Kolumbien: Der Schatz der Drogenbosse - DER SPIEGEL
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Von Ferraris bis Rinderherden

Foto: Karen Naundorf

Kolumbien Der Schatz der Drogenbosse

Fincas, Oldtimer, Rinderherden - wenn kolumbianische Drogenbosse geschnappt werden, lassen sie millionenschwere Spielzeuge zurück. Die Behörde DNE verwaltet seit Jahren die Schätze verhafteter "Narcos". Mehr als 78.000 Güter hat sie angesammelt. Doch ihr Ruf hat jüngst schwer gelitten.
Von Karen Naundorf
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Octavio hat einen einsamen Job. Täglich kontrolliert er drei Lagerhallen. Poliert teure Autos, ordnet Kartons und Wohnzimmergarnituren. Erzählen darf er davon niemandem: "Die Nachbarn denken, hier sei ein Autodepot." Der große Mann mit dem Oberlippenbart beschützt, was kolumbianische Drogenbosse einst teuer war. Mehr als 78.000 Güter verhafteter "Narcos" verwaltet die Drogenbehörde (Dirección Nacional de Estupefacientes, DNE). Sie braucht kein staatliches Budget, weil sie sich durch Vermietungen und Verkäufe beschlagnahmter Immobilien und anderer Güter selbst finanziert.

Eine Wendeltreppe aus nacktem Beton führt in den ersten Stock des Lagers, in dem ein Billardtisch steht. "Der Spielesalon", sagt Octavio und räumt zwei Queues weg. Ein Ölgemälde zeigt deren ursprünglichen Besitzer: Drogenbaron Justo Pastor Perafán ließ sich bei dem ersten Geschäft, das er mit dem berüchtigten Pablo Escobar und Rodriguez Gacha alias "El Mexicano" abschloss, an dem edlen Billardtisch malen. Hinten im Lager, dort wo das Dach leckt, sind 300 Paar Damenschuhe aufgereiht: Florale Muster, goldene Schuhe. Elizabeth Montoya de Sarría, die Frau eines Drogenhändlers, liebte ihre Kollektion. Doch die Männer von der DNE nahmen alles mit, leerten Montoyas Schränke. Sie soll jedes Kleid gleich fünf Mal gekauft haben, für jede Wohnung eins, so konnte sie ohne Koffer reisen. Im nächsten Lagerraum steht eine Geldzählmaschine, gefunden im Urwald. Daneben zwei Dutzend Motorräder, riesige Eisenteile. "Daraus sollte ein U-Boot gebaut werden, um Drogen in die USA zu bringen", sagt Octavio.

"Viel zu lange steht der Kram schon im Lager", sagt der oberste Verwalter der Narco-Güter, Omar Figueroa. "Vielleicht statten wir ein Museum damit aus." Das Büro des 31-Jährigen ist holzvertäfelt, ein Kühlschrank in der Ecke brummt laut. "Ich bin Manager der größten Holding Kolumbiens", lacht Figueroa aus einem freundlichen, runden Gesicht. "Nur weiß das niemand. Wir verwalten 2000 Unternehmen, darunter eine Drogeriekette, Hotels, Viehfarmen. Allein bei der Grajales-Gruppe, zu der ein Holzgroßhandel und Hotels gehören, muss ich 4000 direkte und 10.000 indirekte Arbeitsplätze erhalten." Vor Figueroas Büro hat sich eine Schlange gebildet, Männer mit Aktentaschen sitzen auf mausgrauen Stühlen und warten geduldig. Hektisch rennen Angestellte zur Tür des Chefs, atmen durch, klopfen vorsichtig, "Don Omar, eine Unterschrift." Oder: "Don Omar, ein wichtiger Anruf". An Amtsmief erinnert hier wenig.

Eine der teuersten Trophäen: Ein schwarzer Ferrari, Baujahr 1991

Figueroa ist der einzige, der die Ruhe weg hat. Mit 24 Jahren fing der Anwalt bei der Behörde an, legte einen rasanten Aufstieg hin. Von den großen Fenstern seines Büros aus sieht man die Andengipfel, an deren Flanken die kolumbianische Hauptstadt liegt. "2600 m näher an den Sternen", sagen die Bewohner Bogotás, einer Stadt ohne Jahreszeiten, stolz. 19.000 Immobilien in Kolumbien werden von der DNE vermietet oder stehen zum Verkauf. Wie viel Geld die beschlagnahmten Güter wert sind, weiß die Behörde nicht: "Der Marktwert ändert sich ständig, eine Statistik wäre ein Job für sich", sagt Figueroa.

