Griechenland: Attacke der Steuerfahnder - DER SPIEGEL
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Griechenland Attacke der Steuerfahnder

In Griechenland gab es bislang unendlich viele Möglichkeiten, den Fiskus zu betrügen. Doch jetzt ziehen Hunderte Finanzbeamte durchs Land, suchen systematisch nach Steuerhinterziehern - in Tankstellen, Kneipen oder in Yachthäfen. Als erstes Kamerateam hat SPIEGEL TV die Fahnder begleitet.
Von Peter Hell
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt Tage im Leben eines Menschen, die wird er niemals vergessen. Die Geburt eines Kindes, das erste Auto, die erste Freundin. Für Konstantinos Z. ist heute so ein Tag. Allerdings wird er ihn verfluchen. Er wird schimpfen auf den Staat, auf seine Beamten, auf das ganze verdammte System. Denn er wird heute von den Steuerfahndern erwischt.

In Griechenland gab es unendlich viele Möglichkeiten, das Finanzamt zu betrügen. Auf mehr als 32 Milliarden Euro belaufen sich die rechtskräftig festgestellten Steuerschulden. Die Behörden registrierten 827.369 Griechen, die beim Fiskus in der Kreide stehen. Und jährlich werden rund 30 Milliarden Euro an der Steuer vorbeigeschleust.

Angesichts der Staatsfinanzkrise und dem drastischen Sparprogramm soll dem Volkssport Steuerhinterziehung nun ein Riegel vorgeschoben werden. 1300 Kontrolleure sind im Land unterwegs, um ausstehende Gelder einzutreiben. Sie kontrollieren an Tankstellen - wurden Quittungen ausgestellt? Wenn nicht, müssen die Besitzer drastische Strafen zahlen. Sie kontrollieren in Häfen - wurden die Yachten korrekt angemeldet? Wenn nicht, wird sofort konfisziert. Und sie kontrollieren Wirte wie Konstantinos Z., Pächter einer Strandtaverne in Perissa auf der griechischen Ferieninsel Santorin und Sonnenliegenvermieter.

Achtzehn Sonnenschirme mit je zwei Liegen nennt er sein eigen. Die Nebensaison hat schon begonnen, aber das Geschäft läuft gut an diesem milden Spätsommertag. Die meisten Liegen sind mit Touristen belegt.

Die Steuerfahnder sieht Konstantinos Z. nicht.

Die drei Männer und eine Frau haben unauffällig zwischen Restaurant und Strand Position bezogen. Für Nikos Maitos, Leiter einer Athener Sondereinheit, ist es der erste Einsatz an diesem Tag. Der Auftrag, den er aus der Hauptstadt mit in das Ferienparadies genommen hat: In drei Tagen so viele Steuersünder wie möglich überführen. Und - wenn möglich - auf frischer Tat ertappen. Nikos' Kollegen nennen ihn ehrfurchtsvoll "Das Auge". Er ist ein Jäger. Mit seiner dunklen Sonnenbrille, seinem dichten schwarzen Haar, seinem kantigen Gesicht, passt der Beamte perfekt in das Straßenbild. Er fällt nicht auf, wenn er beobachtet.

Im Flüsterton erteilt der Fahnder seinen Leuten Befehle: "Okay, ihr prüft jetzt, ob der Chef Quittungen für die Liegen und Sonnenschirme ausgestellt hat." Wenn dies nicht der Fall gewesen sein sollte, handelt es sich ganz klar um Steuerhinterziehung. Dann steht fest, dass der Kneipier keine Umsatzsteuer abführt. Nikos gibt das Kommando: "Los geht's!"

Kein Geschäft, aber einen Maserati vor der Tür

Seit elf Jahren treibt Nikos Maitos, 46, für das Finanzministerium Steuern ein. Es sind Restaurantbesitzer wie Konstantinos Z., die er im Visier hat. Barbesitzer, die angeblich nur Verluste schreiben - aber einen Maserati vor der Tür stehen haben. Hoteliers, die keine Zimmerrechnung an den Gast ausstellen und einfach schwarz vermieten.

Am Strand von Perissa haben die Ermittler offenbar Erfolg. Sie nutzen das Überraschungsmoment. Während Nikos Maitos und sein Assistent das Restaurant betreten und sich vor dem sichtlich erschrockenen Wirt als Steuerfahnder ausweisen, durchkämmen die beiden anderen Beamten den Strand. Sie zählen die Liegestühle und befragen die Gäste.

Und: Keiner der zwölf Touristen hat eine Quittung über die sieben Euro Tagesmiete für Schirm und Liege erhalten. Im Restaurant wird Konstantinos Z. zur Rede gestellt - und auch gleich zur Kasse gebeten. Dafür, dass die Gäste keine Quittung bekommen haben, soll der Mann achthundert Euro bezahlen. Pro Kopf. Das macht 9600 Euro Strafe. Auch die anschließende Buchprüfung ist erhellend: Der Wirt hat im vergangenen Jahr 30.000 Euro an Verlusten deklariert und lediglich 1400 Euro Mehrwertsteuer abgeführt.

