Iran: Blockade könnte Ölpreis auf Rekordniveau treiben - DER SPIEGEL
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Straße von Hormus: Iran probt die Ölblockade

Foto: ALI MOHAMMADI/ AFP

Iran Blockade könnte Ölpreis auf Rekordniveau treiben

Im Streit um die wichtigste Ölroute der Welt verschärft Amerika die Tonlage. Die US-Flotte droht Iran mit Konsequenzen, sollte das Land die Straße von Hormus blockieren. Etwa ein Fünftel der globalen Lieferungen passiert diese Meerenge - der Ölpreis würde im Ernstfall massiv anziehen.
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Hamburg - Die Warnung des iranischen Vizepräsidenten war unmissverständlich: "Nicht ein Tropfen Öl" werde die Straße von Hormus passieren, sollte der Westen tatsächlich Sanktionen gegen die Ölexporte des Landes verhängen, ließ Mohammed Resa Rahimi am Dienstag über die staatliche Nachrichtenagentur verlauten. Und das Regime in Teheran unterstreicht seine Ankündigung derzeit mit einem zehntägigen Manöver: Seit Samstag simuliert die Marine die Blockade des Handelswegs.

Die Rohstoffmärkte reagierten sofort: Der Preis für ein Barrel (159 Liter) Rohöl der Marke WTI stieg nach der Drohung Irans um zwei Prozent und durchbrach die 100-Dollar-Marke. Schließlich ist die Meerenge zwischen dem auf der Arabischen Halbinsel gelegenen Oman und Iran das Nadelöhr für die Ölexporte am Persischen Golf: Nach Angaben des US-Energieministeriums passierten im Jahr 2009 im Schnitt täglich 15,5 Millionen Barrel die Straße von Hormus, das entspricht 17 Prozent des weltweit gehandelten Öls. Eugen Weinberg, Rohstoffanalyst bei der Commerzbank, bezeichnet die Straße von Hormus daher als "wichtigste Ölarterie der Welt".

US-Flotte: Blockade "wird nicht toleriert"

Die US-Marine ließ bereits verlauten, sie "unterhalte eine robuste Präsenz" in der Region. "Es wird keine Unterbrechung geduldet", erklärte die Sprecherin der im Golfkönigreich Bahrain stationierten Fünften US-Flotte, Rebecca Rebarich. "Jeder, der die Freiheit der Seefahrt in einer internationalen Meeresenge bedroht oder behindert, stellt sich klar außerhalb der Staatengemeinschaft. Solch eine Behinderung wird nicht toleriert."

"Der freie Verkehr von Gütern und Dienstleistungen durch die Straße von Hormus ist entscheidend für den Wohlstand der Region und der Welt", so Rebarich weiter. Die Fünfte US-Flotte "bekennt sich zum Schutz maritimer Freiheiten, die die Basis des globalen Wohlstands sind. Das ist einer der Hauptgründe dafür, dass unsere Streitkräfte in dieser Region operieren."

Hintergrund von Irans Drohgebärden sind Pläne der USA und der EU, die Sanktionen gegen das Land zu verschärfen, um zu verhindern, dass es Atomwaffen baut. Die Sanktionen würden Iran hart treffen, sie sind gegen die Ölexporte des Landes gerichtet. Das wirtschaftlich ohnehin angeschlagene Iran ist auf diese Einnahmen dringend angewiesen.

Was passiert, wenn Iran die Straße von Hormus tatsächlich blockiert? Explodieren dann die Ölpreise? Droht gar eine Ölnot? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Kann Iran die Straße von Hormus tatsächlich blockieren?

"Die Straße von Hormus zu blockieren wäre für uns ebenso leicht, wie ein Glas Wasser zu trinken", sagte am Mittwoch der Befehlshaber der iranischen Marine, Habibulah Sajari. Dieser Einschätzung stimmen Experten grundsätzlich zu. Für Eugen Weinberg von der Commerzbank ist die Blockade der Meerenge für das Regime in Teheran "ein echtes As im Ärmel".