Vieles von dem, was die Drogenbehörde hortet, ist vermutlich unverkäuflich. Etwa das Zebrafell, auf dem Elizabeth Montoya de Sarría ihre Voodoo-Riten abhielt. Octavio, der Mann im Lager, fasst es ungern an: "Das mufft nicht nur, da ist noch etwas anderes dabei." Montoya wird verdächtigt, einst in den Ecken des Präsidentenpalastes kleine schwarze Beutel hinterlegt zu haben. Darin Zähne, die den Regierenden den Tod bringen sollten. Ein zerrissener Dollar, damit die Wirtschaft stockte. Ein schwarzes Haar, um dunkle Energien zu verstärken. Octavio legt den Finger auf die Lippen.

Eine der teuersten Trophäen der DNE-Razzien steht im Parkhaus der Drogenbehörde, mitten in der Innenstadt: Ein schwarzer Ferrari, Baujahr 1991, der eines Mafiabosses würdig ist. Der auf 150.000 US-Dollar geschätzte Wagen scheint zärtliche Liebhaber zu haben: Im Neonlicht spiegeln sich Fingerabdrücke auf Scheiben und Dach. Nur 800 Kilometer hat der Wagen auf dem Tacho. Sein ehemaliger Besitzer, Luis Hernando Gómez Bustamante, alias Rasguño ("Der Kratzer") transportierte den Wagen in einem Flugzeug. Um seine Geschäftspartner zu beeindrucken, fuhr er aus dem Bauch des Fliegers mit dem Ferrari auf die Landebahn. Seit Jahren wartet der Bolide auf einen Käufer, doch niemand will ihn haben.

Neben dem Ferrari steht ein Neuzugang: Ein geländegängiger Buggy des Paramilitär- und Drogenbosses Daniel Rendón Herrera, bekannt als "Don Marío", der am 15. April 2009 verhaftet wurde. Ob der Wagen auch zum Ladenhüter wird? Käufer könnten Racheaktionen befürchten. Verhaftet wurde in diesem Jahr auch Carlos Mario Jiménez, alias "Macaco", die "Meerkatze". Auf seiner Finca fanden die Leute der DNE einen Löwen, dem der Paramilitär angeblich Verräter zum Fraß vorwarf.

"Die Narcos erschreckt fast nichts", sagt Omar Figueroa. Das Vermögen aber sei der wunde Punkt: Die Wohnung der Mutter, der Besitz der Tocher, der Schwester, der Freunde, Nichten, Enkel, Strohmänner. Ein Mafiaboss brach vor Figueroa in Tränen aus: "Aber das Haus habe ich meiner Mama geschenkt!" Doch ausnahmslos alles, was mit Drogengeld gekauft wurde, verwaltet bei einer Verhaftung die Behörde. Unternehmen werden weitergeführt.

500 eingesammelte Bilder - von Dalí bis Rubens

Im Büro von Figueroas' Chef, dem Leiter der DNE, hängt ein Gemälde von Salvador Dalí. "Ist nicht echt", sagt Figueroa und grinst. Fast 500 Bilder haben seine Männer schon konfisziert. "Wir haben zwei Rubens, beide sind je sechs Millionen Dollar wert", sagt Figueroa stolz. Die zwei Gemälde hängen längst im Museo Nacional, während Repliken wie der falsche Dalí bei der Drogenbehörde bleiben. "Die Narcos protzen gerne mit Gemälden", sagt Figueroa. "Viele werden übers Ohr gehauen. Oder vielleicht ist ihnen auch egal, ob eine Skulptur wirklich von Botero ist." Ende des Jahres will Figueroa die Fälschungen versteigern.

