So arbeitet Deutschland Warum melden sich wieder mehr Leute krank?
Ist die Arbeitslosigkeit hoch, sind die Leute selten krank - und umgekehrt. Das ist nicht nur ein Vorurteil. Ökonomen haben diesen Zusammenhang zweifelsfrei nachgewiesen. Auch in Deutschland sank während der Phase sehr hoher Arbeitslosigkeit um die Jahrtausendwende die Zahl der Tage deutlich, die Arbeitnehmer im Schnitt krank zu Hause blieben. In den vergangenen zehn Jahren stieg die Beschäftigung erheblich, ebenso der Krankenstand.
Die Statistik dürfte die Zahl der krankheitsbedingten Fehltage jedoch nicht vollständig abbilden, weil sie nur die Krankmeldungen berücksichtigt, die auch an die Krankenkassen geschickt wurden - in der Regel geschieht das nur bei Fehlzeiten ab drei Tagen und auch dann beileibe nicht in jedem Fall.
Doch so eindeutig der Zusammenhang zwischen Krankenstand und Arbeitslosigkeit auch ist - die Gründe dafür sind es nicht. Die gängige Annahme, dass Arbeitnehmer die Krankmeldung scheuen, weil sie Angst haben, den Arbeitsplatz zu verlieren, ist zwar durchaus richtig.
Aber eine weitere Ursache ist belegt: Arbeitgeber entlassen zuerst die Beschäftigten mit niedriger Produktivität, wozu jene mit gesundheitlichen Problemen und höheren Fehltagen zählen. Diesen Zusammenhang hat etwa der Ökonom Gunnar Pietzner bereits 2007 in einer Studie belegt . Und wenn Arbeitgeber die Auswahl haben - wie in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit - stellen sie diejenigen ein, bei denen sie hohe Produktivität vermuten. Wenn die Arbeitslosigkeit hoch ist, sind die knappen Arbeitsplätze also von tendenziell Gesünderen besetzt, die naturgemäß weniger oft krank zu Hause bleiben müssen.
Nicht vergessen werden darf eine weitere Erkenntnis der Arbeitsmarktforscher: Fühlt sich ein Arbeitnehmer krank, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er dennoch in die Arbeit geht, statt zu Hause zu bleiben. Der Fachbegriff dafür heißt Präsentismus. In einer österreichischen Untersuchung stellte sich heraus, dass sich die Arbeitnehmer in sechs von zehn Fällen dazu entschieden.
Klug ist das auch aus Sicht der Arbeitgeber nicht, weil kranke Arbeitnehmer weit weniger produktiv sind. Experten gehen zudem davon aus, dass Arbeitnehmer durch verschleppte Krankheiten auf lange Sicht gesehen insgesamt mehr Tage fehlen, als wenn sie sich sofort auskurieren würden. Ganz abgesehen von der Gefahr, Kollegen anzustecken.