Die Straße von Hormus ist an der schmalsten Stelle nur 54 Kilometer breit, die Schifffahrtrouten für den Ölexport finden gar auf nur drei Kilometer breiten Korridoren statt. Im Jahr 2009 passierten dem US-Energieministerium zufolge jeden Tag 13 Öltanker die Meerenge - die könnte die iranische Marine leicht aufhalten.

Zwar sind die USA in der Meeresregion präsent. Bereits seit Jahren hat die Navy Flugzeugträger und Minenräumboote in ihrer Nähe postiert. Im Ernstfall würde das aber den Ausfall des Handelswegs nicht verhindern. Dem Leiter des Energieinformationsdienstes EnergyComment, Steffen Bukold, zufolge würden die Öltanker schon aus versicherungstechnischen Gründen der Straße von Hormus fernbleiben. "Dazu braucht es gar keinen echten Konflikt, die konkrete Androhung militärischer Gewalt reicht."

Wie wahrscheinlich ist eine Blockade?

So leicht Iran die Blockade auch fallen würde: Experten halten die aktuelle Warnung der iranischen Führung für eine Drohgebärde - aus vielerlei Gründen. Bukold verweist darauf, dass das Regime in Teheran bislang direkte militärische Auseinandersetzungen mit den USA stets vermieden hat. Eine Blockade der Straße von Hormus würde aber mit großer Wahrscheinlichkeit einen Schlagabtausch mit den USA nach sich ziehen. Die US-Marine hat bereits angekündigt, dass sie das nicht hinnehmen werde. "Der ungehinderte Fluss von Waren und Dienstleistungen durch die Straße von Hormus ist für den Wohlstand der Region und der Welt lebensnotwendig", sagte ein Sprecher der Fünften Flotte. Es werde keine Unterbrechung geduldet.

Zudem befindet sich Iran in einer Zwickmühle. Obwohl das Land der drittgrößte Erdölexporteur der Welt ist, ist es dringend auf Treibstoffimporte angewiesen - denn Iran verfügt nicht über genug Raffinerien, um den Rohstoff zu Benzin zu veredeln. Wenn das Regime also die Straße von Hormus blockierte, schnitte es seine Armee über kurz oder lang selbst vom Treibstoffnachschub ab. Außerdem ginge Iran schnell das Geld aus, wenn es kein Öl mehr verkaufen könnte.

Auch strategische Gründe sprechen dagegen, dass Iran seine Drohung wahrmacht: "Wenn Sie nur ein einziges As im Ärmel hätten, würden Sie es dann ausspielen?", fragt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Der Führung in Teheran scheint bewusst zu sein, dass die Blockade im Konflikt mit dem Westen ihr stärkstes Druckmittel ist. Es wäre töricht, dieses einzusetzen, nur um schärfere Sanktionen abzuwehren.

Der Oberbefehlshaber der iranischen Marine relativierte denn auch die Drohung der Regierung. Zwar könne man die Straße von Hormus mit Leichtigkeit blockieren, "zurzeit gibt es aber keine Notwendigkeit, dies zu tun", sagte Habibulah Sajari.

Auch wenn also nicht damit zu rechnen ist, dass Iran die Straße von Hormus wegen des aktuellen Sanktionsstreits dichtmacht: Experten halten das Szenario einer Blockade mittelfristig dennoch für valide - als Reaktion auf einen Angriff. Denn der Streit um das iranische Atomprogramm spitzt sich seit Jahren zu, eine Lösung scheint weiter entfernt denn je. Ein Militärschlag Israels oder der USA gegen die iranischen Nuklearanlagen wird immer wahrscheinlicher, auch weil das Regime in Teheran sein Atomprogramm kaum freiwillig aufgeben wird.

Würde der Welt das Öl ausgehen?