Die Drogenbehörde steht unter Generalverdacht, korrupt zu sein. "Wir sind clean", behauptet Figueroa. "Wenn ich meine Leute losschicke, um Güter zu beschlagnahmen, wissen sie nicht, wohin es geht und um wessen Besitz." Doch auch Vetternwirtschaft und Inkompetenz werden der Behörde vorgeworfen. Nur der Redaktionschef der vor kurzem geschlossenen Sportzeitung "Diario Deportivo" traut sich, die Dinge beim Namen zu nennen: "Vor zwölf Jahren wurde der Wert unserer Zeitung auf fast fünf Millionen Euro geschätzt, es ging uns gut", sagt Arturo Pérez Santos. "Dann begann die DNE Verwalter einzusetzen, weil einer der Besitzer der Zeitung schmutziges Geld investiert hatte. Seitdem hatten wir zehn verschiedene Verwalter, keiner hatte Ahnung vom Zeitungsgeschäft. Es gab keine Strategie, die Zeitung wurde heruntergewirtschaftet. Am Ende lag der Wert bei 400.000 Euro, und wir hatten Schulden."

Mehrere der vom DNE eingesetzten Verwalter veruntreuten Gelder der Sportzeitung. Nur einer wollte etwas übers Zeitungsmachen lernen - um seine eigene aufzumachen. "Er stahl unsere gesamte Kundendatenbank und entließ ohne Grund die meisten Mitarbeiter der Anzeigenabteilung, unsere Einnahmen brachen ein. Wir bluteten langsam aus", sagt Pérez Santos. Sobald er den Betrüger beim Datendiebstahl erwischt hatte, setzte der Chefredakteur Omar Figueroa in Kenntnis. Dieser habe entrüstet reagiert: Der korrupte Verwalter sei doch ein Freund von ihm! Nein, so etwas habe er von seinem amigo nicht erwartet!

"Das Problem sind tatsächlich die Verwalter", sagt auch Senator Javier Cáceres, der der Behörde mehrfach Korruption vorwarf. Es gebe zu wenige Kontrollen. "Wenn der Verwalter einer Viehfarm teure Kühe für 6000 Euro pro Stück verkauft und sie durch billige, die nur 800 Euro kosten ersetzt, bleibt die Stückzahl der Tiere gleich." Außerdem stünden die Verwalter oft unter Druck: "Die DNE konfisziert keine Güter von unbescholtenen Engeln. Es geht um Besitz der Mafia!" sagt Cáceres. "Die Narcos, die Paramilitärs, die Guerilleros wollen weiter an ihrem Besitz verdienen. Sie setzen die Verwalter der DNE unter Druck." Der Senator selbst ist ein Beispiel dafür, dass vieles in Kolumbien miteinander verwoben sein kann. Ihm werden Verbindungen zu Paramilitärs nachgesagt, Beweise gibt es nicht.

90 Millionen Dollar haben Verkäufe und Mieten eingebracht

Figueroa versteht die Kritik nicht: "99,8 Prozent unseres Budgets finanzieren wir selbst. Allein durch Wohnungsvermietungen 80 Millionen US-Dollar im Jahr." Zwischen 2002 und 2006 habe die Behörde Güter im Wert von etwa 600.000 US-Dollar verkauft, 2007 und 2008 stiegen die Erlöse auf ganze 90 Millionen Dollar. Das Geld geht an das Verteidigungsministerium und die Polizei. "Elf Gefängnisse werden damit gebaut. Ist doch genial: Die Mafia-Bosse bezahlen für ihr Zuhause der Zukunft."

Dort, wo einst Pablo Escobar, der meistgesuchte Drogenboss Kolumbiens, wohnte, steht heute eine Ruine. Die Hacienda Napolés, 165 km von Medellín entfernt, wurde von "Schatzsuchern" in ihre Einzelteile zerlegt. Eine Bombe zerstörte die Oldtimer-Sammlung des Chefs des Medelliner-Kartells, zu sehen sind die verkokelten Gerippe. Zehn Jahre dauerte es nach Escobars Tod, bis die Drogenbehörde über das Gelände verfügen konnte.

Die einzigen Bewohner von heute, die schon zu Escobars Zeiten auf dem Gelände wohnten, sind zwei Nilpferde. Einen ganzen Zoo hatte Escobar aufgebaut: mit Giraffen, Löwen, Elefanten. "Wer hat die verrückteste Idee?", soll Escobar gesagt haben. "Ich setze sie um!" Ein Zoo mit afrikanischem Großwild war wohl extravagant genug.

Doch Omar Figueroa von der Drogenbehörde hat eine andere Erklärung für die Tierliebe Escobars: "Drogenhunde lassen von Paketen ab, die mit Geruchsmarken von ranghöheren Tieren markiert sind. Escobar benutzte dafür den Mist von Löwen und Nilpferden."