sondern multiplizieren.

Angst überträgt sich bekannterweise leicht von Mensch zu Mensch, manchmal befällt sie ganze Systeme. Zum Beispiel den Bankensektor. Der wurde im September 2008 durch den Crash der US-Bank Lehman Brothers weltweit in Angst und Schrecken versetzt, und er ist dieses Gefühl bis heute nie richtig losgeworden. In der Eurozone entstanden daraus verheerende Wirtschafts- und Schuldenkrisen.

Dann kam Mario Draghi. Dieser versucht, ganz grundsätzlich gesprochen, Europas Wirtschaftssystem von seinen Ängsten zu befreien. Mit allen erdenklichen Mitteln. So soll künftig die EZB die Aufsicht über die größten Banken der Eurozone übernehmen. Denn die nationalen Behörden hatten sich in der Finanzkrise mit der Bankenaufsicht häufig als überfordert erwiesen. Zuvor soll die Krisenfestigkeit der Banken noch einmal besonders gründlich geprüft werden. Am Mittwoch hat die EZB die genauen Regeln dieses Banken-Stresstests bekannt gegeben, den die Notenbank in der ganzen Eurozone durchführt. Bei dem Stresstest prüfen EZB-Mitarbeiter die Bilanzen der wichtigsten Banken und machen den Geldhäusern Vorgaben, wie sie sich ausreichend gegen finanzielle Risiken absichern sollen.

Der Stresstest ist nur eine von mehreren Maßnahmen , die Draghi ergriffen hat. Am Ende haben alle dasselbe Ziel. Sie sollen das Misstrauen abbauen, das seit nunmehr sieben Jahren Europas Wirtschaft lähmt. Doch Draghi muss aufpassen, dass er bei dem Versuch, Misstrauen abzubauen, nicht noch mehr Vertrauen zerstört.

Warum ist der Stresstest so wichtig? Und warum hat er, wenn er schiefgeht, das Potenzial, eine neue Krise am Finanzmarkt auszulösen? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

1. Wie soll der Stresstest neues Vertrauen schaffen?

Wenn Angst = Ungewissheit x Machtlosigkeit ist, dann ist der Faktor Ungewissheit in Europas Finanzsektor derzeit enorm groß. Niemand weiß wirklich genau, wie es den Banken geht. Nur die Geldhäuser selbst wissen, ob die Kredite und Wertpapiere in ihren Bilanzen wirklich so viel wert sind, wie sie behaupten.

Der Stresstest soll dieses Misstrauen abbauen. Schon seit Ende 2013 durchforstet die EZB die Bilanzen von 128 Großbanken in der Eurozone, 21 davon stammen aus Deutschland. Im ersten Schritt haben unabhängige Aufseher geprüft, ob die Angaben der Banken stimmen und wie groß das Risiko in den Bilanzen der Banken wirklich ist. Nach Conleys Formel will Draghi so die Ungewissheit reduzieren.

2. Wie soll der Stresstest konkret ablaufen?

Im zweiten Schritt will die EZB prüfen, wie krisenfest die Banken sind. Die Notenbank simuliert einen Absturz der Wirtschaft in den kommenden zwei Jahren und schaut, wie sich die Bilanzen der Banken in diesem Fall entwickeln würden. Banken, deren Finanzpolster im Ernstfall zu sehr ausgezehrt würden, fallen durch den Stresstest.

In der zweiten Oktoberhälfte wird die EZB die Ergebnisse veröffentlichen. Banken, die durchfallen, müssen binnen zwei Wochen genau festlegen, wie sie ihre Kapitallöcher stopfen wollen und diese Pläne dann binnen neun Monaten umsetzen. Sie können sich zum Beispiel nach zusätzlichen Investoren umschauen, die ihnen Kapital zur Verfügung stellen. Diese Mischung aus Diagnose und Therapieplan soll den zweiten Angst-Faktor verringern: das Gefühl der Machtlosigkeit.

3. Was sind die größten Risiken?

Beim Stresstest fürchten die Banken, dass die Ergebnisse vorab durchsickern, noch bevor sich die Banken nach Geldgebern umsehen können, die ihre Kapitallücke stopfen - was die derzeitige Unsicherheit sogar noch steigern würde. Bei früheren Stresstests wurde den Prüfern zudem vorgeworfen, sie seien nicht streng genug mit den Banken - was wiederum die Glaubwürdigkeit des Tests unterminieren könnte.

Draghis Maßnahmen sind also ein Drahtseilakt. Seine Leute können sich keine Fehler erlauben. Sonst drohen die vertrauensbildenden Maßnahmen am Ende ins Gegenteil umzuschlagen.

4. Was tut Draghi noch?

Der Stresstest kann den Banken helfen, aber nicht den von Kapitalmangel geplagten Unternehmen. Sie will Draghi auf andere Weise unterstützen. Er versucht, die Banken zu zwingen, wieder mehr Kredite zu vergeben und so die lahmende Konjunktur vor allem im Süden der Eurozone anzukurbeln.

  • In der Krise haben viele Banken das Risiko der Kreditvergabe gescheut und ihr Geld einfach bei der EZB geparkt. Um dies zu verhindern, sollen die Geldhäuser dafür nun Strafzinsen zahlen.
  • Die EZB verteilt zudem erstmals in ihrer Geschichte zweckgebundene Kredite. Banken, die der Privatwirtschaft mehr Kredit geben als bisher, können sich bei der EZB extrem günstig Geld leihen.

Auch dieses Vorgehen soll das Gefühl von Machtlosigkeit verringern. Es wird suggeriert: Die EZB geht aktiv gegen die Kreditklemme vor - und ist noch lange nicht am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt.