Indien: Vapi ist die dreckigste Stadt Indiens - DER SPIEGEL
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Umweltverschmutzung in Indien: Erst die Menschen, dann die Umwelt

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Leben in der dreckigsten Stadt Indiens "Lieber krank als hungrig"

Vapi ist die dreckigste Stadt Indiens: Chemieindustrie, Pharmawerke und Färbereien blasen Gift in die Luft und verseuchen den Fluss. Trotzdem fordern die Einwohner, dass die Umweltauflagen noch gelockert werden.
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Kavyr keucht und weint. "Ich will die Maske nicht tragen", fleht er seine Mutter Sunal an, doch die kennt kein Pardon: Der Viereinhalbjährige hat am Morgen wieder einen Asthmaanfall gehabt. Deshalb ist er hier im Krankenhaus, deshalb muss er inhalieren, ob er will oder nicht. "Seit seiner Geburt hat mein Sohn diese Anfälle. Sein älterer Bruder auch", sagt Sunal. Sie macht sich keine Illusionen darüber, was die Beschwerden ihrer Kinder ausgelöst hat: "Natürlich ist die Umweltverschmutzung hier in Vapi schuld", sagt die Mutter.

Vapi, ein Kaff mit 160.000 Einwohnern, hält einen traurigen Rekord: Es ist der schmutzigste Ort Indiens. Nirgendwo sonst ist die Luft so verpestet, das Grund- und Flusswasser so mit Schadstoffen belastet. Denn obwohl klein, ist Vapi mit 1400 Betrieben ein etablierter Industriestandort. Seit den Siebzigerjahren produzieren sie in einer eigens eingerichteten Industriezone Medikamente, Dünger, Pestizide, Farben - und Unmengen von Umweltgiften. Seit 2010 steht das 170 Kilometer nördlich von Mumbai gelegene Städtchen deshalb ganz oben auf einem Umweltindex der indischen Regierung: Seither ist die Neuansiedlung von neuen Industrien und die Expansion der bestehenden Betriebe verboten.

Man sollte meinen, dass das ganz im Sinne der unter der Umweltverschmutzung leidenden Einwohner von Vapi ist. Doch viele von ihnen fordern im Gegenteil, man solle die Beschränkung wieder aufheben. "Mein Mann arbeitet in einer der Färbereien hier. Wir dürfen die Industrien nicht aus Vapi vertreiben", sagt Sunal, während ihr Sohn Heildämpfe aus dem Inhalationsgerät einatmet. "Die Regierung muss unsere Arbeitsplätze schützen. Erst die Menschen, dann die Umwelt", sagt die Mutter.

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Indien kann sich nur behaupten, wenn es mit der Zeit geht

Lieber krank als hungrig: Viele der 270 Millionen als arm geltenden Inder sehen sich gezwungen, sich dieser aus der Not geborenen Logik zu unterwerfen. Für ein Einkommen schaufeln sie dann zum Beispiel in Vapi beim Düngemittelhersteller United Phosphors giftgrüne Chemikalien in Säcke, nur mit einem Papier-Mundschutz geschützt. Die Menschen hier könnten sich Protest gegen die Zustände nicht leisten, sagt ein Arzt in der Klinik, in der Sunals Sohn behandelt wird. "Alle hier arbeiten für die Industrie. Sogar die Krankenhäuser werden von den Firmen finanziert. Wer den Mund aufmacht, wird gefeuert", sagt der Mediziner, der aus Angst um die eigene Position anonym bleiben will.

Der Verband der in Vapi angesiedelten Industrien betreibt in diesen Wochen eine intensive Lobby-Kampagne. Er will erreichen, dass die Stadt das Stigma als Umweltsünder los wird, die Industrien weiter wachsen dürfen.

"Beim Erstellen des Index wurden falsche Maßstäbe angelegt", sagt der Verbandsvorsitzende Shakar Thakkar über die von der Regierung erhobenen Daten: "Wir hoffen, dass das korrigiert wird." Thakkar führt an, dass Vapi nicht wettbewerbsfähig bleiben könne, wenn es den Betrieben verboten würde, neue Technologien anzuschaffen. Gerade im Wettbewerb mit China könne sich Indien nur behaupten, wenn es mit der Zeit gehe.

In Neu-Delhi findet dieses Argument Gehör. Die äußerst wirtschaftsfreundliche Regierung Narendra Modis hat signalisiert, dass der Industriestandort bald von dem Index gestrichen werden könnte. Im Rest Indiens protestieren Umweltschützer lautstark dagegen. In Vapi geht jedoch niemand auf die Straße.

Der lokale Kampf um die Genehmigung zur Expansion illustriert die Zerreißprobe, vor der der indische Staat steht. Indiens Bevölkerung wächst nach wie vor explosionsartig. Die Vereinten Nationen schätzen, dass das Land von etwa 2028 an mehr Einwohner haben wird als China. Derzeit leben hier knapp 1,3 Milliarden Menschen, die meisten davon blutjung. Jeden einzelnen Monat drängen zwischen dem Himalaya und dem Indischen Ozean eine Millionen von ihnen neu auf den Arbeitsmarkt.

"Wir müssen wachsen"

Wenn Indien die ersehnten Jobs schaffen will, muss es Industrien ansiedeln - zur Not auch dreckige, sagen Wirtschaftsvertreter. "Einer muss doch die Dünger und Chemikalien für den Weltmarkt herstellen. Weil es ein schmutziges Geschäft ist, wollt ihr das in Europa nicht mehr machen", sagt Tarun Patel, dem früher ein kleines Pharmaunternehmen in Vapi gehörte und der heute sein Geld als Finanzberater macht. "Wir können es uns nicht leisten, zimperlich zu sein."

Selbst diejenigen, die sich dem Schutz der Umwelt verschrieben haben sollten, können sich dem Druck der Arbeit fordernden Massen nicht verschließen. "Man muss darauf hören, was die Menschen wollen", sagt Indiens Umweltminister Prakash Javadekar. "Wir müssen wachsen. Die Ausmerzung von Armut hat oberste Priorität", sagt der Minister. Aufgabe der Regierung sei es, die Balance zwischen Entwicklung und Umweltschutz auszutarieren.

Das ist keine leichte Aufgabe. Die Zustände sind nicht nur in Vapi erschreckend. Die Luftverschmutzung in Neu-Delhi ist nach vielen übereinstimmenden Studien inzwischen weit schlimmer als in Peking und verursacht langfristige Gesundheitsschäden. Indien hat die höchste Rate an Todesfällen wegen chronischer Lungenerkrankungen, 1,5 Millionen Inder sterben jährlich daran. Im vergangenen Jahr verortete die Weltgesundheitsorganisation 13 der 20 schmutzigsten Städte der Welt in Indien. Trotzdem setzt der Subkontinent beim Ausbau seines Stromnetzes fast ausschließlich auf schadstoffintensive Kohlekraftwerke.

Die internationale Gemeinschaft versucht Neu-Delhi davon zu überzeugen, sich bei dem im Dezember in Paris abgehaltenen Welt-Klima-Gipfel auf Klimaziele zu verpflichten. Doch bislang weicht Modi allen entsprechenden Fragen aus. Daheim betreibt er eine fragwürdige Politik, nach der Regularien zum Schutz der Umwelt abgeschafft und durch Selbstverpflichtungen der Industrien ersetzt werden sollen. Umweltminister Javadekar sagt, Maßnahmen, "die die Umwelt schützen, aber den Fortschritt verhindern" müssten aufgeweicht werden.

Der Industrieverband in Vapi rechnet angesichts solcher Signale damit, dass der örtliche Baustopp schon bald aufgehoben werden könnte. Präsident Thakkar hat schon Pläne für das erste neue Großprojekt. "Wir wollen einen international anerkannten Öko-Industriepark bauen", sagt er. Wenn man mit dem Ökosiegel Geld machen könne, habe er nämlich nichts gegen Umweltschutz.