"So läuft das in vielen Betrieben", sagt Nikos Maitos. "Mit unseren Kontrollen wollen wir nicht nur Geld eintreiben. Das Ganze soll auch einen pädagogischen Effekt haben. Die Leute müssen endlich begreifen, dass sie nicht mehr mit uns spielen können."

In Griechenlands Häfen liegen 10.000 Yachten

Die drakonischen Sparmaßnahmen der Regierung, gekoppelt mit drastischen Steuererhöhungen, haben das Land in einen Schockzustand versetzt. In zwei Schritten wurde die Mehrwertsteuer von 19 auf 23 Prozent angehoben. Staatsbedienstete erhalten durchschnittlich 20 Prozent weniger Gehalt. Öffentliche Investitionen sollen in diesem und im kommenden Jahr um jeweils 500 Millionen Euro reduziert werden. Bis Ende 2010 rechnet der griechische Einzelhandelsverband mit 100.000 Insolvenzen.

Dennoch scheint es vielen Griechen erstaunlich gut zu gehen. Zumindest, wenn es nach der Anzahl der angemeldeten Luxuskarossen und Superyachten geht.

Im fünften Stock der Athener Steuerfahndung residiert Theodoros Floratos in bescheidenem Ambiente. Die Wände kahl, zwei Besucherstühle, den Schreibtisch ziert lediglich ein Computer. Der 57-Jährige ist gelernter Jurist und seit 34 Jahren beim Finanzministerium angestellt. Seit drei Monaten leitet er eine elfköpfige Sondereinheit, die sich ausschließlich mit Luxusyachten und deren Besitzern beschäftigt - Ärzte, Ingenieure, Schauspieler, Unternehmer.

An diesem Tag feiert Floratos Premiere. Stolz zeigt er auf eine Liste, die auf seinem Bildschirm erscheint: "Ich habe hier 120 verdächtige Yachten zusammengestellt. Die meisten sind über Briefkastenfirmen in London angemeldet. Die Besitzer haben nie Steuern bezahlt. 20 Yachten werden wir heute beschlagnahmen. Es ist das erste Mal, dass wir eine solche Aktion durchführen."

Rund 10.000 Yachten liegen in Griechenlands Häfen. "Bei 5000 Schiffen", erzählt Floratos, "gehen wir von Steuerbetrug aus. Das heißt: Weder die Luxus- noch die Mehrwertsteuer wurden abgeführt." Schaden für den Staat: mehr als eine Milliarde Euro.

Böse Überraschung im Hafenbüro

Bislang wurde diese Art von Steuerbetrug in Griechenland eher wie ein Kavaliersdelikt behandelt. Die Besitzer meldeten ihre Yachten über sogenannte Offshore-Firmen an, mit Sitz in London, Zypern oder Panama. Die griechische Steuer konnte man so bisher diskret und unbehelligt umgehen. Gemäß der neuen Null-Toleranz-Linie der Regierung soll damit nun Schluss sein.

Im Hafen von Alamos, südlich von Athen, startet der Fiskus seinen Angriff auf die Millionäre. Einsatzleiter Theodoros Floratos erscheint mit drei Mitarbeitern unangemeldet im Hafenbüro. Der Chef der Marina wird von dem Fahnder auf Kurs gebracht, anschließend werden alle 20 Besitzer angerufen. "Bringen Sie umgehend Ihre Steuerunterlagen hierher. Wenn nicht, beschlagnahmen wir Ihre Yacht."

Nach zwei Stunden erscheint der erste Yachtbesitzer mit seinen Steuerunterlagen und einem Anwalt im Schlepptau. Der Textilunternehmer aus Athen ist Eigentümer einer fünf Millionen Euro teuren Yacht. Das Luxusschiff ist bei einer Limited-Firma in London registriert und fährt unter britischer Flagge. "So wie es aussieht, muss er 1,5 Millionen Euro an Steuern nachzahlen", sagt Floratos. "Außerdem werden wir prüfen, woher das Geld für den Kauf des Bootes stammt."

Der Fahnder ist in seinem Element. Vierzehn von zwanzig Bootsbesitzern sind nicht erschienen. Mit einem Stapel Papieren in der Hand eilt Floratos auf dem Pier von Yacht zu Yacht. "Die hier kostet etwa zwei Millionen Euro." Der Beamte zeigt auf ein 15 Meter langes Sportboot, das bezeichnenderweise den Namen "Not Guilty" - unschuldig - am Heck trägt. "Der Eigentümer ist ein Anwalt. Er hat nie Steuern bezahlt. Jetzt wird das Schiff beschlagnahmt."

Dreizehn weitere Yachten werden an diesem Nachmittag beschlagnahmt. Solange die Besitzer die fälligen Steuern nicht nachzahlen und die Herkunft des Kapitals für den Bootskauf nachweisen, bleiben ihre Schiffe in der Hand des Staates.

Theodoros Floratos dreht sich zu seinen Kollegen: "Das war ein guter Tag heute, oder?"

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