Griechischer Gewerkschafter: Der Dunkelmacher - DER SPIEGEL
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Griechischer Gewerkschafter Der Dunkelmacher

Nikos Fotopoulos ist der wohl mächtigste Arbeitnehmer Griechenlands - und überzeugter Marxist: Der Chef der Stromgewerkschaft droht gerne damit, die Lichter im Land ausgehen zu lassen, seine Wutausbrüche sind legendär. Begegnung mit einem Klassenkämpfer der alten Schule.
Von Jörg Diehl und Ferry Batzoglou
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist alles andere als leicht, den Gewerkschafter Nikos Fotopoulos zu treffen. Erst geht er stundenlang nicht an sein Telefon, dann lässt er lange auf sich warten, und schließlich schickt ein Pförtner die Reporter in den sechsten Stock des Hauptquartiers: Dort würden sie erwartet. Währenddessen huscht der Herr Präsident zum Vordereingang hinaus. Was das Manöver soll? Man wird es nicht erfahren.

Das sei alles ein großes Missverständnis gewesen, erklärt Nikos Fotopoulos später auf dem Athener Verfassungsplatz, auf dem er gemeinsam mit Zehntausenden Griechen gegen die Sparpläne der Regierung demonstriert. Doch im Gegensatz zu den allermeisten, die sich hier versammeln, verfügt der bekennende Marxist über echte politische Macht - die er durchaus einzusetzen weiß.

Der Gewerkschaftschef des halbstaatlichen Stromversorgers DEI hat in den vergangenen Monaten immer wieder die Lichter in seiner Heimat ausgehen lassen. Der alte Spruch der Arbeitervertreter, dass alle Räder stillstehen, wenn ein starker Arm es nur will, trifft auf Fotopoulos zu. Der 49-Jährige ist, so könnte man vielleicht sagen, der personifizierte Widerstand in Griechenland.

An diesem Nachmittag wird er von einigen aufgeregten Genossen umringt, die ihm ihre Aufwartung machen. Sie schütteln ihm die Hände, schlagen ihm auf die Schulter, sie suchen seine Nähe. Er lässt sie gewähren.

Fotopoulos ist ein kleiner, kompakter Mann mit grauem Bart und einem schmerzhaft-festen Händedruck, der signalisiert: Ich bin hier der Boss. Bekannt für seine Wutausbrüche - ein Video von einer dieser Eruptionen kursiert im Netz - nähert sich ihm auch sein Pressesprecher nur sehr behutsam. Doch Fotopoulos will jetzt doch mit den Journalisten aus Deutschland reden und beginnt zu deklamieren.

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"Wir werden mit unserer ganzen Kraft und allen Mitteln gegen die Regierung und ihre barbarische Politik kämpfen", tönt er. Dazu zähle ausdrücklich auch, Teile des Landes zeitweise von der Stromversorgung abzuschneiden. "Unser Widerstand wird viel härter ausfallen als bisher. Auch das Ausland wird sich noch die Augen reiben." Und von der Troika ließen sie sich schon gar nicht diktieren, was die Arbeiter in Griechenland verdienen dürften.

Der Gewerkschaftsboss kündigt an, die Umsetzung der Sparbeschlüsse zu verhindern. Eine Immobilienabgabe, die eigentlich von der Stromgesellschaft kassiert werden sollte, werde es mit ihm nicht geben. "Wir sind doch keine Steuereintreiber." Auch die Privatisierung der DEI, immerhin elementarer Bestandteil des bereits verabschiedeten Sanierungsprogramms, lehnt Fotopoulos kategorisch ab: "Dafür gehen wir auch in den Nahkampf mit der Politik."

Der Gewerkschafter, in dessen Büro Bilder unter anderem von Marx, Lenin und Che Guevara hängen, steht beispielhaft für ein griechisches Phänomen, das die Durchsetzung der schmerzlichen Sparvorhaben erschwert. Wohl nirgendwo in Europa sind die Gewerkschaften so stark wie die 128 in Hellas, der Organisationsgrad der Angestellten liegt in vielen Branchen bei 90 Prozent - davon kann der Deutsche Gewerkschaftsbund nur träumen. Zudem genießt die Linke auch fast 40 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur ein gewaltiges Ansehen in der Bevölkerung, und sie dominiert mit drei von fünf Parteien sowie mehreren unabhängigen Abgeordneten das Parlament.

Üppige Zahlungen für Kuren, Auslandsreisen und Geschäftsessen

Die "Neue Zürcher Zeitung" zitierte unlängst einen griechischen Wirtschaftswissenschaftler, der von seiner Heimat als einer der "letzten europäischen Volkswirtschaften im sowjetischen Stil" sprach - allerdings im Unterschied zur UdSSR ohne jegliche Planung oder Steuerung. In Griechenland sei vor vielen Jahrzehnten ein System der Vetternwirtschaft entstanden, das den "dysfunktionalen Staat" regelrecht ausgebeutet habe, schrieb das Blatt.

Und so verwundert es nicht, dass gerade in der Krise Besitzstandswahrung zum Kernanliegen der griechischen Arbeitnehmervertreter geworden ist - wobei es auch um die Pfründe der Gewerkschafter selbst geht. So deckte der Generalinspekteur für Öffentliche Verwaltung im April auf, dass alleine Fotopoulos und seine Arbeiterkollegen in den vergangenen zwölf Jahren insgesamt 14,2 Millionen Euro vom Management des Stromversorgers DEI erhalten hatten.

Demnach bezahlte das Unternehmen etwa 300.000 Euro für eine Studie der Gewerkschaft, die nie erstellt wurde. Auch gönnten sich die freigestellten Arbeiter dem Bericht zufolge teure Auslandsreisen, kostspielige Geschäftsessen und alleine im vergangen Jahr Kuren für 1,8 Millionen Euro. Ein Blogger nannte Fotopoulos den "Maradona der Gewerkschaften" - was den nicht stört. In einer Pressemitteilung bezeichnete er den Bericht als Lüge, er sei von der Troika bestellt - also von den Kreditgebern von IWF, EU und EZB. Die Gelder für seine Gewerkschaft seien offiziell ausgehandelt und abgesegnet gewesen.

Die Regierung jedenfalls scheint sich inzwischen mit Fotopoulos und Co. gut stellen zu wollen. Die neuesten Sparmaßnahmen des Kabinetts von Georgios Papandreou sehen zwar massive Gehaltseinbußen für fast alle Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst vor. Nur die ohnehin sehr gut bezahlten Angestellten der DEI werden als Mitarbeiter einer halbstaatlichen Firma, die an der Athener Börse notiert ist, weitaus glimpflicher davonkommen.

Versöhnlich stimmen diese Zugeständnisse den alten Klassenkämpfer, der vor wichtigen Abstimmungen seine sozialistischen Parteifreunde per SMS auf Kurs zu bringen versucht, jedoch nicht. "Der Kampf gegen diese unmenschliche Politik ist uns heilig", sagt er. "Niemand wird uns stoppen." Und auf die Frage, ob in Griechenland schon bald wieder die Lichter ausgehen, antwortet Nikos Fotopoulos lächelnd: "Damit können Sie rechnen."