Auch wenn die Straße von Hormus als Handelsweg ausfallen sollte - Verbraucher müssen sich vorerst keine Sorgen machen, dass das Öl knapp würde. Zwar wurde 2009 täglich knapp ein Fünftel der weltweiten Lieferungen über die Meerenge transportiert - dennoch würde es lange dauern, bis es wirklich zu Engpässen kommt.

Die Industriestaaten zumindest haben strategische Ölreserven angelegt. Die 28 Länder, die sich in der International Energieagentur (IEA) zusammengeschlossen haben, haben Reserven, mit denen sie sich 90 Tage lang komplett selbst versorgen können. Die USA und auch Deutschland bunkern sogar noch mehr Öl. Zu diesen strategischen Reserven der Staaten kommen noch Vorräte der Ölwirtschaft, etwa im Hafen von Rotterdam. Bukold schätzt, dass diese zusätzlichen Reserven den Bedarf von 20 bis 30 weiteren Tagen abdecken.

Da von einer Blockade der Straße von Hormus lediglich ein Fünftel der weltweiten Lieferungen betroffen sind, würden die gesamten Reserven der Industriestaaten ihren Bedarf also rechnerisch etwa 500 Tage lang decken. Auch wenn man die Nachfrage aus dem Rest der Welt einkalkuliert, würde es lange dauern, bis eine echte Knappheit droht.

Zudem stehen zumindest für einen Teil der Liefermenge Alternativrouten bereit. Saudi-Arabien etwa verfügt vor allem zu diesem Zweck über eine Pipeline, die etwa 4,8 Millionen Barrel täglich quer durch das Land zum Roten Meer transportieren kann. Fast ein Drittel des Ausfalls könnte so kompensiert werden.

Iran müsste eine Blockade der Straße von Hormus also über einen langen Zeitraum durchhalten, um für eine Ölknappheit in den Industriestaaten zu sorgen - angesichts der militärischen Überlegenheit der USA und der Schwierigkeiten, die das Regime selbst durch eine Blockade bekäme, ist das ein sehr unrealistisches Szenario.

Wie stark wären die Auswirkungen auf den Ölpreis?

Auch wenn der Welt das Öl nicht ausginge - eine Blockade der Straße von Hormus würde den Ölpreis Experten zufolge in bislang ungeahnte Höhen treiben. Eugen Weinberg von der Commerzbank rechnet mit mindestens 150 Dollar, die dann für ein Barrel zu zahlen wären - selbst ein Preis von 200 Dollar sei möglich.

In der Tat hat der Bürgerkrieg in Libyen gezeigt, dass bereits der nur kurzfristige Ausfall von etwa zwei Prozent der Weltproduktion zu spürbar höheren Preisen führte. Auch die trüben Konjunkturaussichten würden die Verteuerung kaum eindämmen, sind sich die Experten einig. "Zurzeit reagiert der Markt kaum auf Veränderungen bei der Nachfrage, sondern auf Veränderungen beim Angebot", sagt Weinberg. Solange die Blockade anhielte, würde sich der Preis für ein Barrel seiner Ansicht nach nicht unter die Marke von 150 Dollar bewegen.

Im Preisanstieg für den begehrten Rohstoff Öl liegt also die größte Gefahr einer Blockade der Straße von Hormus - und das könnte auch das Kalkül des Regimes in Teheran sein. Allerdings ist die Wirkung der aktuellen Drohung an den Rohstoffmärkten bereits am Tag danach weitgehend verpufft: Am Mittwoch sank der Preis für ein Barrel WTI-Öl um etwa einen Dollar.

Entwarnung also? Weinberg hält die coole Reaktion eher für gefährlich. "Die Gefahr einer Blockade ist mittelfristig durchaus real, schon im kommenden Jahr könnte es dazu kommen. Im Moment wirkt es so, als würden die Märkte dieses Risiko unterschätzen."